Charlie Watts beim Jazz Fest Berlin 1986. Foto: imago images/United Archives
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Update Rolling-Stones-Schlagzeuger ist tot Charlie Watts war der einzige Erwachsene unter ewigen Halbstarken

Seine Coolness hielt die Rolling Stones zusammen: Schlagzeuger Charlie Watts ist am Dienstag im Alter von 80 Jahren in einem Londoner Krankenhaus gestorben.

Schlagzeuger sind zu einem Leben im Hintergrund verurteilt, dafür sorgt schon der Bühnenaufbau bei den Konzerten. Ihr Los ist es, halb unsichtbar hinter Trommeln und Becken verschanzt ihre Rhythmusarbeit zu leisten, während den Sängern und Leadgitarristen vor ihnen das Scheinwerferlicht gehört.

In besonderem Maß gilt diese Rollenverteilung für die Rolling Stones. Ihre Hauptattraktionen waren immer der sich unermüdlich mit Tanzbewegungen, die er sich einst von Tina Turner abgeschaut hatte, verausgabende Sänger Mick Jagger und der Gitarrist Keith Richards, dem es auch in den finstersten Zeiten seiner Drogensucht gelang, die göttlichsten Riffs aus seinem Instrument zu holen.

Weil sie auch nahezu alle Songs schrieben, galt das Komponistenkürzel Jagger/Richards schon beinahe als Synonym für die älteste Rock’n’Roll-Band der Welt. Das war höchst ungerecht, denn zusammengehalten wurden die Stones wahrscheinlich am allermeisten vom Drummer Charlie Watts und seinem makellosen Beat.

Man schaue sich nur einmal das Live-Video von einem Stadionkonzert aus dem Jahr 2013 an, bei dem die Stones eine Siebenminutenversion von „Gimme Shelter“ spielen, ihrem wohl dunkelsten und apokalyptischsten Stück überhaupt.

Mick Jagger stolziert und springt über den Laufsteg, der durch die Zuschauermenge führt, wiegt lasziv sein Becken und keucht den kriegerischen Refrain: „War, children, it’s just a shot away, It’s just a shot away.“ Keith Richards schüttelt brillante Kürzest-Soli aus dem Handgelenk und reißt dabei den Hals seiner Gitarre nach oben. Ron Wood, der zweite Gitarrist, hat sich eine Zigarette in den Mundwinkel geklemmt.

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Doch hinter ihnen hockt Charlie Watts, hält mit der linken Hand den Rhythmus auf der kleinen Trommel, schlägt mit der rechten ein Becken, dann vereinen sich die Drumsticks zu einem Wirbel: Bumm, Offbeat, Bumm, Offbeat, Bumm, Offbeat, Rattattattattat! Trommelschläge wie Feuerstöße aus einem Maschinengewehr. „Gimme Shelter“ ist 1969 entstanden, als die Welt in der Gewalt des Vietnamkriegs, der Attentate und brennenden Inner Cities zu versinken schien.

„Mick ist die Show. Wir unterstützen ihn“, so hat Watts die Aufgabenverteilung in einem Interview beschrieben. „Aber Mick würde nicht gut tanzen, wenn der Sound schlecht wäre. Es ging immer darum, richtig zu spielen. Ich meine nicht technisch brillant. Der Rest ist Zuckerwatte, Schaum.“

Richtig, nahezu präzise wie ein lebendes Metronom hat der Drummer immer gespielt, sieben Jahrzehnte hindurch, in denen er seinen Dienst bei den Rolling Stones verrichtete. Nicht die kleinste Leistung war, dass der Stoiker dabei mit keiner Regung seines Gesichts verriet, was er vom Bühnengebaren seiner Vorderleute hielt, der Zuckerwatte und dem Schaum. Manchmal wirkte es, als wäre er der einzige Erwachsene unter ewigen Halbstarken.

Rolling Stones-Schlagzeuger Charlie Watts. Foto: Suzanne Cordero/AFP Vergrößern
Rolling Stones-Schlagzeuger Charlie Watts. © Suzanne Cordero/AFP

Der älteste Rolling Stone war Charles Robert Watts ohnehin, als Sohn eines Lastwagenfahrers kam er am 2. Juni 1941 im Londoner Stadtteil Bloomsbury zu Welt.

Dass er ein Rockstar wurde, ist ein Fall von höherer Fügung. Eigentlich gehörte sein Herz dem Jazz. Er hatte eine Kunstschule besucht und als Grafikdesigner für eine Werbeagentur gearbeitet, bevor er sein Geld mehr und mehr mit dem Musikmachen verdiente. „Ich wollte Max Roach oder Kenny Clarke sein, die in New York mit Charlie Parker vor sich spielten“, hat er später der Tageszeitung „Guardian“ erzählt.

Stattdessen landete Watts bei der Blues Incorporated von Alexis Korner, einer Keimzelle des britischen Beat- und Popwunders. Dort lernte er Brian Jones und Mick Jagger kennen, die bald darauf die Rolling Stones gründeten.

Als der Schlagzeuger die Band verließ, holten sie Watts. Eigentlich sollte er nur eine Aushilfe sein, seinen ersten Auftritt mit den Stones absolvierte er am 12. Januar 1963. Dass er blieb: wiederum höherer Zufall. „Die Stones waren nur ein weiterer Gig für mich“, erinnerte er sich später. „Aber dann fingen wir an, durch England zu touren. Ich wartete darauf, einen anderen Job anzutreten, aber dazu ist es nicht gekommen.“

Watts galt als einer der bestgekleideten Rockstars

Brian Jones, damals Chef der Gruppe, bat Charlie Watts, sich die Haare wachsen zu lassen und nach vorne zu kämmen. Keith Richards empfahl ihm, Platten von Buddy Holly zu hören. Mick Jagger erklärte ihm, wie Popsongs funktionieren. Rhythm’n’Blues? Der Schlagzeuger konnte nichts anzufangen mit dem Begriff, wusste nicht, was das sein sollte. „Ich dachte, ich sollte etwas Charlie-Parker-Mäßiges spielen, nur mit angezogener Handbremse.“

Bremsen sorgen dafür, dass ein Fahrzeug nicht die Bodenhaftung verliert. Eine Metapher, die zur Watts’ Rolle passte: Immer die Ruhe bewahren, sich niemals aus dem Takt bringen lassen. Kein anderes Bandmitglied verkörperte so sehr Coolness wie er, nicht nur, weil er stets korrekt im dreiteiligen Anzug gekleidet war.

Seine Seriosität wirkt wie der Gegenentwurf zum Rüpel-Image der Kollegen. Amouren, Drogenexzesse oder Skandale gab es nicht bei Watts, sein Privatleben kam in der Boulevardpresse nicht vor. Mit seiner Ehefrau Shirley Ann Shepherd war er seit 1964 verheiratet. Auch dem Jazz ist er bis zu seinem Lebensende treu geblieben, er trat mit einer Bigband auf, mit seinem eigenen Quintett veröffentlichte er fünf Alben.

„Charlie, the Beat, Watts“, hat ihn Keith Richards genannt und gewitzelt, dass der Mann für seine Hände eigentlich einen Waffenschein benötige. Am Dienstag ist Charlie Watts in einem Londoner Krankenhaus gestorben, im Kreis seiner Familie, wie es heißt. Er wurde 80 Jahre alt. Das Metronom der Rolling Stones hat aufgehört zu schlagen. Es ist schwer vorstellbar, dass die Band ohne ihn einfach weitermachen kann.

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