Zusammenspiel. Die ineinandergreifenden Abläufe bei der Herstellung eines Tafelservice wie in der polnischen Manufaktur Cmielów gleichen einem Ballett. Foto: Arkadiusz Szwed
© Arkadiusz Szwed

Schau im Museum Europäischer Kulturen Der menschliche Faktor

Das Museum Europäischer Kulturen zeigt ab Freitag Porzellanservice mit kobaltblauen Fingerspuren.

Befleckt! Was sonst niemals sichtbar wird, zeigt sich auf der glänzend glasierten Oberfläche der Saucieren, Kännchen und Tassen mit den zierlichen Henkeln. Fingerabdrücke in leuchtendem Kobaltblau besudeln das elegante Porzellanservice „Rokoko“. Beim Glasurbrand für immer fixiert, sind sie nie mehr abzuwischen. Sechs Personen könnten von dem vielteiligen Service an einer festlich gedeckten Tafel speisen.

Aber wer lädt heute noch Familie oder Freundeskreis zum klassischen Format des gesetzten Essens in großer Runde? Legeres Brunchen und bewegliches Casual-Speisen am Buffet haben sich durchgesetzt, selbst zum Sonntagsfrühstück kommen stoßfeste Kaffeebecher statt des traditionsreichen Ensembles aus Tasse, Untertasse und Co. auf den Tisch.

Im polnischen Cmielów läuft die Tradition noch. Seit 1790 wird hier unweit der Weichsel manufakturmäßig Geschirr gefertigt, anfangs Steingut und Fayence aufgrund lokaler Rohstoffvorkommen. 1838 stellte man auf das noble Porzellan mit dem blütenweißen Scherben und hauchzartem Oberflächenfinish um.

Bis heute zielt der Ehrgeiz und Anspruch der Frauen und Männer mit den geschickten Händen darauf, dass ihrer Fingerspitzen Arbeit niemals sichtbar sein darf. Makellos, wie von Zauberhand geschaffen, sieht jedes fertige Stück aus. Aber genau diese Tarnkappe der Fabrikproduktion haben die Ethnologin Ewa Klekot und Keramikdesigner Arkadiusz Szwed gelüftet. Ihr gemeinsames Projekt macht die menschliche Spur im Tafelservice sichtbar.

Bereits in Helsinki, Budapest, Prag, Reykjavik war die Ausstellung zu sehen, auch im Londoner Victoria & Albert Museum wurde das Unikat-Service „The Human Trace“ vorsichtig aus den Transportkisten gehoben. Nun ist es im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem angekommen. Hier und nicht im Kunstgewerbemuseum. Denn bei diesem Projekt steht die Geschichte und Arbeit der Menschen dahinter. 24 von insgesamt 380 Mitarbeiter:innen sind in großen Schwarzweißfotos und persönlichen Erzählungen präsent.

Die Schau zeigt, wie in der Porzellanfabrik gearbeitet wird

„Das Herauslösen aus der Form zu lernen, wurde für mich zum wahren Albtraum“, bekennt ein Gießer von Porzellanvasen. „Ich arbeite seit 35 Jahren hier,“ meint eine Garniererin, zuständig etwa für das behutsame Ansetzen der Henkel. Wer so lange dabei sei, könne alles machen und überall im Fertigungsprozess einspringen. Die Fotoporträts am Arbeitsplatz erinnern in ihrem würdevollen und unaufgeregten In-die-Kamera-Schauen an August Sanders legendäre Aufnahmen arbeitender Menschen aus den 1920er Jahren.

[Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, bis 12. 9.; Di bis Fr 10 – 17 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr. Katalog 25 €. Die Ausstellung ist bei weiter sinkender Inzidenz ab Freitag geöffnet.]

Was den in der Porzellanfabrik Tätigen teils seit Generation vertraut ist, veranschaulicht in der Ausstellung ein „Produktionsablauf“ in Etappen: Von einem Klumpen feuchter Porzellanmasse aus Kaolin, Quarz und Feldspat über das Gipsmodell, den Rohbrand und nach der Glasur, den finalen Brand bei über 1200 Grad.

Schließlich steht die verschnörkelte Sauciere mit ihrem bauchigen Korpus und dem vorwitzigen Gießer fertig da. Bis hierher darf nichts schiefgehen. Seit dem 19. Jahrhundert ist das Service „Rokoko“ am Markt zu haben, ob in weiß, mit Goldrand oder handgemaltem Dekor. Aber niemals gab es ein Ensemble, wie es jetzt im Scheinwerferlicht blitzt: gebrandmarkt mit den schnöden, unregelmäßigen Spuren der Arbeit.

Fabrikarbeit als kulturelles Vermächtnis

Fingerabdrücke zeigen sich auf den Tellerrändern oder Deckelknäufen, wo immer Hand angelegt wurde im Fertigungsprozess. Künstler Szwed und Ethnologin Klekot hatten die Mitarbeitenden gebeten, Baumwollhandschuhe überzustreifen und ihre Fingerspitzen in Kobaltsalz zu stippen, bevor sie zu Werke gingen. Die anfangs unsichtbaren Berührungsspuren traten erst beim Glasurbrand unübersehbar zu Tage.

Den Mitarbeitern selbst gefiel das gar nicht, als das Unikat-Service zur Premierenausstellung mitten in der Fabrik aufgebaut wurde. Ein Zahlencode auf der Unterseite jedes Stücks verrät, durch wie vieler Menschen Hände es ging: mal sind es 5, mal 18, je nach Komplexität der Form. Aber ist das wirklich so wichtig?

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Ethnologin Ewa Klekot, die als teilnehmende Forscherin über längere Zeit die Produktionsabläufe beobachtete, plädiert dafür, auch solche Fabrikarbeit als kulturelles Vermächtnis wertzuschätzen. Ähnlich wie Körbeflechten, Buchbinden, Spitzenklöppeln oder Köhlerei, die ja mittlerweile als immaterielles UNESCO-Kulturerbe Europas anerkannt sind.

Das Zusammenspiel der Abläufe sei wie ein Ballett, findet Beate Wild vom Dahlemer Museum, wenn etwa die für das Eintauchen ins Glasurbad zuständige Mitarbeiterin eine schwere Terrine leichthändig in einer fließenden Bewegung einstippt, für Sekunden in der Flüssigkeit loslässt und dann, rundum vollständig benetzt, flugs wieder heraushebt.

Auf vielen der Fotos lachen die Dargestellten. Ihre meist nicht mehr ganz jungen Gesichter und ins vertraute Arbeitsumfeld eingebetteten Körper strahlen Ruhe, Konzentration und Verbundenheit mit ihrem Tun aus. Fast kommt Neid auf, auf ihr scheinbar so unentfremdetes Arbeiten. Das Schwarzweiß der Aufnahmen unterstreicht den sanften Retrotouch dieses Einblicks in eine fremde, vertraute Arbeitswelt inmitten Europas.

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