Wird hier die Menschenwürde der Klägerin verletzt?

Szene aus der umstrittenen Inszenierung „Fear“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Foto: dpa
Schaubühne Berlin "Fear" siegt über die Angst von AfD und Pegida

Hegemann, der anklingen lässt, dass er politisch mit seiner Mandantin keineswegs übereinstimme, fährt das größtmögliche Geschütz auf: die Menschenwürde, Artikel 1 Grundgesetz. Frau von B., kein AfD-, sondern CDU-Mitglied, werde im Kern ihrer Würde verletzt, indem ihr reales Konterfei gezeigt werde, etwa neben Zschäpe oder Breivik, darüber hinaus würden ihrem Porträt die „Augen rausgerissen“ und sie mit Terroristen in Zusammenhang gebracht. Auch eine Textstelle, dass man Zombies, um sie auszulöschen, „ins Gehirn schießen“ müsse, belege die Verletzung der Menschenwürde. Hilfsweise könne auch eine Abwägung zwischen dem Recht am eigenen Bild und der Kunstfreiheit stattfinden, aber bei einem Angriff auf die Menschenwürde trete die Kunstfreiheit ohnehin zurück. Dem widersprachen Eisenberg und Stefanie Schork.

Zwar seien „die adligen Damen“ (so Eisenberg) persönlich erkennbar, aber diese mit eigenen Ängsten und allgemeinen Phobien spielende Theateraufführung sei allemal eine legitime künstlerische Reflexion der Wirklichkeit. Es gebe keinen Aufruf, die Zombies als reale Personen (die Zombies nie seien) zu erschießen. Auch steche niemand Augen aus, vielmehr würden die Schauspieler die Porträtfotos in einer Szene wie Masken vorm Gesicht tragen und hätten für sich dabei Augenlöcher gebraucht. Als Hegemann ein Szenenfoto wie zum Gegenbeweis vorlegt, wird die Echtheit und Herkunft bezweifelt. Ostermeier, der wohl das Lüth-Video als Quelle vermutet, ruft da „Urheberrechtsverletzung“. Hegemann kontert, es sei schon lustig, wenn sich heutige Theaterleute ausgerechnet auf das Urheberrecht beriefen.

Im Januar steht "Fear" wieder auf dem Spielplan

Nicht die Szene wird hier zum Tribunal, auch das Gericht gerät zur Szene. Bisweilen zum Dramolett. Als man schon bei fast zwei statt einer halben Stunde Verhandlungsdauer ist, wird vor der Sache „von Storch“ zur allgemeinen Verblüffung noch ein inzwischen überfälliger Erbschaftsstreit als Blitztermin dazwischengeschoben.

Am Nachmittag aber hat das Kammergericht ohne öffentliche Verkündung die erste Einstweilige Verfügung aufgehoben und der Schaubühne in beiden Fällen recht gegeben. So bleibt in den nächsten Vorstellungen vom 8. bis 10. Januar alles wie gehabt. Johannes Eisenberg hatte offenbar überzeugend plädiert: Wenn ein politisches Theaterstück reale politische Personen nicht mehr benennen dürfe, wäre dies eine Absurdität – und ganz anders als im Fall „Esra“, wo der Bundesgerichtshof dem Autor Maxim Biller verwehrt hatte, seine Schwiegermutter als Privatperson erkennbar bloßzustellen.

Abzuwarten bleibt nun die schriftliche richterliche Begründung – und ob die Klägerinnen noch ein zivilrechtliches Hauptverfahren anstreben werden.

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