„Western“ lebt von einer melancholischen Schönheit

Redet schnell, dreht langsame Filme. Regisseurin Valeska Grisebach, 49. Foto: Iris Janke
Regisseurin Valeska Grisebach im Porträt Tanz in der Nacht

Meinhard Neumann hat Grisebach auf dem Pferdemarkt in Havelberg gesehen, an einem Trödelstand. Sie hatte nach diesem Pin-Up-Moment gesucht, nach Cowboys Ausschau gehalten - aber bitte ohne Cowboyhut. Sie sprach ihn an, sie spricht Leute auch sonst auf der Straße an, tauscht Nummern, verabredet sich. Später gab es Castings, auch da hat das Stichwort „Western“ Türen geöffnet. Reinhardt Wetrek, Meinhards Gegenspieler Vincent, kam zum Casting, weil er seiner Tochter zeigen wollte, dass man sich was trauen kann. Ein stattlicher Mann, durch den ein Beben ging.

Vincent nimmt anders zu den Dorfbewohnern Kontakt auf als Meinhard. Als ein paar junge Frauen zum Baden an den Fluss kommen, nimmt er einer den Sonnenhut weg, spielt Machtspielchen mit ihr, markiert den Macho. Das Thema Fremdenfeindlichkeit, meint Grisebach, kann sie besser erzählen, indem sie Deutsche ins Ausland schickt. Wegen der doppelten Fremdheit, die das Überlegenheitsgefühl zum Vorschein bringt, aber auch die Unsicherheit, die Vincent in der Szene am Fluss überspielt.

„Drehen ist laut Denken, eine intime Situation“

„Der Western stellt die Frage, wie konstituiert sich eine Gesellschaft? Über Empathie, über das Recht des Stärkeren, über Einfühlungsvermögen?“, erklärt die Regisseurin. Was geschieht, wenn ich dem Anderen, dem Fremden, der dort lebt, wo ich neu hinkomme, erstmals begegne, „fange ich mit einem aggressiven Flirt an – oder setze ich mich hin und schaue mich um?“

Es gibt viele Duelle in diesem Film, knappe Dialoge, falsche Bewegungen, Nachtgestalten, wortlosen Schlagabtausch, auch mit den Fäusten. Die Männer reden über das Leben, die Freiheit, den Krieg – Meinhard war mal Legionär. Die zahnlose bulgarische Alte gibt ihm ihren Segen beim Essen mit der Großfamilie. Eine Verbrüderung findet statt, man kommt ins Gespräch und ins Geschäft, Abzocker sind unterwegs – und Meinhard ist keineswegs nur der coole Fremde-Welten-Versteher, wie sich herausstellt. Im Camp sitzen die Männer am Feuer, telefonieren bei schlechtem Empfang, der Rücken des Schimmels schimmert in der Nacht. Das Wasser ist knapp, die Baustelle braucht welches, man könnte den Hebel oben am Berg umlegen, dann sitzt das Dorf auf dem Trockenen: noch ein Duell.

Immer wieder verdichtet Valeska Grisebach unscheinbare dokumentarische Momente zu Chiffren über Arbeit, über Männer, Fremdheit, Verständigung und ihre Grenzen. „Drehen ist laut Denken, eine intime Situation“, sagt die Regisseurin – und dass der Film im Schneideraum zusammen mit Editorin Bettina Böhler noch einmal neu entstand. „Western“ lebt von der diskreten Präzision, mit der die Figuren und Begegnungen auf ihre Ambivalenzen hin abgetastet werden, von einer melancholischen, verhaltenen Schönheit.

Gelassene Bilder, lange Recherchen

Das Dorf gefiel der Crew, weil es kein Straßendorf ist, sondern einen Platz in der Mitte hat, an dem auch mal Stühle und Bänke rausgestellt werden, eine kleine Agora. Hier können die Dinge ausgetragen werden, in Ruhe oder mit Gewalt. Griechenland ist nicht weit, dieses von Europa im Stich gelassene oder – je nach Sichtweise – gerettete Land. Den Bulgaren hier geht es besser, weil sie auf der anderen Seite der Grenze etwas mehr verdienen können und weil umgekehrt griechische Firmen in bulgarischen Textilfabriken produzieren, das schafft Arbeitsplätze. Die Krise schwingt mit, ohne dass explizit von ihr erzählt würde. Jeder muss gucken, wie er über die Runden kommt, und aus Griechenland weht ein warmer Wind herüber. Auch das gefiel der Crew, auch das färbt die Bilder.

Valeska Grisebach ist 49, sie hat erst drei Filme gedreht. Weil sie sich Zeit lässt, weil sie gründlich recherchiert, sich Youtube-Filme von Männern auf Montage anguckt oder wissen will, wie West-Firmen mit EU-Geldern in Osteuropa investieren. Weil sie Mutter wurde, weil sie an der DFFB unterrichtet, „weil das Leben auch so ganz schön ist.“ Sie sei manchmal eine Trödelliese. Die konzentrierte Gelassenheit ihrer Bilder ist anders nicht denkbar.

Sie ist für eine Frauenquote

Wobei sie inzwischen Lust hat auf ein höheres Tempo und nicht zuletzt deshalb mit der Quote sympathisiert. Trotz der jüngsten Erfolgssaison der Frauen (Maren Ade, Nicolette Krebitz, Sonja Heiss, Anne Zohra-Berrached ...) hat die Filmbranche „sich als recht konservative Branche erwiesen, deshalb ist die Quote überfällig. Einfach machen, alles andere funktioniert nicht oder geht nur mit Schnarchgeschwindigkeit voran.“

Laien-Darsteller bevorzugt sie übrigens wegen des Kontrollverlusts. Sie verehrt Profi-Schauspieler, interessiert sich aber für den Moment, in dem es knirscht. Wenn Traum und Versagensangst kollidieren, wenn der Realismus nicht aus der Virtuosität der Schauspielkunst heraus entsteht, sondern umgekehrt Material wird. Wie die Hände der Arbeiter, wenn sie zupacken.

Eines Nachts greift sich Vincent den Schimmel, stürzt mit dem Pferd einen Hang hinunter, das Tier wird erst Tage später gefunden. Eine Szene von stiller Wucht. Schuld kommt ins Spiel, Verhängnis, Verschweigen. Auch Meinhard verändert sich. Der große Mann, der geradewegs aus einem Western hereinspaziert sein könnte, trägt doch auch den kleinen Mann in sich. Er hat etwas Verlorenes, etwas Opportunistisches, sagt Grisebach. Zum Showdown tanzt er beim Dorffest, ein stolzer, gebrochener Held. Keine Frau steht in der Tür und wartet auf ihn.

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