Freut sich darauf, wieder mit Freunden Fußball in einer Bar zu schauen. Anton von Lucke. Foto: Jeanne Degraa
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Schauspieler Anton von Lucke „Ich kenne das Gefühl der Einsamkeit gut“

Anton von Lucke ist 31 Jahre alt und spielt schon in Film und Fernsehen. Ein Gespräch über Drehs in Corona-Zeiten, Internet-Detox und Breakdance in der Wohnung.

Anton von Lucke, geboren 1989 in Hamburg, hat sein Schauspielstudium von 2011 bis 2015 in Berlin an der Ernst-Busch-Hochschule absolviert. Anschließend war er in der Spielzeit 2015/16 Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Göttingen. Bekannt wurde er durch seine Rolle im deutsch-französischen Film „Frantz“ von François Ozon.

In der Erfolgsserie Babylon Berlin spielte Anton von Lucke die Rolle des Kriminalassistenten Stephan Jänicke, der von Regierungsrat August Benda (Matthias Brandt) beauftragt wird, Kommissar Bruno Wolter (Peter Kurth) wegen dessen Kontakten zur Schwarzen Reichswehr auszuspionieren. Dabei wird Jänicke von Wolter erschossen. Auch im Tatort ist er immer mal wieder zu sehen. Im Sommer war er beim Dreh der Serie „The Mopes“ für TNT Comedy dabei. Anton von Lucke lebt in Berlin.

Herr von Lucke, Theater und Kinos sind zu, die Berlinale ist abgesagt. Wie sehr kämpfen Sie mit der Einsamkeit?
Einsamkeit ist tatsächlich nicht nur ein Thema wegen Corona. Als Schauspieler ist Einsamkeit etwas, womit man sowieso oft zu tun hat auch zwischen den Projekten. Wenn man nach einem Dreh wieder auf sich selbst zurückfällt. Gerade ist es nur extremer, weil man sich extra isolieren muss. Aber ich kenne das schon gut, das ist ein sehr vertrautes Gefühl.

Bei den Drehs, die derzeit noch stattfinden, gibt es sehr strenge Hygieneregeln – wie kann man sich das vorstellen?
Vor dem Dreh muss man in eine „Schutzzeit“ gehen und während des Drehs soll man möglichst niemanden treffen. Außerdem wird das ganze Team alle zwei Tage getestet. Am Set haben alle eine Maske auf, außer während der Szenen. Da muss die Maske dann natürlich runter.

Aber ist das nicht ein komisches Gefühl? Gerade noch mit Maske und Abstand und dann plötzlich legt man das alles ab und spielt eng zusammen?
Wenn man spielt, nimmt man natürlich eine andere Identität an, einen anderen Charakter und eine ganz andere Welt. Manchmal ist man ja auch in einer ganz anderen Zeit, zum Beispiel bei einem historischen Film. Dadurch kann ich das dann eigentlich ziemlich gut vergessen. Man freut sich umso mehr, mal wieder jemandem nah sein zu können. Das ist eher wie eine Befreiung. Also eigentlich ist das als Schauspieler gerade total toll, wenn man die Möglichkeit hat, einen Film zu machen, dass man da dann auch wieder diese Nähe haben kann.

Vor allem freischaffende Schauspieler bekamen lange Zeit kaum Corona-Gelder ausgezahlt. Hatten Sie das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein?
Da ist es so wie mit der Einsamkeit. Als Schauspieler kennt man das schon ein bisschen. Mir war schon im Vorhinein klar, dass ich nicht so leicht staatliche Hilfen in Anspruch nehmen kann. Denn als Schauspieler hat man ohnehin einen komischen Status, weil man immer nur kurzfristig angestellt ist, und dann ist man wieder frei – also wie arbeitslos. Damit fällt man irgendwie durch alle Raster.

Und das war dann eben bei Corona auch so. Da habe ich mich inzwischen einfach arrangiert, dass ich selber klarkomme, mich aus eigener Kraft irgendwie am Leben erhalte. Aber es ist natürlich für viele Schauspieler ein Problem, dass keine Hilfen konkret auch für ihre spezielle Situation auf den Weg gebracht wurden. Viele sind am Existenzminimum.

Das ist die finanzielle Seite. Und wie gehen Sie mit der seelischen Belastung während der Coronakrise um?
Also, erst mal habe ich versucht, mich darauf einzustellen, nicht mehr darauf zu hoffen: „Wann ist es jetzt vorbei!?“ Außerdem mache ich gerade ein „Internet-Detox“, bei dem ich mich einfach auf mich selber konzentriere. Ich lese Bücher oder bastle an irgendwelchen Kurzfilmen rum, die ich letztes Jahr im Lockdown schon mal begonnen hab – hier in meiner Wohnung. Ich versuche, mich nicht durch diese täglichen Negativschlagzeilen erschlagen zu lassen. Und dann gucke ich mal, was nach Corona kommt.

Aber für viele Menschen ist das Internet ja gerade der Zugang, durch den man nicht komplett vereinsamt. Warum verzichten Sie aktuell darauf?
Das Internet ist super, gibt dir die Möglichkeit, mit Leuten Kontakt aufzubauen. Aber gleichzeitig ist das auch die Crux. Tatsächlich geht es mir jetzt gerade besser, seit ich in der Corona-Zeit eben nicht die ganze Zeit gucke was jetzt der allerneueste Stand ist, was die neueste Gefahr. Man könnte sagen, dadurch müsste ich noch einsamer sein. Aber paradoxerweise fühle ich mich weniger einsam. Ich kann auf jeden Fall eine bessere Verbindung zu mir selbst aufbauen.

Können Sie das erklären?
Ich habe mal von einem Medienforscher gelesen, der sagt, dass dieses Immer-weiter-Gucken, dieses Immer-weiter-Runterscrollen eigentlich vergleichbar ist mit dem Effekt, wenn man im Casino am „einarmigen Banditen“ sitzt. Wo diese Bilder durchlaufen: Zitronen, Tomaten oder auch goldene Kekse.

Du lässt es immer weiter runterlaufen, weil du hoffst, dass dann irgendwann diese fünf Zitronen kommen. Du hoffst, dass irgendwann dein Glück kommt. Übertragen auf das Internet würde es bedeuten: Du hoffst, dass irgendwann das kommt, was dich aufbaut – die fünf Zitronen. Du willst die fünf Zitronen! Aber es kommt einfach nicht. Also, so geht es mir jedenfalls.

Das Internet als Glücksspiel, ein treffendes Bild. Worauf freuen Sie sich nach Corona denn ganz besonders?
Ich gucke gerne Fußball in einer Bar. Darauf freue ich mich – und auf die Normalität. Man merkt ja jetzt, was man vorher vom Leben hatte. Dass es eigentlich schön ist, das Leben. Dass man sich treffen kann und umarmen kann und miteinander Sachen unternehmen. Was ist das gerade für eine absurde Situation, dass man vor seinen Freunden Angst haben muss! Das ist ja total verstörend! Beziehungen zu anderen Menschen sind eigentlich das Allerwichtigste im Leben. Und das merkt man jetzt noch mal besonders.

Und welche Schauspielprojekte stehen demnächst an?
Bisher ist das nächste Projekt im Frühjahr geplant. Das ist zwar noch nicht offiziell, aber ich kann verraten, dass es eine historische Geschichte ist. Ich spiele einen Dolmetscher, französisch-deutsch, mehr kann ich jetzt noch nicht verraten.

Sie haben früher Breakdance gemacht. Warum sehen wir Sie nicht in einem Tanzfilm?
Oh ja, Breakdance! Das habe ich gemacht, da war ich so zwischen zwölf und 15 Jahren, könnte ich aber vielleicht mal wieder anfangen. Mal sehen, ob die Nachbarn das so lustig finden, wenn man jetzt, wenn alle wegen des Lockdowns zu Hause sind, hier auf dem Parkett rumtanzt und breakt.

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