Unheimlicher Fund: In einem Waldstück wird ein Massengrab entdeckt. So beginnt James Sallis' Krimi "Willnot". Foto: Nicolas Armer/dpa
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Roman „Willnot“ von James Sallis Aus dem Reich der Toten

Whodunit, Mystery-Thriller und Kleinstadt-Märchen: James Sallis’ eleganter Kriminalroman „Willnot“ schlägt permanent Haken.

Tote verschwinden nicht einfach. Sie wechseln bloß ihre Gestalt, manchmal kehren sie als Geister zurück. In einer Kleinstadt an der amerikanischen Westküste wird ein Massengrab entdeckt. Am Rande einer Kalkgrube, gesäumt von Schwarznussbäumen, Eichen und wildem Wein, waren menschliche Leichen verscharrt worden. Sie sind bereits halb verwest, „ein ziemlicher Eintopf“, wie ein Polizist bemerkt. Gefunden wurden sie von einem Jäger, dessen Hund anschlug. Jemand hatte den Mutterboden über den Toten weggeschaufelt und abtransportiert, ein Diebstahl, wie er in der Gegend häufig vorkommt. Die Toten müssen dort längere Zeit geruht haben. Niemand scheint sie zu vermissen.

So könnte ein Thriller beginnen, der von den Drogenkartellen und ihren anonymen, eilig entsorgten Opfern handelt. Man kennt solche Szenarien aus den Krimis von Don Winslow oder Fernsehserien wie „Narcos“. Aber James Sallis legt gerne falsche Fährten, nach dem gruseligen Auftakt lässt er die sterblichen Überreste schnell in der Asservatenkammer der örtlichen Behörden verschwinden.

Sein Buch heißt wie der Ort, an dem es spielt: „Willnot“. Wer die Ermordeten sind und warum sie starben, bleibt unklar. Sie bilden den dunklen Hintergrund einer Geschichte, die zwar tief in der amerikanischen Provinz spielt, aber nicht ins Genre des düster-brutalen, von Autoren wie Daniel Woodrell und Donald Ray Pollock geprägten Country-Noir gehört, sondern genauso gut an William Faulkners Erzählungen aus dem fiktiven Südstaatenkaff Yoknapatawpha erinnert.

Ein besonderes Verhältnis zu Toten

Faulkners Satz „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ mag inzwischen selbst totzitiert worden sein. Doch genau darum, um die Präsenz des nur scheinbar Abwesenden, geht es auch Sallis, der sich seit seinen Anfängen mit den Romanen um den afroamerikanischen, in New Orleans ermittelnden Privatdetektiv Lew Griffin mehr und mehr zum großen Metaphysiker der Kriminalliteratur entwickelt hat. Lamar Hale, der Held und Ich-Erzähler von „Willnot“, hat schon deshalb ein besonderes Verhältnis zu Toten, weil er Arzt ist. Er betreibt eine kleine eigene Praxis, führt im städtischen Krankenhaus Operationen durch und versucht als Pathologe, der Polizei bei der Klärung von ungelösten Verbrechen zu helfen. Weit kommt er im Fall der Toten aus der Kalkgrube nicht.

Der US-amerikanische Schriftsteller James Sallis. Foto: Karyn Sallis Vergrößern
Der US-amerikanische Schriftsteller James Sallis. © Karyn Sallis

Bald taucht Bobby auf, ein ehemaliger Patient, der von seinen Einsätzen als Scharfschütze bei den Marines traumatisiert ist. Sein Gewehr hat er dabei, vielleicht um sich zu rächen. Denn Willnot, sagt er, „saugt einem das Leben aus“. Hale diagnostiziert Dissoziation, eine Angststörung. Das FBI ist an dem ehemaligen Elitekiller, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, interessiert, eine Agentin erkundigt sich nach ihm. Ob er etwas mit den Morden zu tun hat?

Der Arzt wird von Flashbacks gepeinigt

Sallis ist ein brillanter Stilist. In „Driver“, dem von Nicolas Winding Refn kongenial verfilmten Thriller über einen Hollywood-Stuntfahrer, trieb er das für einen Hardboiledkrimi obligatorische Spiel mit Rückblenden auf die Spitze. Die Chronologie als wildes Puzzle, es war, als ob der Autor die Kapitel hochgeworfen und willkürlich neu zusammengefügt hätte. Daran knüpft Sallis mit „Willnot“ an, auch wenn die Erzählung mit ruhiger, wortkarger Eleganz dahinfließt. Der Arzt wird von Flashbacks gepeinigt, er ist ein Seher und Heiler, der mit den Seelen Verstorbener in Kontakt steht. Und Bobby, der Totmacher, der sich als „Durchreisender“ bezeichnet, fungiert als Bote aus dem Reich der Toten.

Schneidet man den Ortsnamen „Willnot“ auseinander, wird daraus eine Verneinung: will not. Sallis baut Erwartungen auf, um sie sofort zu enttäuschen. Das Buch schlägt Haken, vom Whodunit zum Mystery-Thriller zum Kleinstadt-Märchen. Es ist auch eine verkappte Autobiografie. Sallis begann seine Karriere als Science-Fiction-Schreiber, wie der Vater von Hale, der nach großen Erfolgen „im Sonnenuntergang des Nicht-mehr-lieferbar-Seins“ endete. Davon ist Sallis weit entfernt. „Willnot“ hat das Zeug zum Klassiker.

James Sallis: Willnot. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München 2019. 223 Seiten, 20 €.

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