Das Bürgertum entdeckt ein neues Genussmittel: den Kaffee

Von Sinnen. "Das Fest des Bohnenkönigs", ein Gemälde von Jacob Jordaens, entstanden von 1640 - 1645. Foto: Mauritius Images
Rettet den Rausch! Wir sollten es mit dem Verzicht nicht übertreiben

Zehnmal alkoholstärker als das gewohnte Bier, wurde der Schnaps nicht wie eine Mahlzeit zu sich genommen, sondern hinuntergestürzt. Mit dem Gin entwickelten sich der stehende Alkoholkonsum am Tresen und ein Rausch, der den Trinkenden schnell überholt, um sich ihm dann frontal in den Weg zu stellen. Es bleiben keine Erinnerungen, es entsteht keine Gesellschaft. Der Branntwein und der mechanische Webstuhl gelten als Fanal für die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten. Vorbei die pausbäckige, familiäre Epoche des Biers, wie sie William Hogarth in seinen Stichen zeigt. Vereinzelt, ausgemergelt sucht der Schnapstrinker im Rausch nur mehr das kurze Vergessen seiner unerträglichen Lage.

Damit will das Bürgertum nichts zu tun haben und verschafft sich Distinktion mit Hilfe des Kaffees, der aus den Kolonien nach Europa gelangt. Endlich ein Genussmittel, das zum Arbeitsethos und den Moralvorstellungen dieser aufstrebenden Schicht passt. Johann Sebastian Bach, der dem Alkohol gerne und umfänglich zuspricht, schreibt eine Kantate auf die neue Kaffeesucht. Der Bohnenrausch „bringt Ernüchterung, dem Gehirn mächtige Nahrung, steigert Reinheit und Helligkeit, zeigt die Wahrheit der Dinge“, so die zeitgenössische Propaganda, die heute über jedem Co-Working-Space leuchten könnte.

Rationalität und Leistung sind die ewigen Widersacher des Alkoholrauschs. Kein Wunder, dass Künstler immer diesen in Schutz genommen haben, galt er doch als der klassische Zugang zum Reich der Musen. Beeindruckend, wie Goethe seiner täglichen Weinschwemme zum Trotz noch die Feder hochbekommen hat, während der Entertainer Harald Juhnke das spießige West-Berlin mit seiner Definition von Glück reizte: „Keine Termine und leicht einen sitzen“.

Alkohol, sagt der Philosoph, ist die höhere Nüchternheit

Alkohol kennt keine Schranken, er überwindet die Blut-Hirn-Barriere, mischt Stoffwechsel und Hormonspiegel auf und kontrolliert den Schlaf. Er findet Zugang zu dem, was uns soziale Wesen werden lässt, und programmiert unser Belohnungssystem. Da er unsere Entwicklung begleitet hat, kennt er uns in- und auswendig, ist Teil unserer kulturellen DNA geworden. Für Suchtforscher ist das Schlimmste am Alkohol, dass er überall billig zu haben ist. Suchthistoriker wiederum weisen darauf hin, dass der Konsum heute jenseits aller Regeln und Rituale stattfindet, entkulturiert, wie sie es leicht pikiert nennen.

Im Supermarkt der medialen Räusche hat Alkohol viel von seiner auratischen Kraft eingebüßt. Er gilt als Risikofaktor, sollte allenfalls in homöopathischen Dosen genossen werden. Das wäre das Ende jenes Rauschs, der uns zu Menschen gemacht hat. Und wir könnten nicht mehr verstehen, welche Botschaft uns der ungarische Philosoph Béla Hamvas nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs in seiner „Philosophie des Weins“ hinterlassen hat: „Der Rausch ist ein grenzenlos höherer Zustand als die alltägliche Vernunft und der Beginn der eigentlichen Wachheit. Der Beginn von allem, was schön, groß, ernst, genussbringend und rein im Leben ist. Er ist die höhere Nüchternheit. Die eigentliche Nüchternheit.“

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