Wortkarg. Im Drehbuch zu „Atlas“ standen eineinhalb Seiten Text für Rainer Bock als Möbelpacker und Ex-Gewichtheber Walter. Foto: 235 Filmproduktion/Gerald von Foris
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Rainer Bock im Gespräch „Hände wie Bratpfannen? Ich dachte: Fehlbesetzung“

Martin Schwickert

Nominiert für den Deutschen Filmpreis: Der Schauspieler Rainer Bock über seine erste Kinohauptrolle in "Atlas", Fitnesstraining und Zivilcourage.

Rainer Bock, 1954 in Kiel geboren, studierte an einer privaten Schauspielschule. Er begann seine Karriere 1982 am Theater in Kiel und war später am Staatstheater Stuttgart und am Bayerischen Staatsschauspiel in München engagiert. Im Fernsehen ist er häufig in Nebenrollen zu sehen. In Michael Hanekes vielfach preisgekröntem Schwarz-Weiß-Drama „Das weiße Band“ (2009) spielte er einen verwitweten Arzt, der seine eigene Tochter missbraucht. Mit „Atlas“ ist er für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Herr Bock, es ist kaum zu glauben, aber dies ist Ihre erste Hauptrolle in einem deutschen Film. Woran liegt es, dass sichtlich begabte Schauspieler über Jahre ausschließlich für Nebenrollen engagiert werden? Sind Produzenten und Regisseure in Deutschland zu sehr im eigenen Schubladendenken gefangen?

Das wäre sicher eine tiefer gehende Untersuchung wert. Ich habe fast 30 Jahre Theater gespielt , sehr viele Hauptrollen, aber auch kleinere und mittlere Rollen. Am Theater ist es erforderlich, dass man eine große Bandbreite abdeckt. Durch „Das weiße Band“ bin ich in den Fokus der Filmbranche geraten und wurde danach immer wieder für die Rolle des kalten Intellektuellen besetzt. Offensichtlich ist die Fantasie deutscher Fernsehredakteure etwas beschränkt. Aber das ändert sich nun langsam. Ich habe gerade für den WDR eine wunderbare Komödie über die Karstadt-Pleite abgedreht.

Dann war „Das weiße Band“ mehr Fluch als Segen für Sie?

Nein, keinesfalls. Viele Rollen in internationalen Produktionen habe ich nur bekommen, weil die ganze Branche diesen Film gesehen hat. Allein einen großartigen Schauspieler wie Philip Seymour Hoffman bei den Dreharbeiten zu „A Most Wanted Man“ kennenlernen zu dürfen, ist ein Riesengeschenk. Oder das vollkommen verrückte Angebot, für drei Tage nach Australien zu den Dreharbeiten von „Spuren“ mit Mia Wasikowska zu reisen. Das wollte ich eigentlich absagen, weil mir das für die kurze Zeit viel zu weit war. Aber dann war der Regisseur so nett. Auch er hatte „Das weiße Band“ gesehen und wollte mich für eine deutschstämmige Figur besetzen, keinen besonders freundlichen Charakter. Ich habe es nicht bereut, der Dreh in der australischen Wüste war ein tolles Erlebnis.

Was hat Sie an der Rolle des wortkargen Möbelpackers in „Atlas“ interessiert?

Ich fand das Drehbuch grandios, aber fragte mich, wie die ausgerechnet auf mich kommen. In den Regieanweisungen standen Beschreibungen wie „Hände wie Bratpfannen“ oder „Sein Mukelspiel zeichnet sich unter dem Hemd ab“. Da schaute ich so an mir herunter und dachte: Fehlbesetzung. Ich ging trotzdem zum Casting, verabschiedete mich gutgelaunt und war mir sicher, ich bekomme die Rolle nicht. Aber dann rief David Nawrath mich an und sagte diesen Satz, den jeder Schauspieler einmal hören möchte: „Ich kann mir den Film ohne dich nicht mehr vorstellen“. Der Haken war, dass ich ein Dreivierteljahr ins Fitness-Studio gehen musste. Es ging nicht darum, wie Arnold Schwarzenegger auszusehen. Aber ich musste körperlich glaubhaft vertreten, dass dieser Mann einmal Gewichte gestemmt hat und sein Brot als Möbelpacker verdient.

War es schwer, so introvertiert zu spielen?

Ich hatte eineinhalb Seiten Text für 28 Drehtage – das ist einerseits sehr beruhigend, weil man nicht so viel lernen muss, aber auf der anderen Seite fragt man sich: Was mache ich dann die ganze Zeit vor der Kamera? Mich haben vor allem drei Dinge gereizt: Die Vater-Sohn-Geschichte, weil ich selbst ein enges Verhältnis zu meinem Sohn habe. Die Schuldfrage, die die Figur ein Leben lang mit sich herum- trägt, und schließlich die Zivilcourage, mit der sie ins Geschehen eingreift.

Worauf gründet sich die große Einsamkeit von Walter?

Er hat einmal in seinem Leben die Kontrolle verloren und zwei Polizisten krankenhausreif geschlagen. Er ist nicht der Typ, der sagt: „Ich stelle mich und nehme mir einen guten Anwalt“. Er bekam Panik, tauchte unter und lebte dann 30 Jahre in dieser selbst gewählten Isolation. Als er nach dieser langen Zeit seinen Sohn trifft und sieht, dass der als verlässlicher Familienvater eben das Leben führt, das er selbst gerne geführt hätte, ist das für ihn die Wiederentdeckung der eigenen Empathie. Es ist ja keine Liam-Neeson-Geschichte, wo der Held die Knarre in die Hand nimmt und gründlich aufräumt. Walter entwickelt ganz langsam diese Emotionen, die ihn zum Handeln und Eingreifen zwingen.

„Atlas“ verortet sich im hoch politischen Thema der Gentrifizierung, die in deutschen Großstädten rasant um sich greift. Wie wichtig war das Thema für Sie ?

Ich lebe in München, da bekommt man natürlich hautnah mit, was sich auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt abspielt. Mittlerweile hat die Entwicklung, die in München schon lange voranschreitet, auch Städte wie Berlin erfasst, die lange als mieterfreundlich galten. Ich bin kein unpolitischer Mensch. Ich war in den 70er Jahren sehr aktiv in der Anti-AKWBewegung und stand auch oft mit einem Bein im Knast. Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber damals bekamen Lehrer aufgrund ihrer politischen Einstellung Berufsverbot und Familien wurden durch die Kriminalisierung der AntiAKW-Bewegung zerstört. Wenn sich heute die CDU hinstellt und so tut, als wäre der Atomausstieg ihre Idee, ist das wirklich bitter. Ich finde es toll, dass der Film ein Thema wie die Gentrifizierung mit ins Blickfeld rückt. Trotzdem ist „Atlas“ keine Polit-Parabel. Es geht um Zivilcourage. Um den Willen, Verantwortung zu übernehmen.

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