Die BBC verrät journalistische Grundwerte

Schriftsteller berichten aus aller Welt Vom Siegeszug der Rechten in Polen bis zur Krise der BBC

Dystopiker mit Fluppe. Das Zitat stammt aus einem nie benutzten Vorwort zu Orwells Fabel „Farm der Tiere“. Foto: A.L. Kennedy Vergrößern
Dystopiker mit Fluppe. Das Zitat stammt aus einem nie benutzten Vorwort zu Orwells Fabel „Farm der Tiere“. © A.L. Kennedy

A.L. Kennedy: Die BBC verrät journalistische Grundwerte

A. L. Kennedy wurde 1965 im schottischen Dundee geboren, zuletzt erschien im Hanser Verlag der Roman „Süßer Ernst“. Aus dem Englischen von Tom Zille.

Die Statue von George Orwell steht rechts neben dem Londoner Vorzeigestandort der BBC, Broadcasting House. Einst war Broadcasting House nur ein prachtvoller Art-déco-Tempel für die Kunst, mit einem in Stein gemeißelten lateinischen Sinnspruch, der allen, die durch das Eingangsportal traten, sofort ins Auge fiel. Die Inschrift handelte von den guten Früchten vom guten Baum und vom Frieden, dessen sich die Völker gegenseitig versichern sollten.

Die jüngste, rabiat moderne Erweiterung des Gebäudes umfasst einen Kaffeeverkauf, eine groteske und rätselhafte Reihe von Ortsbezeichnungen in den Bodenplatten – viele von ihnen beziehen sich auf Menschenrechtsverletzungen –, eine düstere unterirdische Kantine, verstreute Studios und mehrere Etagen austauschbarer und ununterscheidbarer Arbeitsplätze.

Die Belegschaft teilt sich schäbige Küchen, unzulängliche Mülleimer, Schreibtische und einen Mangel an Rückzugsraum. Es gibt Mäuse. Insgesamt vermittelt das Gebäude den Eindruck, ein Flughafen aus dem Hinterland sei nach einem schrecklichen Irrtum zur Benutzung requiriert worden. Es kommt wie eine Beleidigung für alle, die im Fernsehen oder Rundfunk arbeiten, daher.

Orwell ist in diesen dystopischen Zeiten beliebter denn je und während des Zweiten Weltkriegs arbeitete der große Mann für die BBC, förderte dort die Künste, plante Debatten, gab Stimmen aus den Kolonien Sendezeit und beleidigte rundheraus die BBC.

Das Zitat von ihm dreht sich darum, einer irregeführten Öffentlichkeit bestürzende Wahrheiten zu verkünden, ein Ziel, das ihm am Herzen lag. Wie so viele unterfinanzierte und dequalifizierte Rundfunksender ist die BBC heute dem Bestürzen ohne Wahrheiten verfallen.

Und natürlich führt die Erzeugung endlosen Schreckens das Publikum am Ende in die Irre und versetzt es in eine feindselige, paranoide und angsterfüllte Geisteshaltung.

Unbestreitbare Tatsachen werden als „kontrovers“ verkauft, Gebrüll wird differenzierter Diskussion vorgezogen und Lügen bleiben unangefochten, während der ganze Zirkus immer weitertorkelt. Die ernste Wirklichkeit drängt sich dabei immer seltener hinein.

Viele der unterbezahlten, befristet und ohne Hoffnung auf Rente beschäftigten Angestellten sind entsetzt vom Absturz des BBC-Nachrichtenressorts in Populismus, Sensationslust und minderwertigen Journalismus.

Die Verbindung von Ahnungslosigkeit, Sparmaßnahmen und rechten Gesprächsthemen ist spürbar zerstörerisch und führt zum Verlust der Unterstützung, welche die BBC als Ganzes selbstverständlich von all jenen erhält, die öffentlich finanzierten, unabhängigen Rundfunk schätzen.

Die Grundsätze des Journalismus lösen sich auf

Unterdessen handeln unsere Politik und öffentliche Verwaltung weitgehend ohne Kontrolle durch unseren wichtigsten Rundfunksender und Galionsfiguren der Faschisten bekommen im Interesse der „Ausgewogenheit“ Sendezeit zugesprochen.

Die Wahrheit wird durch Lügen „ausgewogen“, die Wirklichkeit durch Fiktion – und die Grundsätze des Journalismus lösen sich unter dem endlosen Druck von Überbelastung, Sparmaßnahmen, Dilettantismus, Opportunismus und einem kleinen Grundbestand an echter Begeisterung für rechte Ideologien auf.

Plötzlich sieht Orwells Zitat mehr und mehr so aus, als sagte es uns: „Wir behalten uns das Recht vor, Euch zu verletzen und zu schaden und wir nennen es ‚Freiheit‘.“

Zur Startseite