Immer schön voll. Blick in den Zuschauerraum der Komischen Oper. Foto: Komische Oper/Jan Windszus Photography
© Komische Oper/Jan Windszus Photography

Sanierung der Komischen Oper Berlin Ob 200 Millionen Euro reichen?

Baustelle ohne Boden: Die Komische Oper muss generalsaniert werden. Doch das Grundstück für ein zusätzliches neues Gebäude gehört gar nicht dem Land Berlin.

Barrie Kosky ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Wenn es aber um die Generalsanierung seines sensationell erfolgreichen und beim Publikum so beliebten Hauses geht, schweigt der Intendant der Komischen Oper. „Kein Kommentar“, lautet die Antwort seiner Pressesprecherin Andrea Röber.

Raumnot, bröckelnder Putz, alte Leitungen: Über die Notwendigkeit der umfassenden Erneuerung der alten Gebäudeteile besteht kein Zweifel. Ein Neubau soll hinzukommen.

Selbstverständlich gibt es für diese komplexe Aufgabe in der Berliner Bürokratie keinen Ansprechpartner, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Nein, mehrere Senatsverwaltungen sind zuständig, wobei dort jeweils Teilaspekte der Arbeiten wiederum in unterschiedlichen Abteilungen behandelt werden.

Viele Anfragen sind also an die Ressorts Stadtentwicklung, Wirtschaft, Finanzen sowie Kultur zu stellen, bis sich aus den Puzzleteilen der einzelnen Antworten langsam ein Gesamtbild zusammensetzt.

Die Komische Oper droht zur nächsten Horror-Baustelle der Stadt zu werden

Und das ist alles andere als lustig. So dilettantisch, wie das 200-Millionen-Euro-Projekt bislang angegangen wird, droht die Komische Oper zur nächsten Horror-Baustelle der Stadt zu werden. Und davon gibt es ja genug und nicht nur im Kulturbetrieb.

Wie kann ein Vorhaben gelingen, bei dem nicht nur das historische Stammhaus saniert, sondern auch noch ein neues Gebäude für Probenräume, Garderoben und Büros entstehen soll, wenn keiner den Hut des Koordinators aufhat?

Eigentlich will man 2023 mit den Bauarbeiten loslegen. Dann sollen die Künstler und Bühnenarbeiter nach Charlottenburg umziehen, in die Ersatzspielstätte Schiller Theater, wo nach der Staatsoper derzeit die Ku’damm-Bühnen residieren. 2029 soll alles fertig sein.

Doch schon beim allerersten Schritt ist die Verwaltung gestolpert. Der Neubau soll auf einem handtuchschmalen Grundstück errichtet werden, das sich parallel zur Komischen Oper an der Glinkastraße entlangzieht, von Unter den Linden bis zur Behrenstraße. 15 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche sind vorgesehen, wobei das Gebäude nicht höher als 26 Meter werden darf.

Der Grund gehört noch nicht Berlin. Dort soll der geplante Neubau entstehen. Grafik: Tagesspiegel/Rita Böttcher Vergrößern
Der Grund gehört noch nicht Berlin. Dort soll der geplante Neubau entstehen. © Grafik: Tagesspiegel/Rita Böttcher

Der Architektenwettbewerb musste abgesagt werden

Damit die äußere Hülle hauptstädtisches Niveau erhält, wollte die Stadtentwicklungssenatorin einen zweistufigen Architektenwettbewerb ausschreiben. 50 Büros sollten in der ersten Phase mitmachen dürfen, 15 davon wurden vorab gezielt eingeladen, darunter Rem Koolhaas’ OMA, Snohetta, die Erbauer der Oper in Oslo, Diller Scofidio + Renfro aus New York, Kuehn Malvezzi aus Berlin oder auch der auf der Museumsinsel viel beschäftigte David Chipperfield. Ausgezeichnete Baumeister also, mit internationalen Referenzen.

Doch die bereitgestellten Preisgelder in Höhe von 864 500 Euro konnten nicht verteilt werden, weil es in dem nichtoffenen Wettbewerb Verfahrensfehler gab. Die Vergabekammer des Landes gab der Klage eines ausgeschlossenen Bewerbers recht.

Der Auslober, also das Land Berlin, hob daraufhin gleich das ganze Verfahren auf. Und zwar nur wenige Tage vor dem Ende der Abgabefrist für die Teilnehmer. Jene Büros, die ihre Unterlagen da schon fertig hatten, reagierten entsprechend entrüstet.

Zwar betont die Pressestelle der Stadtentwicklungssenatorin auf Anfrage, dass die Architekten ihre Beiträge unverändert auch bei dem neuen, dann für alle offenen Wettbewerb einreichen könnten. Doch ein Termin dafür steht derzeit noch nicht fest.

Das Grundstück für den Anbau gehört nicht dem Land Berlin

Viel schwerer als die peinliche Panne beim Planungswettbewerb wiegt allerdings die Tatsache, dass das Grundstück, auf dem der Anbau für die Komische Oper errichtet werden soll, noch gar nicht dem Land Berlin gehört. Die Finanzverwaltung hat es im Jahr 2000 an die Projektgesellschaft Lindengalerie verkauft. Und zwar für 14,6 Millionen Euro, aus heutiger Sicht eine lächerlich niedrige Summe.

Der Käufer erhielt zudem eine Option auf ein 12,2 Millionen Euro teures Filetgrundstück Unter den Linden, auf dem ein Plattenbau steht, den die Komische Oper als Bürogebäude nutzt. Und zwar bis heute.

Sieben Jahre bekamen der Investor und das Musiktheater damals Zeit, um sich auf einen Baufahrplan zu einigen, der die Errichtung eines Ersatzbaus für die Mitarbeiter der Oper einschloss. Die Frist verstrich jedoch ergebnislos und wurde dann zugunsten der mittlerweile im Baukonzern IVG aufgegangenen Projektgesellschaft noch einmal verlängert bis Ende 2012. Obwohl der damalige Intendant der Komischen Oper, Andreas Homoki, protestierte.

Als jedoch auch die zweite Deadline erreicht war, trat der Senat vom Kaufvertrag zurück und stellte einen Antrag auf „Löschung der Auflassungsvormerkung im Grundbuch“. Doch die IVG wollte das Grundstück natürlich nicht zurückgeben. Es kam zum Rechtsstreit, den Berlin in erster Instanz gewann. Das war im Juli 2017. Die unterlegene Seite aber ging in Berufung.

Das Debakel der Berliner Staatsoper und der Kölner Oper vermeiden

In einigen Wochen, im Februar 2020, steht nun die Verhandlung beim Kammergericht an, wie auch auf Anfrage bei der Sprecherin der Finanzverwaltung zu erfahren ist. Sie fügt hinzu, dass der Investor, sollte er erneut unterliegen, eine Revision beim Bundesgerichtshof beantragen darf. Und da braucht man sehr gute Nerven, denn „das kann dann fünf bis sieben Jahre dauern“.

Unter diesen Voraussetzungen auf dem Grundstück einen Neubau zu errichten, der dann womöglich wieder abgerissen werden muss, falls Berlin letztinstanzlich unterliegt, wäre freilich Wahnsinn.

Daniel Bartsch, Pressesprecher von Kultursenator Klaus Lederer, betont dann im Gespräch mit dem Tagesspiegel auch: „Der Baubeginn erfolgt erst mit Vorlage der vollumfänglichen Verfügungshoheit des Landes.“ Also im Zweifelsfall erst 2027. Wobei die Verwaltung gut daran täte, aus dem Sanierungsdebakel der Berliner Staatsoper sowie der Kölner Oper zu lernen und mit der konkreten Bauplanung erst dann zu beginnen, wenn die Künstler das Haus verlassen haben.

Unter den Linden wie im Rheinland mussten die Architekten und Ingenieure ihre Unterlagen bereits fertigstellen, während der Spielbetrieb in den Bühnen noch lief – was in beiden Fällen zu dem Katastrophenszenario führte, dass die aus veralteten Plänen entwickelte Theorie nicht mit der Praxis übereinstimmte.

Als man die Wände nach dem Auszug der Belegschaft endlich öffnen konnte, stellte sich die Substanz vielfach in einem schlechteren Zustand dar als angenommen. In Köln kam in den Leitungsschächten zudem ein unentwirrbarer Kabelsalat zum Vorschein. Bei bereits laufendem Sanierungsbetrieb musste umgeplant werden.

200 Millionen Euro werden wohl nicht ausreichen

Die Sanierung der Berliner Staatsoper kostete über 400 Millionen Euro, Köln steuert derzeit bei seinen Bühnen auf 554 Millionen Euro Renovierungskosten zu. In Stuttgart wird die Instandsetzung der Staatsbühnen bereits auf eine Milliarde Euro geschätzt.

Weil aber die Kosten im Baugewerbe kontinuierlich steigen, sagt Daniel Bartsch, will man trotz der rechtlichen Unsicherheit alle vorbereitenden Maßnahmen weiter vorantreiben, einschließlich des Architektenwettbewerbs. In der Kulturverwaltung nährt man die Hoffnung, das Kammergericht werde im Februar ein eindeutiges Urteil zugunsten von Berlin fällen. Mit Galgenhumor fügt er hinzu: „Wir bauen darauf.“

Barrie Kosky übrigens braucht das ganze Schlamassel nicht zu beunruhigen. Seine Intendanz läuft zum Sommer 2022 aus, er soll dem Haus aber künstlerisch verbunden bleiben. Danach darf sich das neue Leitungsteam des Hauses mit der unendlichen Sanierungsgeschichte herumplagen, Geschäftsführerin Susanne Moser und Operndirektor Philip Bröking.

Die 200 Millionen Euro Baukosten, von denen jetzt die Rede ist, werden ohnehin wohl nicht ausreichen. Sollte es allerdings zu weiteren Verzögerungen kommen, ist das finanzielle Ende nicht abzusehen. Das zeigen die Beispiele in Berlin und anderswo.

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