Das „Humboldt Labor“ zeigt Mineralien, Tierpräparate, Interviews und z.B. zeitgenössische Masken des beninischen Künstlers Romuald Hazoumè. Foto: Jens Klaene/dpa
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Schau der Spitzenforscher „Nach der Natur“ im Humboldt-Forum ist wie eine moderne Wunderkammer

Einige der besten Wissenschaftler der Humboldt-Universität fragen in der Ausstellung nach dem Klimawandel und anderen Krise der Gegenwart.

Durch Zusammenarbeit intelligente Entscheidungen zu treffen, bestimmt das Wesen der Demokratie und war auch ein früher Gedanke des Internets; es wäre so schön, wenn Schwarmintelligenz zuverlässig klappen würde.

Wie aufgeregt, zittrig und reizbar Schwärme sind, zeigt eine Installation mit bunten Fischen, mit der die Ausstellung „Nach der Natur“ eröffnet. Es ist der Beitrag, den die Humboldt-Universität und im Verbund mit ihr auch die Spitzenforscher:innen der anderen Berliner Universitäten zum Humboldt Forum leisten, dessen einer Namensgeber, Wilhelm von Humboldt, das moderne Konzept der ersten Berliner Universität entwarf.

Auf einem halbkreisförmigen Medienvorhang erscheint eine digitale Unterwasserwelt, in der Fischschwärme sich formieren und auseinanderstieben. Das Bild ist ein Symbol für die Vielzahl an Stimmen aus der wissenschaftlichen Forschung, die die Ausstellung hier zusammenbringen möchte, zum anderen für die Erkenntnis, dass jedes Handeln – und Nicht-Handeln Folgen hat, die zerstörerisch für die Ökosysteme der Erde sein können, wie der programmatische Ausstellungstitel „Nach der Natur“ schon suggeriert.

Die Ausstellung will nicht nur den Verstand sondern auch die Emotionen der Besucher:innen kitzeln, dafür hätte der digitale Schwarm-Vorhang als Auftakt ruhig noch überwältigender sein dürfen.

Aber auf den 600 Quadratmetern, die sich nach diesem Entrée erstrecken, beweist die Humboldt-Universität Mut zum multimedialen, nicht-linearen Ausstellungskonzept, das gut dazu in der Lage ist, aktuelle Themen und Verbindungen aufzuzeigen. Auch Corona kommt schon vor.

Sieben Exzellenzcluster äußern sich zu wichtigen Themen

Nie gezeigte Stücke aus den Lehr- und Schausammlungen der Universität hängen in beweglichen und verschiebbaren Glaskästen von der Decke. Man kann diese Vitrinen jederzeit neu bestücken und sogar komplett zur Seite schieben, um im Ausstellungsraum Platz für Veranstaltungen zu machen.

Vielen Wissenschaftler:innen dürfte es nicht leicht gefallen sein, ihre komplexen Forschungsfelder in einminütige Video- Statements zu packen. Genau das passiert auf der raumfüllenden „kinetischen Wand“, die neben den hängenden Sammlungsstücken das Herzstück der Ausstellung ausmacht.

Auf ausrollbaren Jalousien werden Forschungsfragen und Interviews digital eingeblendet. Wissenschaftler:innen aus sieben Berliner Exzellenzclustern äußern sich hier zu der Frage, wie Klimawandel, Artensterben und die Krise der Demokratie zusammenhängen, und zwar aus der Sicht ihrer jeweiligen Disziplinen – Literatur, Makrosoziologie, Mathematik und Islam in Europa lauten etwa die Fächer.

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Die Erzählung beginnt bei der Herausbildung des Liberalismus im 19. Jahrhundert, dem Forschungsgegenstand des Exzellenzclusters „SCRIPTS“. Sie erzählt von den Grenzen und Schwierigkeiten des „liberalen Scripts“, dessen globaler Entwicklung, von Verfassungen und Staaten sowie von Rassismus als Teil der liberalen, aber dennoch in Kategorien denkenden Ordnung.

Es geht um die Ausbeutung von natürlichen und menschlichen Ressourcen und wie sich der „Post- Growth“-Ansatz eine Entwicklung jenseits von immer weiter steigendem materiellem Konsum vorstellt.

Wie eine moderne Wunderkammer

Die  Stücke aus der Universitätssammlung der Humboldt-Universität ergänzen die umfassende digitale Erzählung, in dem sie etwa bunt-glitzernde Mineralien und Erze oder historische Tierpräparate zeigen.

Auch so skurrile Dinge wie der in einer Flüssigkeit konservierte Appendix Friedrich Eberts sind zu sehen. Der ehemalige Reichspräsident war 1925 an den Folgen einer Blinddarmentzündung gestorben. Die Frage, wie mit menschlichen Überresten in Sammlungen umgegangen wird, schwingt hier mit und verweist auch auf die menschlichen Gebeine und Schädel aus ehemaligen deutschen Kolonien, die noch in Berliner Depots lagern.

Von Ebert wird im selben Schaukasten auch die Tonaufnahme einer Rede präsentiert, die der Politiker 1919 vor der Nationalversammlung hielt und in der er mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ erstmals auch Frauen adressierte.

Dieses Nebeneinander von Themen und Materialien soll, einer Wunderkammer gleich, zeigen, dass in der global vernetzten Welt alles miteinander verbunden ist – und immer war. Dazu kommen Tonaufnahmen unter anderem aus dem Lautarchiv der Humboldt-Universität.

Die Mischung ist überraschend und macht neugierig, alles innerhalb eines Besuches wahrzunehmen, schafft man nicht. Da der Eintritt in die Ausstellung frei ist, ist das auch eine Einladung an die Berliner:innen mehrmals vorbeizukommen.

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