Rapper Slowthai bei seiner Release-Party in Northhampton. Foto: imago
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Rapper Slowthai Verdammte Heimat

Der Rapper Slowthai veröffentlicht sein Debütalbum „Nothing Great About Britain“. Darin geht es um die Queen - und um seine Mutter.

Als Queen Elizabeth im Juni 2012 ihr 60. Thronjubiläum feiert, sitzt in Northampton ein 17-Jähriger vor dem Fernseher und hofft auf einen Song, der seiner Meinung nach perfekt ins Programm passen würde: „God Save The Queen“ von den Sex Pistols. Er liebt die Punkband, seit seine Babysitterin ihm einst deren Musik vorgespielt hatte.

Und so fiebert Tyron Frampton während der TV-Übertragung dem Pistols- Hit entgegen: „Sie haben erst die richtige Hymne gespielt und ich dachte, jetzt, jetzt, jetzt muss er kommen“, erinnert er sich. Doch er wird enttäuscht. Das Lied, das während des 25. Thronjubiläums der Queen veröffentlicht wurde und mit den Zeilen „God save the queen / The fascist regime“ eröffnet, ist noch immer nicht kompatibel mit offiziellen Feierlichkeiten.

Heute muss Tyron Frampton, der sich nach einem alten Spitznamen Slowthai nennt und derzeit einer der spannendsten Rapper Großbritanniens ist, auf niemanden mehr warten, wenn er sich einen Anti-Monarchie-Song wünscht. Er stellt sich einfach selbst auf die Bühne und verflucht die Königin und die Premierministerin gleich mit.

F-Wörter und Mittelfinger

Zwar hängt bei seinen Konzerten stets ein Union Jack an der Wand, doch wenn sich der völlig durchgeschwitzte Rapper bis auf die Unterhose ausgezogen hat, brüllt er zahllose F-Wörter gegen die Repräsentantinnen seines Landes in die Menge, aus der ihm eifrig die Mittelfinger entgegengestreckt werden.

In England, wo die Klassenunterschiede noch deutlich massiver sind als hierzulande, wird Slowthai auf der Verliererseite geboren. Er rappt darüber in seinem Stück „Northampton Childs“, das so beginnt: „Northampton General 1994/ Mixed race baby born/ Christmas, well a week before/ Mum’s 16/ Families poor.“ Die junge Mutter zieht in eine Sozialwohnung, hat einen neuen Mann, der sie betrügt und Drogen nimmt, ein Jahr später wird ein weiterer Sohn geboren, der jung stirbt. Das Stück ist die zackig vorgetragene Schilderung eines Überlebenskampfes, gipfelnd in einer Liebeserklärung an die Mutter, die er zu seiner einzigen Königin erklärt. Elizabeth kann ihm gestohlen bleiben.

Kloppereien und Spritztouren

Tyron Frampton spricht voller Liebe über seine Mutter, die er in seinen Teenagerjahren allerdings auch oft in die Verzweiflung getrieben hat. „Es waren ziemlich viele kalte Tage im Regen, an denen meine Freunde und ich rumstanden und überlegten, was wir machen könnten, um uns aufzuwärmen“, erinnert er sich beim Gespräch im Berliner Büro seiner Plattenfirma. Von Klingelstreichen, Kloppereien, Fußball, Kiffen und Trinken bis hin zu Spritztouren auf geklauten Motorrädern reicht die Freizeitgestaltung seiner Clique, in der alle wenig Geld haben und Drogen ziemlich wichtig sind.

Große Klappe. Tyron Frampton, 24, alias Slowthai kommt aus Northampton. Universal Vergrößern
Große Klappe. Tyron Frampton, 24, alias Slowthai kommt aus Northampton. © Universal

In dieser wilden Zeit hat sich Slowthai „Sorry Mum“ auf den Brustkorb tätowieren lassen. „Es war der Satz, den ich am häufigsten gesagt habe“, gibt er lächelnd zu. Überhaupt lächelt der 24-Jährige viel, dessen Tattoos an diesem Morgen größtenteils unter seinen langen Sportklamotten verborgen bleiben.

Doch weil er schon oft mit freiem Oberkörper gefilmt und fotografiert wurde, hat die Aufschrift auf seinem Bauch Bekanntheit erlangt: „Nothing great about Britain“ steht da in Großbuchstaben. Eine genial-prägnantes Wortspiel, von dem Slowthai nicht nicht mehr genau weiß, wann es ihm eingefallen ist. Aber er hat sie seit dem 2016 veröffentlichten Song „Jiggle“ immer wieder benutzt und sie nun auch zum Titel seines gerade erschienen Debütalbums erkoren.

Proud to be British

Der Slogan bringt einen Erkenntnisprozess des Rappers auf den Punkt: „Ich bin in einer überwiegend weißen Gegend aufgewachsen, in der rassistische und rechte Einstellungen vorherrschten“. erklärt er. „Deshalb habe ich mich immer gefragt, was ist great, großartig. Auch in der Geschichte des Landes habe ich nichts gefunden.“ So ist der Titelsong, mit dem die Platte eröffnet, ein von nervös zuckenden Stolperbeats und unheilvoll dräuenden Synthesizern angetriebener Abgesang.

Der Text besteht aus einem fiebrigen Gedankenstrom, in dem Slowthai eine tiefschwarzes Bild von Großbritannien zeichnet. Vom Buckingham-Palast springt er zu Polizistenaufmärschen, Menschen auf Drogen und Hooligans. Dass Slowthai am Ende sagt „Hand on my heart, I swear I’m proud to be British“ wirkt wie Hohn, ähnlich wie das „We love our queen, God saves“ der Sex Pistols.

Brexit-Gegner

Doch im Gespräch sagt er über die Zeile: „Es ist schon Ironie. Aber es ist beides: Ich bin stolz und auch wieder nicht. Ich bin froh und traurig.“ Er sei stolz auf die Familie, die Nachbarschaft und die Brüderlichkeit, die er dort erlebt habe, aber nicht auf das, was Nationalisten lieben. Beim Brexit-Referendum hat er für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Dass er seine Tour „Brexit-Bandit“ genannt hat, wurde vielfach als Unterstützung der Leave-Befürworter gewertet.

Ein absurdes Missverständnis, denn Slowthai lehnt die Abspaltung aus ganzem Herzen ab. „Ich bin besorgt, wie der Brexit sich auf die jüngere Generation auswirken wird. Es fühlt sich so an, als würden wir zehn Schritte rückwärtsgehen. Die meisten, die ,Leave‘ gewählt haben, gehören der älteren Generation an und werden die Konsequenzen wahrscheinlich gar nicht mehr mitbekommen“, sagt er.

Er wohnt noch bei seiner Mutter

Auf „Nothing Great About Britain“ hält sich Slowthai mit direkten politischen Statements auffallend zurück. Er habe sich oft genug geäußert und wollte das Album persönlicher halten, sagt er. Das setzt er etwa in „Gorgeous“ um, bei der er atemlos über eine Collage aus einem geloopten Klaviermotiv, weiblichen Vocal-Sampels und eine Schluckauf-Bassdrum rappt. Impressionen aus seiner Sozialsiedlung in Northampton, wo er mit Freunden auf gestohlenen Fahrrädern herumheizt. Es endet in Handschellen: „Five man deep and we’re all in cuffs.“

Slowthai ist dem ruppigen britischen Rap-Genre Grime zuzurechnen. Schon nach seinen ersten EPs wurde er mit dem Grime-Star Dizzee Rascal verglichen, dessen Debütalbum von 2003 er in der Tat bewundert und auf seiner Platte zitiert. Zusammen mit Kollegen wie Stormzy und Skepta mischt Slowthai das Genre derzeit auf. Wobei er sich auf „Nothing Great About England“ auch schon wieder davon absetzt.

Das mit Mura Masa aufgenommene „Doorman“ geht mit seinem aggressiven, voranstürmenden Bass-Schlagzeug-Drive in die Richtung des Elektro-Punk-Duos Sleaford Mods. Und auch sanftere Töne beherrscht der junge Mann, der noch bei seiner Mutter wohnt, aber häufig zu seiner Freundin nach London fährt. In „Crack“ etwa sind verhallte Akustikgitarren zu hören und Slowthai singt im Refrain, statt zu rappen.

„Ich wollte schon immer singen. Auch wenn ich es nicht wirklich kann, möchte ich das in Zukunft mehr machen“, sagt er. Eine Probe davon gibt es im „Nothing Great About England“-Video: Zusammen mit einer Schar von Freundinnen und Freunden singt Slowthai in einem Pub „God Save The Queen“ – ironisch, aber auch mit Liebe. Vielleicht spielt die BBC es ja beim nächsten Thronjubiläum.

„Nothing Great About Britain“ erscheint bei Universal.

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