Majewskis Video „Yaadikone“ von 2017 erinnert an die Begegnung mit dem senegalesischen Künstler Issa Samb. Foto: Courtesy of Antje Majewski, neugerriemschneider, Berlin, VG Bildkunst Bonn 2018
© Courtesy of Antje Majewski, neugerriemschneider, Berlin, VG Bildkunst Bonn 2018

Schau im Hamburger Bahnhof Wir sind nur Werkzeug

Frederic Jage-Bowler

Der Mensch und die anderen: Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof versucht mit Vögeln, Bäumen, Muscheln ins Gespräch zu kommen.

Das Haus sieht leer aus. Bett, ein Tisch, ein Moskitonetz hängt von der Decke. Die Wände aber sind voll von großflächig bemalten Leinwänden. Wir sehen eine Menschenmenge. Ihre Konturen sind in die Leinenhaut gestickt. Über ihnen erhebt sich, im rötlichen Kastanienbraun, ein Elefantenkörper. Sein mächtiges Auge glitzert. In ihm scheint sich etwas zu spiegeln. „Die ewige Erinnerung der Menschheit,“ steht darüber.

Gegenüber befindet sich eine Muschel, beinahe schädelgroß. Eine Maserung durchzieht ihre Oberfläche wie Wurzelwerk. Oben drauf ein dunkler Fleck. Der Schatten einer Silbermünze. Bis zu seinem Tod im Jahr 2017 lebt Issa Samb in Dakar, Senegal. Eine Videoprojektion zeigt den Künstler, Schriftsteller, Philosophen bei der Arbeit, manchmal im Haus, meist auf seinem verrümpelten und überwucherten Hof. Manches aus den Aufnahmen findet sich nun in den Räumlichkeiten des Hamburger Bahnhofs wieder.

„How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls and lions“ ist das Ergebnis mehrjähriger gemeinsamer Reflektionen über Umwelt und Kultur am Anfang des sogenannten Anthropozäns. Die polnische Kuratorin Aleksandra Jach hat die Ausstellung gemeinsam mit der Berliner Künstlerin Antje Majewski und zwölf weiteren Künstlern aus Europa, Afrika, Asien und Südamerika konzipiert. Es geht um zerstörte Orte und bedrohte Lebensformen.

Philosophischer Paradigmenwechsel

Einigermaßen anarchisch wirkt die Zusammenstellung der zehn Räume im Obergeschoss des Hamburger Bahnhofs. Da stehen kleinformatige Schwarzweiß-Fotos neben merkwürdigen Bambuskonstruktionen. Es gibt selbstgebaute Floße und Zelte. An den Wänden hängen bunte Vogelhäuser. Die Räume sind thematisch geordnet, wenn auch nicht im Sinne formaler Strenge. Die beiden metaphorischen Hauptstränge der Ausstellung beschreiben Fließendes und Netziges: Wasser und Gewächs. Immer wieder findet sich etwas, das scheinbar am falschen Platz abgestellt wurde. Kalkulierte Zufallsbegegnungen, Anstöße zum Dialog. Wie der Titel schon impliziert, sollen die Dinge, das Material, selbst zum Sprechen gebracht werden.

Streng genommen geht es dabei um nicht weniger als einen philosophischen Paradigmenwechsel. Zu lange, so heißt es, glaubten die Menschen an eine transzendente Wahrheit, verstanden sie sich als die Krönung der Schöpfung. Die Erde, ihre anderen Bewohner, das ganze menschengemachte Zeug auf dem Planeten – 30 Billionen Tonnen gibt es davon inzwischen angeblich. Vom stahlharten Gehäuse menschlicher Allmachtsphantasien aus gesehen, ist es nichts weiter als nützliches Werkzeug. Die Werke in der Ausstellung versuchen mit solch einer Sichtweise zu brechen. In einem Video sagt Issa Samb: „Der Künstler ist kein Fährmann und kein Vermittler. Er ist das Mittel zu einem höheren Zweck. Er selbst ist das Werkzeug.“

Das ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu verstehen, und doch kann es durch einen einfachen Vergleich illustriert werden. Keine 600 Meter vom Ausstellungsort entfernt zeigt das Naturkundemuseum aktuell eine Sammlung großformatiger Farbfotografien des US-Amerikaners J Henry Fair. Die Luftaufnahmen der durch Menschenhand veränderten Landschaften sind farbintensiv und zeugen auf verstörend schöne Weise von der allgegenwärtigen Umweltzerstörung. Fairs Perspektive allerdings, vom Himmel herab, bleibt anthropozentrischen Kriterien verhaftet. Denn es ist keine Vogelperspektive, aus der er da blickt, sondern die Gottes. Frei nach Ludwig Feuerbach spiegelt sich in ihr die Sehnsucht des Menschen nach seiner eigenen Selbstüberhöhung.

Suche nach natürlicher Ursprünglichkeit

Wie anders verhalten sich dagegen beispielsweise die Arbeiten von Carolina Caycedo, die ihre Drohnenaufnahmen von Staudämmen mit kaleidoskopartigen Effekten vermengt. Wasser, Straßenbelag und von der Decke baumelnde Strickkäfige bilden eine multiperspektivische Studie endlos bewegter Materie. Oder Paulo Nazareth, der sich beim Möwenfüttern gefilmt hat, eine kollaborative Performance, wenn man so will, die auf den Zusammenhang von materieller Armut und Speiseresten anspielt.

Ein von Industrie-Verschmutzung bedrohter Fluss, namentlich die polnische Weichsel, ist Hauptakteur der multimedialen Arbeit, in der sich Agnieszka Brzevanska und Ewa Ciepielewska von den Klang- und Bildwelten eines ganzen Ökosystems haben inspirieren lassen. Tamás Kaszá schickt sein Alter-Ego auf die nicht ganz ernst gemeinte Suche nach natürlicher Ursprünglichkeit im mitteleuropäischen Mischwald, während Majewski schließlich den Niedergang einer Schrebergartensiedlung im „Niemandsland“ zwischen Wedding und Pankow dokumentiert. Weitab von allem philosophischen Diskurs verhandelt die Ausstellung letztlich etwas, das in den ganzen zwanzig Seiten Begleittext nicht einmal erwähnt wird: Heimat.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50/51, bis 12. 5.; Di bis Fr 10 - 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa / So 11 - 18 Uhr

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