Alexander Deinekas Gemälde "Beim Bau neuer Werkhallen" aus dem Jahr 1926. Foto: Alexej Sergeew, VG Bild-Kunst, Bonn 2019
© Alexej Sergeew, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Schau in Mannheims neuer Kunsthalle Wie geht die Kunst mit dem Wandel der Welt um?

Annika Wind

„Konstruktion der Welt“: Die erste Sonderschau in Mannheims neuer Kunsthalle bringt Kunst und Ökonomie zusammen.

So malerisch, diese Umweltzerstörung! Urplötzlich tauchen kleine Inseln vor Singapur auf. Charles Lim Yi Yong zeigt aus der Luft, wie sich die Landesgrenze immer weiter verschiebt. Seine geradezu poetischen Bilder dokumentieren einen gigantischen Kraftakt. „Konstruktion der Welt“ heißt diese bemerkenswerte Mannheimer Schau, der ersten Sonderausstellung der erweiterten Kunsthalle, die im vergangenen Sommer eröffnet wurde. Sie zeigt, wie sich die Ökonomie nimmt, was sie braucht: ganze Landzüge, wie in Singapur. Menschen und Maschinen, die dafür tonnenweise Masse bewegen. Und auch politische Mechanismen einsetzen, viel Geld oder künstliche Intelligenz.

Wie geht die Kunst mit dem Wandel der Welt um? Wie reagiert sie auf die Umbrüche, die die Ökonomie vorantreibt? Das sind die Grundfragen der Doppelschau, die 250 Werke versammelt. Sie richtet den Fokus auf gleich zwei Zeitspannen: Während sich Kurator Sebastian Baden in den oberen Etagen mit den Jahren 2008 bis 2018 und damit auch mit den Reaktionen aus 21 Ländern auf die jüngste Finanzkrise beschäftigt, zeigt Eckhart Gillen im Erdgeschoss Arbeiten aus dem Kontext von 1919 bis 1939.

Positionen aus Neuer Sachlichkeit, Verismus und Präzionismus

Gillens Fokus liegt auf Deutschland, Russland und den USA. Seine Erzählung beginnt mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und Deutschen Kaiserreichs, mit der Komintern in Moskau und den Rassenunruhen in den USA. Natürlich dürfen da die beißenden Invaliden-Porträts von Otto Dix oder feisten Unternehmer-Bilder von George Grosz nicht fehlen. Der Ort, die Kunsthalle, fordert solche Darstellungen geradezu ein. Schließlich wurde hier 1925 die Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ gezeigt, mit der Gustav Friedrich Hartlaub nicht nur einen Stilbegriff prägte, sondern auch Künstler ausstellte, die mit ihrer nüchternen Darstellungsform vor allem eines versuchten: die Welt um sie herum nach Krieg, Inflation und Chaos wieder zu ordnen.

Gillen zeigt mit Positionen aus Neuer Sachlichkeit, Verismus und Präzionismus die zunächst große ästhetische Nähe der Kunst aller drei Länder. Er versammelt mit Malereien und Magazinen, Fotos und Filmen, Montagen und Collagen Positionen zwischen Widerstand und Kritik, Glorifizierung und Propaganda. Sinnlich und systemübergreifend, anschaulich und kontrovers. Er führt vor, dass Fordismus und Taylorismus, die großen Mechanismen des Kapitalismus, auch in Russland hoch willkommen waren – um den Sozialismus voranzutreiben. Dass noch 1937 die Elektrifizierung in den USA ein riesiges Problem darstellte. Oder wie sehr der Sport in Deutschland die Massen mobilisierte, sich aber auch der (künstlerische) Widerstand formierte, woran Werner Heldts Bild „Aufmarsch der Nullen“ von 1935 erinnert. Kurios ist, dass der Neubau der Mannheimer Kunsthalle für seinen großartigen Bilder-Kosmos so wenig Hängefläche bietet. Gillen muss daher mit unschönen Stellwänden arbeiten. Auch Historisches wird künftig im großzügigen Lichtatrium des umstrittenen gmp-Baus fehlen – der Brandschutz verbietet es.

So bleiben die beiden Zeitspannen räumlich und inhaltlich voneinander getrennt. Gleichwohl legt der französische Aktionskünstler Thierry Geoffroy Fährten: Seine mit konsumkritischen Slogans besprühten Zelte schlängeln sich von Raum zu Raum. Zudem zeigen beide Ausstellungen: Die Wege und Mittel der Ökonomie mögen sich seit 1919 radikal verändert haben. Die Ambivalenz zwischen Fortschrittsgläubigkeit und Umweltzerstörung, die Schere zwischen Arm und Reich sind geblieben.

Ökonomie mal ironisch, mal kontrovers kommentiert

Sebastian Baden stellt zeitgenössische Positionen gebündelt nach Themenbereichen wie Protest, Logistik oder Arbeit aus. Werke, die den Einfluss der Ökonomie mal ironisch, mal kontrovers kommentieren und auch Bezug nehmen auf Historisches. José Antonio Vega Macotela lässt auf einer riesigen Spieluhr, die ausgerechnet Hammer und Meißel vorantreiben, Sklavenlieder aus dem 18. Jahrhundert abspielen – neben Manets berühmten Historienbild aus dem Besitz der Kunsthalle, mit dem er die Erschießung des unglückseligen Kaisers Maximilian in Mexiko dokumentierte.

Harun Farockis und Antje Ehmanns Dokumentationen aus 54 Arbeitsorten in neun Ländern, wie Bangalore, Buenos Aires oder Kairo, sind bekannt. Baden jedoch lässt sie wirkungsvoll auf riesigen Screens ablaufen, die in einem dunklen Raum eine Art Parcours ergeben. Maya Zack zeigt in ihrem Video „Mother Economy“ eine jüdische Hausfrau, die versucht, die Erinnerung an ihre wohl im Holocaust umgekommenen Familienmitglieder zu ökonomisieren: Da werden akribisch Portionen eines traditionellen Kuchens zugeteilt – aber die Plätze am Tisch bleiben leer. Maja Bajevi hat von bosnischen Näherinnen Börsenkurse globaler Handelsgüter in Teppiche weben lassen. Dazu ziehen beunruhigende Roboter-Skulpturen der Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) ihre Runden – Gerätschaften, die mit Computerstimmen miteinander kommunizieren und doch auf nur ein einziges Vorhaben getrimmt sind: Kontrolle.

Bedrückendes Werk über das Zwangsarbeiterlager Breitenau

Direkt vor der Kunsthalle hat Sebastian Baden eine Mannheimer Debatte miteinbezogen: Junge Künstler der HBK Saar Völklingen betreiben hier ein Labor, in dem Betty Beier ein mal ein Quadratmeter große Bildskulpturen von Krisenherden der Welt präsentiert. Ihr letzter Einsatzort? Der vom Braunkohleabbau bedrohte Hambacher Forst. Dass die Künstler für ihre Ausstellungen, Gesprächsrunden, Performances eine Baracke der ehemaligen US-Army aus Mannheim nutzen, ist ein schöner Kommentar zum aktuellen Stadtumbau. Riesige Konversionsflächen werden hier nach und nach zu neuen Stadtteilen entwickelt. Vorangetrieben und mitfinanziert von Investoren.

Zum Thema Arbeit zeigt im Innern der Kunsthalle Sonja Ivekovic ein bedrückendes Werk über das Zwangsarbeiterlager Breitenau in den Jahren 1940 bis 1945, in der die Haftgründe in Originaldokumenten nachzulesen sind und die Logos des einst mitverwickelten VW-Konzerns gezeigt werden. Im Neubau, den ein Mitbegründer der SAP überhaupt erst möglich machte. Durch seine private Einzelspende von 50 Millionen Euro – Kunst und Ökonomie …

Kunsthalle Mannheim, Teil 1 bis 3. 2., Teil 2 bis 3. 3.; beide Kat. (Kerber) zus. 55 €

Zur Startseite