Lächeln fürs Bewerbungsfoto: Eva Löbau als Alice in "Reise nach Jerusalem". Foto: Filmperlen
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"Reise nach Jerusalem" mit Eva Löbau Bloß nicht unterkriegen lassen

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"Reise nach Jerusalem": Eine Begegnung mit der großartigen Schauspielerin Eva Löbau, die jetzt im Kino als Langzeitarbeitslose in zu sehen ist.

Vielleicht ist es eine dieser verhuschten, detaillierten Verlegenheitsgesten. Die Offenheit im Blick. Oder auch die Intention: „Die Regisseurin hat klar gesagt: Das ist ein Clown“, erklärt Eva Löbau über die Rolle der Alice in ihrem neuen Film „Reise nach Jerusalem“. Jenes Clowneske, Unverdrossen-Naive, zum Kichern Reizende, das sie ihrer Figur mitgibt, zieht sich wie ein rotes Band durch diese Tragikomödie über eine arbeitslose „freie Texterin und Redakteurin“. Über eine Frau, die sich in einer soften Abwärtsspirale befindet, bis zur Hartz IV-Grenze.

Alices dürftige finanzielle Felle schwimmen ihr davon – nach der Kündigung in einer Agentur hilft sie Handelsvertreterinnen beim Kundinnen-Bequatschen, verdient dabei aber nur Benzingutscheine. In der Arbeitsamt-Fortbildung wird kollektiv gepennt, gelesen oder mit Bürostühlen gekippelt. Und beim einzigen, vielversprechenden Bewerbungsgespräch versagt das doofe Skype.

Regisseurin Lucia Chiarla präsentiert Löbau in jeder Szene. Sie trägt den Film, verkörpert das Stehaufmännchen Alice als Zähne zusammenbeißende Antiheldin, die zusehens die Fassung verliert. Irgendwann steht Alice in bitterer Kälte vor dem Geldautomaten, und steckt die Karte wieder und wieder erfolglos in den Schlitz. Als sich der Nächste in der Warteschlange beschwert, fährt sie ihn an: „Ich mach das so lange, bis was passiert, verstanden? Und es wird jetzt auch gleich was passieren!!“ Zwei kurze, komische, herzzerreißende Sätze.

Eva Löbaus Stärke: Sie spielt die Schwäche so gut

Die 46-jährige Eva Löbau ist seit fast 20 Jahren in Film- und Fernsehrollen zu sehen. Vorher sammelte sie Bühnenerfahrung, spielte in einer Jugendtheatergruppe in Esslingen (nahe ihrem Geburtsort Plochingen), schrieb an Stücken mit, gestaltete Bühnenbilder. Ihre Leidenschaft ließ sie ein Philosophie- und Theaterwissenschaftsstudium an der HU Berlin, das sie als Tochter österreichischer Eltern dank einer „Ausländerquote“ bekam, nonchalant vernachlässigen, um sich an Schauspielschulen zu bewerben. „Ich habe neun Mal vorgesprochen, an sechs oder sieben Schulen!“

Löbau lacht. Sie blieb – auch im richtigen Leben - unverdrossen, bereitete sich nun mit professioneller Hilfe auf die nächste Aufnahmeprüfung, statt allein „in meiner Berliner Wohnung schmerzvoll die Iphigenie auf Taurus“ zu proben. Und wurde am renommierten Wiener Max-Reinhardt-Seminar angenommen. Dem Studium folgten erste Theaterengagements.

Wir treffen uns in Berlin, wo sie zwar momentan nicht mehr lebt – mit der neuen Spielzeit gehört sie zum Ensemble der Kammerspiele München - , aber sich immer noch zuhause fühlt. Im Theater, sagt sie zum Unterschied zwischen Film- und Bühnenarbeit, „spielt Raum eine andere Rolle. Auf der Bühne trägt einen das Kontinuum, permanent in diesem Raum zu sein, alle Anwesenden haben diese Verabredung getroffen. Im Film schafft man sich einen inneren Raum, das Setting unterstützt einen dabei“. Aber sie liebe beides, meint Löbau. Theater und Kamera empfindet sie als gleichermaßen interessante Aspekte ihres Berufs.

Eva Löbaus Stärke: Sie spielt die Schwäche so gut. In Maren Ades Langfilmdebüt, dem bitterkomischen Isolationsdrama „Der Wald vor lauter Bäumen“ von 2003, verkörpert sie mit weichem Original-Plochingen-Dialekt eine enthusiastische Junglehrerin, deren Versuche scheitern, sich in einer neuen Umgebung mit neuem Job und neuen Freunden zurechtzufinden. Verletzlich wirkt da Löbaus Lächeln,  wenn sie sich den neuen Kollegen vorstellt, und ihre 1 Meter 60 nur sehr vorsichtig und scheu in die Höhe fährt. Sie meint es garantiert gut – und bekommt auf die Nase.

Auch "Tatort"-Kommissarin Tobler spielt Löbau als authentische Figur

Dieses Gutmeinende, Nicht-Desillusionierte ist Eva Löbau auch in ihrer Rolle als "Tatort"-Kommissarin Franziska Tobler vom Schwarzwald-Team eigen. „Ich wollte eine realistische Beamtin spielen, die keine Abgefucktheit ihrem Beruf gegenüber hat, weil es nicht so eine Gegend ist“, erklärt Löbau. „Bei Gesprächen mit Polizisten in Freiburg  hab ich gemerkt, dass die eben nicht abgefuckt sind!“. 

Kommissarin Tobler, die neben Friedemann Berg alias Hans-Jochen Wagner in ihrem vierten Fall ermittelt und Anfang nächste Jahres in einem "Tatort" von Julia Heinz zu sehen sein wird, strahlt Mitgefühl aus. Und eine unterhaltsame Wärme: Wo andere cool, tough und frisch geföhnt mit der Walther PPK wirbeln, da wirkt Tobler, als ob der wenige Schlaf ihr tatsächlich zusetzt - eine authentische Figur.

Eva Löbau als Langzeitarbeitslose "Alice". Foto: Filmperlen
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Eva Löbaus Filme und Theaterinszenierungen wurden überdurchschnittlich oft von Regisseurinnen inszeniert. „Ja? Ist mir nicht aufgefallen“, sagt sie, „ich schaue da nicht geschlechtsspezifisch.“ Vielleicht hat es damit zu tun, dass Löbau die Genderthematik ihrer Figuren weder durch vermeintlich typisch Weibliches, also re-agierendes, noch durch das Gegenteil definiert. Ihre Graumäusigkeit hat etwas Zähes, ihre Komik etwas sehr Uneitles. In „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ von 2017 spielt sie eine geschiedene Frau, die trotzig einen Callboy bestellt, und eine doppelte Vögelkatastrophe erlebt: Vögel knallen während des Akts gegen die Fensterscheiben. Das turnt ab. Und reizt, natürlich, wieder zum Lachen.

„In verzweifelten Situationen versuchen, weiterzumachen“, fasst Löbau einige ihrer Rollen zusammen. Und lässt sich, die Interviewzeit ist vorbei, schnell noch zu ihren Hobbys befragen: „Ich hab ja mein Hobby zum Beruf gemacht! Aber ansonsten: Radiohören. Hörspiele, darin sehe ich meine Zukunft. Manchmal kann ich abends einfach nicht mehr gucken. Da will ich nur noch hören.“

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