Rausschmiss im Mai 1932. Nancy Cunard vor dem Grampion. Foto: imago stock&people
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Reporterin, Verlegerin, Anarchistin Nancy Cunard – das Enfant Terrible der Pariser Bohème

Die Engländerin war eine Universalrebellin von einzigartigem Kaliber. Nun wird Nancy Cunard zu ihrem 125. Geburtstag als Figur der Stunde wiederentdeckt.

Mehr Bohème geht nicht. Man Ray hat sie fotografiert, Louis Aragon hat sie geliebt, Greta Garbo hat sie gespielt, die Künstlerin Sonia Delauney entwarf ihr Hut und Mantel. Als Nancy Cunard im Paris der 20er Jahre ankam, ein Umzug, den sie als Wiedergeburt feierte, schmiss die Engländerin sich in die Szene der Surrealisten und Expats.

Sie dichtete, tanzte, verlegte – darunter das erste Werk von Samuel Beckett –, nahm sich jede Freiheit, die sie wollte. Cunard, vor genau 125 Jahren, am 10. März 1896, geboren, war Lyrikerin, Muse, Verlegerin, Reporterin, „Vogue“-Kolumnistin, Black Power-Aktivistin, Adelige, Erbin, Liebhaberin, Trinkerin, Rebellin an der ganzen Front, Kämpferin gegen Rassismus und Faschismus, rastlose Kosmopolitin.

Mit drei Nobelpreisträgern, zählte einer ihrer Biografen nach, verbanden sie „misslungene Romanzen“ (neben Beckett, der sie für ihren „Elan und Mumm“ lobte, Pablo Neruda, mit dem sie auch publizierte, und T. S. Eliot). Dazu kamen Dutzende anderer Liebschaften, oft ebenfalls mit literarischer Prominenz, und Freundschaften – die Grenzen zwischen beiden lassen sie sich nicht immer klar ziehen.

Dieser Kreis reichte von Hemingway über William Carlos Williams bis zu Leonard Woolf, von Langston Hughes bis zu Aldous Huxley und Ezra Pound. Ihr Markenzeichen: breite Armreifen aus Holz, Gold und Elfenbein, die sich bis zum Ellenbogen aneinderreihten, fast wie eine Rüstung. Mit der sie auch schon mal einem Geliebten ein blaues Auge schlug.

Den afrikanischen Schmuck trägt Cunard auch auf Man Rays Porträt, das nun gleich die Titel zweier Bücher schmückt: Unda Hörners Biografie „Nancy Cunard“ und die von Karl Bruckmaier im vergangenen Herbst herausgegebene und übersetzte Anthologie „Nancy Cunards Negro“ (Kursbuch.edition). Keine Frage, die Zeit ist reif, „einen der größten Stars, von dem Sie noch nie gehört haben“, kennenzulernen, wie die „New York Times“ sie einmal beschrieb.

Nichts wie weg, nach Paris

Die kurze Lebensgeschichte von Unda Hörner liest sich in einem Rutsch, ein Parforceritt durch ein pralles, rebellisches Leben. Cunards Urgroßvater hatte die gleichnamige Reederei gegründet, ihr Vater war ein britischer Adeliger, der sich vor für allem für die Freuden des Landlebens interessierte; ihre Mutter, Lady Emerald, wie sie sich nannte, war Amerikanerin, Liebhaberin der Künste wie der Künstler, die in London zur Society Queen und legendären Gastgeberin avancierte.

Für Tochter Nancy war da wenig Platz, deren Kindheit eine einsame Angelegenheit, in der sie sich nach Afrika träumte. Um den Zwängen ihres Standes und der Familie zu entkommen, heiratete sie schnell einen Offizier, den sie ebenso rasch wieder verließ. Nichts wie weg, nach Paris.

[Unda Hörner: Nancy Cunard. Zwischen Black Pride und Avantgarde. Ebersbach & Simon, Berlin 2021. 144 Seiten, 18 €.]

Mitten im Zeitalter des Jazz lernte Cunard den Pianisten Henry Crowder kennen, „mein erster Freund unter den Schwarzen“, wie sie den Lebenspartner in der Widmung ihres Opus Magnum „Negro“ nennt. Allein mit ihrem Outfit, der knapp sitzenden Lederjacke, dem Turban und dämonisch schwarzem Kajal um die Augen, hat Cunard provoziert.

Aber nun, mit dem Schwarzen Mann an ihrer Seite, begab sie sich gerade in den USA in Gefahr. Nicht nur vom Ku-Klux-Klan bekam sie Hasspost und Morddrohungen. Als sie mit Henry Crowder in einem Londoner Hotel abstieg, alarmierte ihre empörte Mutter die Polizei, womit der Bruch der beiden endgültig besiegelt war.

Einer Parteidisziplin hätte sie sich nie unterworfen

Beide, Unda Hörner wie Karl Bruckmaier, wahren kritische Distanz zu ihrer schillernden, auch zutiefst traurigen und einsamen Figur, die in ihrer alten Heimat oft auf ihre Promiskuität reduziert und als Salonkommunistin verspottet wurde. Dabei war sie, bei aller linker Überzeugung, vielmehr Anarchistin.

Einer Parteidisziplin hätte sie sich nie unterworfen. Nancy Cunard war aus den Salons ihrer Mutter ausgebrochen, ging an die Front, etwa im Spanischen Bürgerkrieg, und berichtete für eine Schwarze Agentur, half den Geflüchteten ganz praktisch. Zu den zahlreichen Ironien dieser Geschichte gehört auch diese: dass Lady Emerald in ihrem Haus eben jene Faschisten empfing, die ihre Tochter bekämpfte.

Hörners Buch, zu kurz, um in die Tiefe zu gehen, macht Appetit auf mehr. Ganz neu ist es nicht. Vor knapp 20 Jahren erschien es zum ersten Mal im selben Verlag, wurde von der Autorin überarbeitet, ein neuer Schwerpunkt gesetzt. Lautete der Untertitel 2002 noch „Enfant terrible der Pariser Bohème“, heißt er nun „Zwischen Black Pride und Avantgarde“.

In der aktuellen Debatte ist Nancy Cunard plötzlich mehr als nur eine Vorreiterin weiblicher Emanzipation, eine Frau, die sich auch im Bett nahm, was sie wollte, eine glamouröse Figur nicht nur der literarischen, sondern der politischen Avantgarde.

Eine scharfe Beobachterin des Rassismus

1934 ist ihr wichtigstes Werk, „Negro“, erschienen, eine kontinentüberschreitende Anthologie zur Geschichte und Kultur der Schwarzen. Eine fast 900 Seiten fassende Pioniertat, dabei zu dick, zu teuer, zu eklektisch, von Kritikern wie Käufern ignoriert. Karl Bruckmaier ist vor ein paar Jahren zufällig auf die über Jahre zusammen getragene Sammlung gestoßen. Der Moderator und Popkritiker hat eine kluge Auswahl aus dem ursprünglichen Konvolut getroffen, sich auf afroamerikanische Texte konzentriert, und solche, die sich noch heute frisch lesen.

Neben Texten von Langston Hughes und Zora Neale Hurston, die ebenfalls gerade in Deutschland entdeckt wird, auch einer von Cunard selbst über einen Besuch in Harlem, der sie, die nicht frei von Romantisierung war, als scharfe Beobachterin des Rassismus in all seinen Schattierungen, auch unter Schwarzen, zeigt.

Verlegerin Cunard, die in ihrem Haus in der Normandie eine eigene Druckerpresse betrieb, hätte auch ihre Freude an der Gestaltung des Bandes, dem Papier und Satz gehabt. Mit seinem Ohr für Musik und gesprochene Sprache schafft Bruckmaier es zudem, Nancy Cunard in seinem Porträt auf wenigen Seiten lebendig werden zu lassen

In beiden Büchern erscheint diese als Getriebene, deren Kampfgeist und Empörung über die Ungerechtigkeit der Welt am Schluss zur Raserei wurde. Einige Monate verbrachte sie in der Psychiatrie; völlig abgemagert, betrunken und pöbelnd, fischte die Polizei sie 1965 von der Straße, ein paar Tage später starb Nancy Cunard im Krankenhaus. Für ihre Biografin Jane Marcus, deren englischsprachige Biografie ebenfalls gerade erschienen ist, hat ihr Ende etwas von einer Beckett-Figur: „lebendig begraben, nur die Stimme ist ihr geblieben, fluchend“.

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