Der irische Erfolgsschriftsteller Colm Toíbín. Er wurde 1955 geboren. Foto: Peter Hassiepen/Hanser Verlag
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Roman über Thomas Mann Zaubermeister im Familienzirkus

Bestseller-Autor Colm Toíbín hat eine Romanbiografie über Thomas Mann geschrieben. „Der Zauberer“ beleuchtet auch Manns homosexuelles Begehren - und die Frauen, die ihn unterstützten.

Die Lebenskämpfe, Komplexe und Kompliziertheiten der Manns sind den Literaturinteressierten nach zahlreichen Biographien und TV-Doku-Dramen inzwischen so geläufig wie den Boulevardblattlesern die Intrigen und Intimitäten im Hause Windsor. Schon sich selbst ist die repräsentative Familie beizeiten mythisch geworden. Als ein britischer Journalist das Wort von der „amazing family“ prägte, übernahmen sie es gern, fanden aber nicht, dass damit etwas Neues gesagt sei.

Nun hat sich auch der irische Schriftsteller Colm Tóibín der „amazing family“ angenommen. Viel Neues werden informierte Leser aus seinem Roman „Der Zauberer“ nicht erfahren. Aber Tóibín hat ihn nicht für das deutsche Publikum geschrieben; und sobald er nicht nur referiert, sondern szenisch ausgestaltet, liest sich das Bekannte reizvoll, zum Beispiel die Passagen über die Rivalität der Brüder Thomas und Heinrich. Die kleinen Sticheleien Heinrichs über den erfolgsverwöhnten Bruder machen Spaß bei der Lektüre.

Die Werke Manns kommen kaum vor

Anders als Thomas Mann selbst in seinem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ greift Tóibín keine symbolische Episode aus dem Leben des Schriftstellers heraus, sondern folgt wie ein Biograf der Chronologie von der Kindheit bis kurz vor den Tod. Das ist keine glückliche Entscheidung.

Denn angesichts der Fülle des biografischen Materials muss der Roman trotz seiner 550 Seiten zur Hetzjagd werden. Der historische Hintergrund wird bisweilen nur in hölzernem Berichtston eingebracht, manche Familienkatastrophe im Vorbeiflug abgehakt. Auch die Werke Manns – abgesehen vom „Tod in Venedig“ als homoerotischem Schlüsseltext – kommen kaum vor. Nur ein einziges Mal wird kurz die Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ erwähnt, an der Mann fast zwei Jahrzehnte arbeitete und die ihn als Stütze durch die Exiljahre begleitete, denen Tóibíns verstärkte Aufmerksamkeit gilt.

Gerade mit den Werken der Exilzeit wollte Thomas Mann beweisen, dass er angesichts von Hitlers Triumphen keine literarische Kraft eingebüßt hatte oder gar beabsichtigte, als politischer Wanderredner den „Forderungen des Tages“ Tribut zu zollen. Bei Tóibín aber scheint es so, als wäre Mann im Exil fast nur noch mit politischen Reden beschäftigt, aus denen manche kämpferische demokratisch-humanitäre Formel zitiert wird.

Immerhin wirkt Tóibíns Familienchronik dem Klischee entgegen, dass Thomas Mann ein kalter Patriarch gewesen sei, der seine Angehörigen zu Opfern gemacht habe. Umgekehrt stellt sich die Frage, wie er es schaffen konnte, mitten in diesem Familienzirkus ein umfangreiches Lebenswerk zu verfassen, mit sechs schwierigen Kindern, die Aufmerksamkeit und erhebliche Summen Geld forderten. Und die die Vorteile der Berühmtheit nutzten, um sich dann zu beschweren, dass sie nicht aus dem Schatten des Alten herauskämen.

[Colm Tóibín: Der Zauberer. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni Bandini. Carl Hanser Verlag, München 2021, 560 Seiten, 28 €.]

Es ist beinahe ein Wunder – und dieses Wunder trägt den Namen Katia Mann. Sie, die Leiterin des Familienstellwerks, ist die eigentliche Heldin dieses Romans. Tóibín, der offen mit seiner Homosexualität umgeht, interessiert sich zwar verstärkt für die existentielle Spannung zwischen Thomas Mann als Familienmensch und als camoufliertem Homosexuellen. Er lässt in seiner Darstellung aber keinen Zweifel daran, dass die Ehe von Katia und Thomas Mann ein außerordentlich stabiler Liebes-, Lebens- und Arbeitsbund war.

Immer wieder hat sich Tóibín als feinfühliger Darsteller von Frauenschicksalen bewährt, zuletzt mit dem Roman „Nora Webster“. Reizvoll sind auch im „Zauberer“ die Porträts der Frauen: neben Katia Mann betrifft das vor allem die resolute Mäzenin Agnes E. Meyer. Ohne die finanzkräftige, allerdings besitzergreifende Netzwerkerin hätte sein US-Exil nicht den fulminanten Verlauf genommen. 1939, als Mann in Schweden feststeckte, sorgte sie für den rettenden Flug nach London, der über Gebiete mit deutscher Lufthoheit führte.

Mysteriöse Liebelei mit einem Professorensohn

Eindringlich schildert Tóibín diese vielleicht gefährlichste Weltkriegs-Stunde des Schriftstellers. Er sollte nicht am Fenster sitzen – für den Fall, dass deutsche Flugzeuge aufkreuzen. In den USA verschaffte Agnes E. Meyer ihm bequeme Gastprofessuren und knüpfte die Verbindung zu Präsident Roosevelt. Ihre hymnischen Rezensionen in der „Washington Post“ sorgten für gute Verkäufe seiner Bücher und Dollareinkünfte. So viel Begünstigung ist schwer zu ertragen – und Tóibín schildert, wie die Manns, insbesondere Tochter Erika, nach Kräften über die „zudringliche“ Multimillionärin ablästerten, die sich womöglich eine Liebesaffäre mit Thomas Mann erhoffte. So wie auch Alma Mahler-Werfel, die gegenüber Thomas Mann in einer pikanten Szene des Romans deutlich macht, dass sie bereit wäre, an die Stelle Katias zu treten.

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Allerdings hatten diese Frauen keine Chance bei einem Mann mit homerotischem Scharfblick. Hier hat Tóibín als Romanautor die Lizenz zum libidinösen Fabulieren, die er glücklicherweise nicht zu sehr ausnutzt. Dem jungen Thomas gönnt er ein paar schwule Abenteuer.

Diese flüchtigen, nicht rundum befriedigenden Erfahrungen bestärken ihn aber im Entschluss, seinem Leben das Fundament einer Ehe mit einer Frau zu geben, deren androgyne Züge ihn entzücken. Und deren finanzieller Hintergrund ein Leben jenseits der Bohème ermöglicht.

Später, im amerikanischen Exil, wird er sich dieser Lebensentscheidung noch einmal versichern – in einem der witzigsten Kapitel des Romans, in dem zwei Vertreter der homosexuellen Bohème, Christopher Isherwood und W.H. Auden (der Schein-Ehemann von Erika), seinen von allen Seiten bedrohten Familienfrieden noch weiter aufstören mit ihren Spötteleien.

Auch die mysteriöse Liebelei mit dem Düsseldorfer Professorensohn Klaus Heuser – Sylt 1927 – wird von Colm Tóibín ausgemalt, in Zusammenhang mit der Tagebuch-Misere von 1933. Unverhofft befand sich Thomas Mann im Exil. Er konnte von einer Vortragsreise aus der Schweiz nicht ins NS-Deutschland zurückkehren. Seine (später von ihm vernichteten) Tagebücher mit den vermutlich schwärmerischen Aufzeichnungen über die Heuser-Erfahrung befanden sich noch in der Münchner Villa.

Heute erscheint das auf Minderjährige zielende Begehren Thomas Manns im Übrigen noch anrüchiger als zu seinen Lebzeiten, als gewisse Bildungskontexte – etwa die antike „Knabenliebe“ – für mildernde Umstände sorgten. Der alte Vorwurf, zu feige für ein Coming Out gewesen zu sein, erübrigt sich deshalb. Auch Colm Tóibíns von viel Sympathie geprägte Darstellung entwickelt Respekt dafür, dass der Schriftsteller sich meistens damit begnügte, zu schauen und zu schwärmen und sein Begehren ästhetisch zu sublimieren.

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