Missbrauch statt Schutz. Im Roman zieht sich der Missbrauch über drei Generationen. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Romandebüt über Kindesmissbrauch Ist Großvater ein Vampir?

In „Monster wie wir“ verhandelt Ulrike Almut Sandig sexuelle Gewalt in Familien. Sie verfolgt das Trauma über drei Generationen.

Im Hof hing ich kopfüber am Klettergerüst und schaute ihm zu. Er stand in der Ecke neben der Schaukel und rief Namen. Dirk! Sven! Ronny! Wenn einer der Gerufenen zu ihm lief, lachte er ihn an, ohne noch etwas zu sagen.“ Es sind die achtziger Jahre in der DDR. Ruth freundet sich rasch mit dem Jungen an, der neu in die Schule gekommen ist und die Namen seiner Klassenkameraden quasi ausprobiert.

Dabei stammen beide von anderen Sternen: Sie ist die Tochter eines in seiner Jugend renitenten Pfarrers, da schrammt die Biografie der Protagonistin jene der Lyrikerin Ulrike Almut Sandig, die mit „Monster wie wir“ jetzt ihren Debütroman geschrieben hat.

Und er heißt Viktor, sein Vater ist NVA-Offizier, die Mutter ist aus der Ukraine. Die Freundschaft erweist sich als Anker in eine Normalität, die es in den familiären Beziehungen nicht zu geben scheint.

Das Unvermögen, das in Ruths Familie herrscht, wenn es um Kommunikation geht, und das oft mit einer Ohrfeige endet, wird zur Randnotiz angesichts des sexuellen Missbrauchs durch ihren Großvater: „Den Blick aufs Fenster gerichtet, steckte er die Hand unter meinen Pyjama und begann mich zu streicheln. Oder doch nicht? Mit kerzengeradem Rücken saß Großvater an meinem Bett, atmete schwer und hörte sich mehr und mehr wie ein sehr altes, weinendes Kind an.“

An Viktor vergeht sich der Ehemann seiner Schwester: „Ich soll seinen Bauch lecken (…) Und auch ganz andere Körperteile lecke ich ab, sagt Viktor.“

Ihre lyrischen Arbeiten schimmern im Roman durch

Die Kinder nehmen es hin. Ruth flüchtet sich ins Geigenspiel. Ihren Großvater hält sie für einen Vampir. Viktor lernt falsche Freunde kennen und den Alkohol; viel zu früh. So eine kalte Geschichte warmherzig zu erzählen, das muss man auch erst einmal hinbekommen. Dafür nutzt Ulrike Almut Sandig eine recht direkte Prosa.

Ihre lyrischen Arbeiten, mit denen sie in den letzten Jahren bekannt wurde, schimmern aber durchaus im Geschriebenen hervor. Zum Beispiel, wenn zwei Kapitel, die zeitlich weit voneinander entfernt sind, ebenso geschickt wie sorgfältig mit-, aber auch gegeneinander montiert werden: „Das wievielte Kind er wohl war, das vom Freund der eigenen Schwester gefickt wurde?“, denkt sich der heranwachsende Viktor einmal. Das nächste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Das sechste, sagt Madame. Du bist das sechste Mädchen bei uns.“

Der Missbrauch bricht in alle Handlungsstränge

Der Sprache gelingt eine gute Balance zwischen Beiläufigkeit und einer Bildhaftigkeit, die aber nie illustriert, sondern eher eine Anleitung zur eigenen Illustration gibt. „Die Zypressen zwirbeln sich im Wind. Schräg einfallendes Licht verknotet den Himmel“, schreibt sie über die Landschaft der Provence.

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Das Brutale an diesem Buch ist die Alltäglichkeit des sexuellen Missbrauchs. Er bricht in alle Handlungsstränge, in alle Zeitebenen hinein. Auch in jene, die zunächst wie gewöhnliche, bisweilen durchaus amüsante Kindheits- oder Coming-of-Age-Erinnerungen wirken, er findet im Raum neben dem Raum statt als Akt, der ebenso selbstverständlich erscheint wie das Anrichten eines Salats oder ein Abend vor dem Fernseher.

Das Trauma der Kindheit holt Viktor ein

Der Missbrauch wird von Männern dreier Generationen begangen. Natürlich wissen die kindlichen Protagonisten, dass das, was ihnen zustößt, falsch ist, dass es sich um Vorgänge jenseits der gesellschaftlichen Norm handelt. Allein, wie sie dagegen vorzugehen haben, wissen sie nicht.

Gespräche zu diesem Thema, egal, wer sie führt, enden im Leeren. Und so zieht sich bei aller Liebe zum Dialog eine eigenartige Unmöglichkeit des An- und Aussprechens durch das Buch, die erst im zweiten Teil aufgebrochen wird.

[Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2020. 240 Seiten, 22 €.]

Als Heranwachsender wird Viktor zunächst zum Skinhead, dann zum Racheengel, der aufgrund einer kleinen Lüge im Anmeldeformular als Au-pair bei einer Familie in Südfrankreich landet. Erfolgstypen, großer Wagen, Pool mit Unterwasserbeschallung, Ferienanwesen am Meer, homöopathisch befüllte Hausapotheke.

Dort erlebt er die Geschichte seiner eigenen Jugend erneut, diesmal als Beobachter. Während er die Rezepte der südfranzösischen Küche lernt und eine Affäre mit dem Au-pair-Mädchen aus dem Nachbarhaus beginnt, fühlt er so etwas wie Verantwortung.

Viel Spielraum für Gedanken lässt Sandig nicht

Das Drama wird zum Thriller, man mag das forciert finden, Ulrike Almut Sandig ist aber auch in diesem Wechsel stilsicher. Als Leser wartet man da mit angehaltenem Atem, hofft, dass dieses eher widerlich gezeichnete Ehepaar, das mit seinen Kindern eine Familie darstellt, die ähnlich funktioniert wie ein kleines Unternehmen, zertrampelt wird.

Aber kommt Viktor rechtzeitig? Schafft er Gerechtigkeit? Sorgt sein – gewalttätiger – Übergriff auf einen Täter für eine Verbesserung der Situation, für Läuterung oder Strafe? Wohl kaum.

Sehr viel Spielraum lässt Ulrike Almut Sandig den Gedanken ihrer Leserinnen und Leser da nicht. Ruths Geschichte verläuft weniger drastisch, Hoffnung scheint aber auch hier nicht geboten. Auch Ruth scheint erneut der Gewalt ausgesetzt zu sein, der entsprechende Erzählstrang bildet die Klammer von „Monster wie wir“.

Während der durchaus fordernden Lektüre ist man an dieser Stelle froh, dass es nicht weitergeht. Denn es würde schmerzhaft enden, vielleicht auch niemals. Trotzdem, oder genau deswegen: ein beeindruckender Roman.

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