Kelly Reichardt auf dem roten Teppich für ihre Berlinale-Premiere mit "First Cow". Foto: Annegret Hilse/Reuters
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Regisseurin Kelly Reichardt auf der Berlinale „Alle Amerikaner sind Immigranten“

Kelly Reichardts Western „First Cow“ gehört bisher zu den Berlinale-Lieblingen. Ein kurzes Gespräch über Genre-Kino, Amerika und Biberfell-Kapitalismus.

Mrs. Reichardt, „First Cow“ ist nach „Meek’s Cutoff“ Ihr zweiter Western. Interessiert Sie eher das Genre oder die Epoche, die 1820er Jahre?
Ich habe diesmal überhaupt nicht an das Genre gedacht, mir waren die Zeit, der Ort und die Figuren wichtiger. Das hat sicher auch mit der Landschaft zu tun, „Meek’s Cutoff“ spielt in der Prärie, „First Cow“ in den Wäldern von Oregon. Da werden einem die Restriktionen des Western weniger bewusst.

Sie haben wieder im schmaleren Academy-Format gedreht. Bei „Meek’s Cutoff“ war das auch ein Statement gegen die Epik des Western. Diesmal können Sie durch den Bildausschnitt den Fokus stärker auf die Freundschaft zwischen ihren Protagonisten richten.
Es geht mir in „First Cow“ mehr um die Geschichte von Cookie und King Lu, die beide als Immigranten nach Amerika gekommen sind. Die Romanvorlage von Jonathan Raymond spielt auf zwei Zeitebenen, ich habe mich aber dafür entschieden, die gegenwärtige außen vor zu lassen, damit ich mehr auf die Nuancen der Gemeinschaft und die Freundschaft zwischen den beiden Männern eingehen kann.

Es gibt einen kurzen Prolog in der Gegenwart: Eine Wanderin findet am Ufer die Knochen von zwei Männern. Diese Verbindung ins Jetzt ist wichtig.
Das Frachtschiff, das am Anfang durch das Bild fährt, ist ein Symbol für den Kapitalismus entlang des Columbia River. Der Fluss war im 19. Jahrhundert ein wichtiger Handelsknotenpunkt für das indigene Volk der Chinook, hier kommt auch die Kuh für den britischen Abgesandten an. „First Cow“ zeigt die Anfänge des Kapitalismus in der Region, den Gegensatz von Mensch und Umwelt. Diesen Gegenwartsbezug wollte ich sichtbar machen.

Cookie und King Lu sind die Nutznießer dieses frühen Kapitalismus. Sie klauen die Milch der Kuh und backen damit Schmalzkuchen, die sie an die Trapper und Siedler verkaufen.
Damals florierte der Handel mit Biberfellen. Die Kuh war unsere Idee, sie führt uns durch die Geschichte. Cookie ist von den beiden der bodenständige Typ, der eher im Einklang mit der Natur steht, King Lu ist der gewiefte, er wittert ein Geschäft.

Die Aufnahmen der Wälder sind sehr sinnlich gefilmt, untypisch für einen Western. Wie haben Sie mit ihrem Kameramann Christopher Blauvelt gearbeitet?
Ich habe mir anfangs einige Regeln gesetzt. Keine „schönen“ Einstellungen zum Beispiel, die Bilder sollen den Darstellern dienen. Ich habe viel mit Schwenks gearbeitet, so dass das Publikum selbst in die Bilder finden muss, statt dass es etwas vorgesetzt bekommt.

Fast alle Ihre Filme spielen in Oregon, gleichzeitig erzählen sie von Amerika. Warum aber am Beispiel der Peripherie?
Das hat auch praktische Gründe, mein Autor Jonathan Raymond, mit dem ich seit 15 Jahren arbeite, kommt aus der Gegend. Außerdem ist die Landschaft im Nordwesten einzigartig, es gibt den Pazifik, Wüste und Wälder. Ich bin aus Florida und lebe in New York. Texas und Kalifornien, typische Western-Landschaften, sind im Kino auserzählt, diese Bilder haben sich schon in das Genre eingeschrieben. Dreht man dort, muss man sich automatisch auf sie beziehen.

Ist „First Cow“ Ihre Version des Melting Pot, die Geschichte von Immigranten? Ein polnischer Koch, ein chinesischer Seemann, russische Fellhändler, ein britischer Kolonialherr – und natürlich die indigene Bevölkerung Amerikas.
Alle Amerikaner sind Immigranten. Das Bild des amerikanischen Westen ist ja längst etabliert, nur haben die Menschen ohne Einfluss in dieser Historie keine Stimme gefunden.
Di 25.2.,12 Uhr (Haus der Berliner Festspiele) und 18.15 Uhr (Friedrichstadtpalast), 1.3., 10 Uhr (Haus der Berliner Festspiele)

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