Szene mit Hevin Tekin und Jule Böwe. Foto: Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola

Schaubühne Berlin Pausengespräche im Schlachthaus

Alexander Zeldin will das echte Leben detailgenau auf die Bühne bringen: Die Berliner Schaubühne zeigt jetzt sein Stück „Beyond Caring“.

Die Nachtschicht ist zu Ende für die Putzkolonne in der Fleischfabrik. Und der Vorarbeiter Jan, der sich gern noch schnell einen Kaugummi zwischen die Zähne schiebt, bevor er demütigende Botschaften an seine prekär-temporär zusammengewürfelte Belegschaft aussendet, hat sich Zeit für „Einzelgespräche“ genommen. Eine Minute für jeden, wie er in Gestalt des Schauspielers Damir Avdic gönnerhaft zwischen den Kaumuskeln hervornuschelt.

Gerade sitzt Sonja vor ihm, eine introvertierte Endvierzigerin mit Seniorinnenschuhwerk und anderen sozialen Markern, die man eigentlich eher bei der Generation achtzig plus vermuten würde: batteriebetriebener Kassettenrekorder, ältlicher Handtaschenbeutel, betont unsicherer Schritt.

Nach stundenlangem Akkordschrubben blutverschmierter Fliesen und Schlachtmaschinen, die aussehen wie Folterbänke und die in der Berliner Schaubühne von Bühnenbildnerin Natasha Jenkins in plastischster Realness aufgefahren werden, muss Sonja noch die Auswertung ihrer fiesen kleinen Hausaufgabe über sich ergehen lassen. Sie sollte ihren Zustimmungsgrad zu Aussagen notieren wie: „Ich bin ordentlich.“ Oder: „Ich bin voller Ideen.“ Und: „Ich mag Zeitdruck.“

Zeitdruck soll den Mitarbeitenden Spaß machen

Man weiß nicht genau, ob der von Jule Böwe gespielten Frau klar ist, dass sie hier gerade – ausgestellt im grellsten Neonlicht und umgeben von Regalen und Paletten mit Reinigungschemikalieneimern – zwecks einer Art Eigen-PR auf ihrem selbst herbeigetragenen Plastikstuhl sitzt. Umso fester steht dafür, dass Jan not amused ist. „Unter ,Ich mag Zeitdruck’ hast du ,Trifft nicht zu’ angekreuzt“, gibt er kalkuliert vorwurfsvoll zu bedenken und setzt sein Problemgesicht auf. Sie solle mal darüber nachdenken, wie sie selbst daran arbeiten könne, dass ihr der Zeitdruck künftig „mehr Spaß macht“.

Der britische Dramatiker und Regisseur Alexander Zeldin hat sich mit dem Milieu, das er hier in seiner Produktion „Beyond Caring“ zeigt, gründlich beschäftigt. „Recherchen in der Reinigungsbranche und in Fleischfabriken“ inklusive „eigener Erfahrungen als Putzkraft“ bildeten die Grundlage des Stückes, informiert die Schaubühne auf ihrer Website; in den Probenprozess seien „reale Reinigungskräfte“ eingebunden worden.

Alexander Zeldin, den regelmäßige Schaubühnen-Besucherinnen und -Besucher bereits von seinem FIND-Gastspiel „Love“ im vergangenen Jahr kennen, suche in seinen Werken „nach einer neuen Form von theatralem Realismus“ und fokussiere zu diesem Zweck „auf der Bühne kleinste Details“.

In den Schichtpausen sitzen sie am Resopaltisch

Es soll, mit anderen Worten, dezidiert undramatisch zugehen bei Zeldins Präsentation jenes gesellschaftlichen Mikrokosmos, in dem Chefs – wie wir lernen – als zu lang empfundene Toilettenpausen kurzerhand vom Lohn abziehen. Immer wieder ist zu sehen, wie sich Sonja, die renitente Becky (Julia Schubert), die junge, aber schon rheumakranke und wegen ihres Arbeitstempos ständig angezählte Ava (Hêvîn Tekin) und der dauerunterspannte Michael (Kay Bartholomäus Schulze) zur Schichtpause an einem Resopaltisch zusammenfinden. Man schaut ihnen dabei zu, wie sie zuerst ausdrücklich nicht und dann irgendwann doch miteinander reden. Wie sie mit der Aussicht auf eine vermeintliche Festanstellung gegeneinander ausgespielt und zur Schwarzarbeit erpresst werden und wie schon Cent-Beträge für Automaten-Kaffee ein unüberwindliches Konsumhindernis darstellen.

Zeldin arbeitet erstmals mit dem Schaubühnen-Ensemble zusammen

Zeldin, der sonst häufig extra Laien besetzt, hatte „Beyond Caring“ 2014 schon einmal in London inszeniert. Jetzt, in der deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes, arbeitet er erstmals mit dem sozialrealismuserprobten Schaubühnen-Ensemble zusammen.

Und nicht nur das neigt durchaus zur Hyperdeutlichkeit mit seinen Blicken, Gesten, Gängen. Sondern auch die theatralen Mittel, die der Regisseur selbst einsetzt, gewinnen mitunter dräuenden Symbolcharakter. Die soundeffektvoll untermalen Blacks, die die (Pausen-)Szenen voneinander trennen, rufen praktisch mit jedem Ton: „Theater!“ Und den Preis für die Überdramatisierung des Abends gewinnt die trostlose kleine Sexnummer, die Becky und Michael kurz vor Schluss just an jene Fliesenwand gepresst absolvieren, die sie vor- und nachher akribisch vom Schlachttierblut zu reinigen haben. So verschwimmt bisweilen die Grenze dieser „neuen Form von theatralem Realismus“ zum Voyeurismus – jedenfalls für ein Publikum, das in der Hauptsache nicht so aussieht, als hätte es jemals über einen Euro nachgedacht, der in einem Kaffeeautomaten oder sonstwo verloren gegangen ist.

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