Klare Ansage. Demonstranten vor der Dresdner Semperoper während der Jahrestagung von Amnesty International 2015. Foto: Arno Burgi/p-a/dpa
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Rasse und Rassismus Die Farbenlehre der Zukunft

Das französische Online-Magazin "La vie des idées" beschäftigt sich mit dem fragwürdigen Begriff der Rasse. Die Zeitschriftenkolumne.

Am 12. Juli 2018 war es um das fragwürdige Wort geschehen. Die französische Verfassung kommt seither ohne Verweis auf die Rasse aus. In der Absicht, Hitlers Rassenpolitik Paroli zu bieten, hatte es dort in Artikel eins der Version von 1958 noch geheißen: „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie gewährleistet die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ohne Unterschied der Herkunft, Rasse oder Religion. Sie achtet jeden Glauben.“ Nun lautet die Formulierung, die Republik gewährleiste allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz, „ohne Unterscheidung nach Geschlecht, Herkunft oder Religion“.

Das deutsche Grundgesetz zeigt sich trotz mehrerer Änderungsinitiativen noch hartnäckig. Artikel drei dekretiert: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Vermeintlich besser dran sind die USA, in deren Verfassung Rasse, Geschlecht und Religion erst in späteren Zusatzartikeln Eingang findet. Wie aber erklärt es sich dann, dass es kaum eine Nation gibt, die ihren erklärten Willen zur Farbenblindheit im Lauf der Geschichte so brutal Lügen gestraft hat?

Eine neutrale Verwendung des Begriffs erscheint unmöglich – nicht nur mit Blick auf seinen Missbrauch. Aber geht es beim Versuch, ihn zu ersetzen, um Kosmetik, Symbolik oder die tatsächliche Durchsetzung einer diskriminierungsfreien Zukunft? Wie lässt sich, um mit Gwénaële Calvès zu fragen, die öffentliches Recht an der Universität von Cergy-Pointoise lehrt, der Soziologe, der den Begriff verwendet, vom Rassisten unterscheiden? Sie erinnert an Colette Guillaumin, die schon 1972 in ihrem Buch „L’idéologie raciste“ eine konstruktivistische Sichtweise empfahl. Rassen seien weder naturgegeben noch unveränderlich, sondern das Ergebnis eines historischen Wechselfällen unterliegenden Prozesses der Herabwürdigung, für den Guillaumin das Wort „racisation“ vorschlägt.

Gibt es weiße Privilegien?

In drei aufeinanderfolgenden Wochen hat das französische Onlinemagazin „La vie des idées“ (laviedeidees.fr) neben Calvès vier weitere Experten, eine Philosophin, eine Soziologin, eine Politikwissenschaftlerin und einen Anthropologen, um Auskunft zu sechs Fragen rund um „la question raciale“ gebeten. Das Ergebnis bietet in all seinen französischen Besonderheiten einen materialreichen Einblick in dieses selbst geschichtlichen Wandlungen unterworfene Feld. Und es zeigt, dass sich so einfache Fragen wie „Ist es ein Privileg, in Frankreich weiß zu sein?“ nicht mit einem schlichten faktengestützten Ja beantworten lassen. Sie lenken die Aufmerksamkeit bereits so gezielt auf eine Schwarz-Weiß-Polarität, dass andere Faktoren wie Schichtenzugehörigkeit (in Frankreich spricht man noch seelenruhig von Klassen) aus dem Blick geraten – ganz abgesehen davon, dass auch der Begriff des Weißseins mit sozialen Praktiken verbunden ist, die sich nicht allein durch die Hautfarbe definieren.

„La vie des idées“ wird getragen vom Collège de France, jener Pariser Eliteeinrichtung, die ihren Professoren außerhalb des normalen Universitätssystems eine einzigartige Freiheit schenkt. Am dortigen Institut du Monde Contemporain schloss sich 2002 eine Gruppe linksliberal orientierter Wissenschaftler zur „République des idées“ zusammen. Bis 2005 gab sie – neben einer Buchreihe in den Editions du Seuil – „La vie des idées“ im Monatsturnus gedruckt heraus.

Seit 2007 existiert dieses Forum der Geistes- und Sozialwissenschaften nur noch online. 14 Wissenschaftler aus ganz Frankreich haben sich zu einer „intellektuellen Kooperative“ zusammengeschlossen, die akademische Diskussionen in die Öffentlichkeit tragen will. Essays, Rezensionen und Gespräche widmen sich einer breiten Themenpalette zwischen Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kunst und Philosophie. Seit 2010 existiert in Gestalt von booksandideas.net überdies ein englischsprachiger Ableger, der ausgewählte Beiträge mit zeitlicher Verzögerung veröffentlicht.

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