Sex Sells. Anna Gien und Marlene Stark penetrieren ihre Leser aber vor allem mit hohlen Phrasen. Foto: Julien Menand
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Romandebüt „M.“ Anakondas in Slow Motion

Sarah-Maria Deckert

In ihrem gehypten Berlin-Roman „M.“ feiern Anna Gien und Marlene Stark Sex als Dauerzustand. Über profane Provokation kommen sie selten hinaus.

Im Anfang war der Sex. Allein, zu zweit, zu dritt oder mit einer ganzen Darkroom-Delegation. Mit Männern, mit Frauen, oral, vaginal, anal. Mit Fingern in und Zungen an Körperöffnungen. Mit Händen, die Kehlen zudrücken und Brüste ohrfeigen, mit Mündern, die wenig küssen, dafür viel schlucken. Von vorne, hinten, links, rechts. Auf klebrigen Toiletten, verschwitzten Fitnessgeräten, online, in Tel Aviv, als Escort oder unbezahlt. Ohne Penis, mit Penis oder einem zum Umschnallen mit Lederriemen, schwarz, obszön groß und aus Silikon. Mit echtem Sperma oder solchem, das man übers Internet bestellen kann, das aber genauso gut spritzt. Am Ende gibt es immer noch Sex. Und manchmal auch einen Orgasmus, einen wirklich verdienten.

So, nun dürfen Sie sich eine Zigarette anzünden – und über einen der Buchhypes dieses Frühjahrs wundern. Es ist M., die Protagonistin im gleichnamigen Romandebüt des Autorinnenduos Anna Gien und Marlene Stark, die sich hier so verausgabt. Anfang 30, aus dem heilen Süddeutschland nach Berlin gespült – wenn eine die Hure Babylons ist, dann die Hauptstadt. Als DJane legt M. ihre erlesenen Vinylplatten in all jenen charmant versifften Neuköllner Kellerclubs auf, die Tripadvisor bitte nie und nimmer finden soll. Oder auf den schimmernden Hochglanzpartys ihrer Galeristenfreunde, über die sich immer eine feine Schicht Koks legt, wie vollendeter Firnis. Schließlich ist auch M. Künstlerin, die hipstermäßig unbeeindruckt an einer Ausstellung aus Nagelstudioutensil und Massagestühlen bastelt, irgendwo zwischen Martin Kippenberger und Ai Weiwei. Sie verstehen.

Originalität und popdiskursive Idiotie liegen nahe beieinander

Mehr passiert nicht. Außer dass eben beeindruckend viel gevögelt wird. So viel, dass man irgendwann mit sich selbst zu wetten beginnt, ob man wohl noch eine Seite erwischt, auf der sich nicht irgendwer bis zur Besinnungslosigkeit in irgendeinem Loch versenkt. Dabei ist der Sex nicht einmal das Problem.

Kommen wir zu der Sprache: Die 1991 in München geborene Gien, Autorin und Künstlerin, genau wie die 1985 in Ellwangen geborene Stark, die als DJane und interdisziplinär mit Malerei, Installation, Sound und Text arbeitet, haben ein gutes Gespür. Gefühlsechte Worte, über die man sich ehrlich freut, findet man häufig, von „Totalzerfickung“ bis „Widerhakenliebe“. Ebenso wie Passagen, in denen wirklich ein bisschen Echtheit durchkommt: „Das ist der Moment, an den man nicht gedacht hat, als man mit Dreiern und Orgien liebäugelte. (...) Es ist ja irgendwie Irrsinn, zu glauben, man könnte sich ganz freimachen. Denn auf einmal ist sie da, die Zärtlichkeit in der Berührung, die Sympathie für die feinen Härchen, die Hingerissenheit. Du siehst dir dabei zu, wie du wegsiehst.“

Nur ruinieren sie es meistens gleich im nächsten Satz mit popdiskursiven Überformungen à la: „Postsexuellen Sex gibt es nicht.“ Oder: „Implizit ist das Post-Punk, explizit ist es Verweigerung.“ Oder: „Speed ist eine unproduktive Droge. Keine Euphorieeffizienz, sondern Akzeleration jeder Form von Unzulänglichkeit.“

Alles ficken ist zu wenig für ein feministisches Statement

Synchron zu all den Körpern, die sich hier übereinanderschieben „wie Anakondas in Slomo“, penetrieren Gien und Stark den Leser mit Phrasen, die von der ersten Seite an unangenehm stecken bleiben, wie Butt-Plugs, um im Bild zu bleiben. Diese permanente Überforderung, dieser so unbedingt gewollte Exhibitionismus könnte ein schönes Stilmittel sein. Gien und Stark feiern M.s Ermächtigung über sich selbst und alle, die ihren Weg streifen, als feministisches Statement. Aber mit Verlaub: Alles zu ficken, nur weil man es eben kann, ist zu wenig.

Dabei gibt es ein Kapitel, in dem der Roman tatsächlich kurz zu leuchten beginnt. M. besucht ihre Familie an Weihnachten im heimatlichen Idyll, einem Zuhause, das nach frisch gebrühtem Filterkaffee duftet, mit einem Vater, der der Mutter immer noch jeden Morgen zwei Scheiben Vollkorntoast mit Marmelade und Butter serviert. In der Rückblende erfährt man, dass sich M. als Mädchen Walnüsse in die Unterhose steckte und sich Jürgen rufen ließ, weil sie vielleicht gerne ein Junge gewesen wäre. „Vielleicht war es der Name, der mir in die Hände fiel, als ich nach etwas suchte, um das zu benennen, für das ich keinen Namen hatte. Jürgen hieß das Andere. Das ultimativ Andere.“

Letztendlich eine seltsam blutleere Geschichte

An dieser Stelle bekommt der fragile Charakter jene subtile Spannung, die davor und danach fehlt. Weil Gien und Stark das Nachdenken über das Fremdsein im eigenen Körper, über den schmalen Grat zwischen Begehren und Scham, Überwältigung und Überforderung, sich spüren und sich verletzen auf den übrigen Seiten hinter einer gut klebenden Mauer aus Schwänzen und Ejakulat verstecken. Damit bleibt es: profane Provokation.

Am Ende leuchtet es noch mal, als M. Z. kennenlernt, der sich weder benutzen lässt noch selbst benutzt. Er gibt ihr jene „freundliche Normalität“, die ihr eine solche Angst einjagt, nach der sie sich aber gleichzeitig sehnt. Z. holt morgens Kaffee und streicht mit dem Messer über getoastetes Brot. Geborgenheit als Geräusch. Davon will man mehr. Was man bekommt: eine seltsam blutleere Geschichte.

Anna Gien/Marlene Stark: M. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 248 Seiten, 20 €.

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