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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Spiel mit der Realität

Jonas Zerweck
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Der Saal schien zu schrumpfen, die Zeit sich zu dehnen: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit der Geigerin Carolin Widmann in der Philharmonie.

Die Konstanten taumeln. Der Saal schrumpft zusammen, Sekunden verlieren ihren Wert. Die Saiten unter Carolin Widmanns Geigenbogen vibrieren so leise und doch bestimmt, dass der Klang den Ohren vorgaukelt, die Entfernung zur Solistin hätte sich um ein Vielfaches verkleinert. Behutsam bringen Dima Slobodeniouk und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Robert Schumanns Violinkonzert aus dem beinahen Stillstand wieder ins Rollen. Zeit und Raum nähern sich ihrem Normalwert an, führen zurück in die Berliner Philharmonie, wo die Uhren gleichmäßig ticken.

Besonders in diesem Moment, kurz bevor der erste Satz des Violinkonzerts mit einem breiten Schlusstutti endet, gelingt Solistin, Dirigent und Orchester das Spiel mit der Realität. Zu jedem Zeitpunkt aber gestaltet Widmann die Solostimme mit völliger Textfreiheit und so natürlich, dass man ihr jedes Wort glaubt. Sie erzählt anhaltend spannend, formt ihren Ton zerbrechlich dünn, aufgebracht kratzig oder samtig weich. Alles mit beeindruckender Präzision in Artikulation und Phrasierung. Slobodeniouk gibt ihr jeden Platz dafür. Er hält das Orchester sehr im Hintergrund, bettet sie in einen wohlig schnurrenden Klang. Nur leider kann er sich in den Tuttistellen ohne Solistin davon nicht lösen, sodass im ersten und dritten Satz die harten Kontraste fehlen.

Oftmals reichen Blicke

Scheinbar liegt der Ursprung seiner vorsichtigen Behutsamkeit darin, Widmanns betörendes Spiel nicht stören zu wollen, denn nach der Pause lässt er das Orchester voll ausspielen. Gleich der erste scharfe Doppelschlag von Beethovens Zweiter legt ein anderes Energielevel vor. Das Orchester wirft sich in die Akzente, reagiert äußerst flexibel bei der Gestaltung der Dynamik und blüht klanglich auf, sobald Slobodeniouk es laufen lässt. Der hat das Geschehen fest im Griff – im zweiten Satz reichen oftmals Blicke als Dirigat – und eine klare Vorstellung. Im ersten Satz lässt er die Trompeten strahlen, später sind es einzelne Holzbläser. So wirkt manch eine Stelle erfrischend ungewohnt für einen Klassiker wie diesen. Mit dem vierten Satz gehen Orchester und Dirigent dann noch einen Schritt weiter oder besser gesagt: schneller. Sie stürmen energisch in das Allegro und gestalten dabei so präzise wie vorher, dass es Spaß macht. Auch den Musikern ist die Freude anzusehen.

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Begonnen hat der Abend mit Aribert Reimanns „Sieben Fragmenten für Orchester“, in denen der Komponist immer wieder das Hauptmotiv aus Schummans „Geistervariation“ zitiert. Von einem zunächst monotonen, frostigen Klang setzt Slobodeniouk die Motive in warmer Färbung ab, wodurch sie umso deutlicher hervortreten. So entsteht nicht nur eine starke Vielschichtigkeit innerhalb des Werkes, sondern auch die Verbindung zu Schumanns Violinkonzert. Dessen Motiv im zweiten Satz ist dem der „Geistervariationen“ vergleichbar. Die so schon clevere Konzertdramaturgie unterstützt Carolin Widmann schließlich, indem sie diesen Satz schneller spielt als von Schumann gedacht und damit in ähnlichem Tempo wie Reimanns Zitate.

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