Boris Pasternak (sitzend) im Gespräch mit André Malraux, Gustav Regler und Ilja Ehrenburg. Foto: Stanfordville, NY, Fred Stein Archive
© Stanfordville, NY, Fred Stein Archive

Schau zu Fred Stein Der Mann, der mit der Leica gegen die Nazis kämpfte

Fred Stein musste 1933 aus Deutschland fliehen. In Paris stieg er zum Porträtisten des Exils auf. Nun würdigt das Deutsche Historische Museum sein Werk.

Egon Erwin Kisch hat keine Zeit. Hastig entzündet er vor dem Schlosspark von Versailles eine Zigarette, es wirkt, als jage der rasende Reporter einer Sensation hinterher. Auch Klaus Mann scheint im Aufbruch begriffen. Auf dem ersten Bild fixiert er rauchend den Betrachter, auf dem zweiten vertieft er sich, stehend und mit um den Hals geworfenen Schal, in ein Schreiben, vielleicht einen Brief.

Walter Mehring prostet verschmitzt der Kamera mit einem Glas zu, Gustav Regler lehnt an seiner Balkonbrüstung. Alfred Kantorowicz steht in seiner Wohnung vor dem Spiegel, man sieht seinen Kopf von hinten mit ausrasiertem Nacken und gespiegelt von vorn mit gesenktem Blick. Ein Wecker zeigt die Uhrzeit an: Viertel vor eins.

Brecht versteinert, Heinrich Mann müde

Es ist eine erlesene Porträtgalerie, die im Deutschen Historischen Museum besichtigt werden kann. In der Ausstellung „Report from Exile“ sind Fotos von emigrierten Schriftstellern, Publizistinnen und Intellektuellen versammelt, aufgenommen von Fred Stein in Paris, das nach 1933 zum wichtigsten Zentrum des deutschsprachigen Exils aufstieg. Stein war nahe dran an den Menschen, die er fotografierte, weil er selbst zu ihnen gehörte. Auch er war gezwungen worden, seine Heimat zu verlassen. Sein Name mag nicht sehr bekannt sein, sein Werk ist es. Viele von Steins Porträts sind inzwischen Klassiker, im kollektiven Gedächtnis verschmolzen mit den Menschen, die sie zeigen.

Brecht, mit gesenktem Blick wie versteinert im Bewusstsein seiner eigenen Größe. Alfred Döblin, den Kopf auf seine Hand gestützt und die Welt skeptisch durch dicke Brillengläser beäugend. Ein erschöpfter Heinrich Mann. Die Brille, die auf dem Tisch vor ihm liegt, hat einen Abdruck auf seiner Schläfe hinterlassen.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]

160 Fotos umfasst die Retrospektive, die Hälfte davon sind Porträts. Der Saal, in dem 40 der illustren Literaten sich von ihren schwarzweißen Fotos aus Blicke und Gesten zuzuwerfen scheinen, als würden sie noch einmal ein Gespräch miteinander beginnen wollen, ist, so die Kuratorin Ulrike Kuschel, dass „Herz der Ausstellung“. In Vitrinen liegen Manuskripte, Buch- und Zeitungsveröffentlichungen und Devotionalien wie die Pistole des kommunistischen Schriftstellers Willi Bredel, mit der er wahrscheinlich als Kommissar der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfte.

Zum neuen Beruf gezwungen

Die Emigration habe ihn „zum neuen Beruf gezwungen“, erinnerte sich Stein später. Der Sohn eines Rabbiners, 1909 in Dresden geboren, hatte Jura studiert und das erste Staatsexamen absolviert, bevor er als Referendar aus dem sächsischen Justizdienst entlassen wurde, weil er Jude war. Als Mitglied der von den Nationalsozialisten verbotenen Sozialistischen Arbeiterpartei, für die er Flugblätter verteilte, war er doppelt bedroht. Mit seiner Frau Lilo brach Stein im Oktober 1933 nach Paris auf. Eine gebraucht gekaufte Leica-Kamera, die sich beide zum Hochzeitsgeschenk gemacht hatten, ermöglichte ihm den Einstieg in eine neue Existenz. Die bereits etablierten Kollegen Robert Capa und David Seymour vermittelten ihm erste Presseaufträge.

Klaus Mann 1935 in Paris. Foto: Stanfordville, NY, Fred Stein Archive Vergrößern
Klaus Mann 1935 in Paris. © Stanfordville, NY, Fred Stein Archive

Die Leica hatte als erste Kleinbildkamera der Welt die Fotografie revolutioniert, weil sich mit ihr in schneller Folge Aufnahmen aus der Hand machen ließen. Auch als Porträtist blieb Stein in erster Linie Reporter, dem es nicht darauf ankam, das beste Licht zu setzen, sondern den entscheidenden Augenblick zu erhaschen, in dem sich der Charakter einer Person sinnbildlich verdichtet.

Aufwendige Inszenierungen im Studio verabscheute er, mit seinen Fotos wollte er „wahre Porträts“ schaffen, ein Bild, „das über den äußeren und inneren Menschen aussagt“. Als „Kopfjäger“, wie er sich ironisch nannte, hat Stein es weit gebracht. Die Mitgliedschaft im Verband deutscher Journalisten in der Emigration, zu dessen Kassenwart er aufstieg, verschaffte ihm den Kontakt zu vielen prominenten Schicksalsgenossen. Sein Archiv mit hunderten Porträts exilierter Schriftsteller:innen war schließlich, so sein Resümee, „wahrscheinlich die größte Sammlung von Fotos solcher Autoren, die ein Fotograf je gemacht hat“.

Ironisch nannte er sich "Kopfjäger"

Fred Stein muss nicht wiederentdeckt werden, dafür haben schon Ausstellungen im Jüdischen Museum Berlin und in Dresden gesorgt. Aber noch nie waren seine Aufnahmen vom Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, der 1935 in Paris stattfand, als Konvolut gezeigt worden. Vergeblich versuchten die dort versammelten Geistesgrößen sich mit der Macht des Wortes dem Vormarsch des Faschismus entgegenzustemmen. Als die Wehrmacht in Frankreich 1940 einfiel, wurde Stein als „feindlicher Ausländer“ interniert. Er floh aus dem Lager und entkam im Mai 1941 mit Frau und Tochter von Marseille aus an Bord des Dampfers „SS Winnipeg“ nach New York.

Anna Seghers 1937 in Paris. Foto: Stanfordville, NY, Fred Stein Archive Vergrößern
Anna Seghers 1937 in Paris. © Stanfordville, NY, Fred Stein Archive

Mit einer geschenkten Rolleiflexkamera musste er noch einmal bei null beginnen, es war nicht leicht, sich im umkämpften amerikanischen Pressegeschäft zu etablieren. Den Lebensunterhalt verdiente er mit „Bread and Butter“-Arbeiten wie Hochzeits- und Kinderfotos, daneben trieb er ehrgeizige Buchprojekte voran, die er „Rosinen im Kopf“ nannte. Neben Emigranten wie Brecht oder Arthur Koestler, die er schon aus Paris kannte, porträtierte er nun auch Thomas Mann, Stefan Heym und Einstein.

Rückkehr nach Deutschland

Fred Stein war ein großer Menschen-Erkunder, nicht nur im Genre des Porträts. Hinreißend sind seine Pariser Straßenszenen, die Angler an der Seine, Blumenhändler oder ein Liebespaar zeigen, das sich im dunstigen Licht einer Straßenlaterne näherkommt. Nach Deutschland kehrte er erstmals 1958 zurück, neun Jahre vor seinem Tod. In seinen Bildband „Deutsche Portraits“ nahm er auch Mitläufer und Kollaborateure des NS-Regimes auf wie Gustaf Gründgens und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Er wollte das Bildnis eines Landes zeichnen, in dem, wie Stein süffisant anmerkte, „nicht nur Engel“ lebten (DHM, bis 20. Juni. Mo–So 10–18 Uhr. Limitiertes Ticketkontingent ausschließlich online. Katalog 18 €).

Zur Startseite