Abhängen. Rainald Grebe bei den Vorbereitungen zum Fontane-Jahr 2019. Foto: Thomas Aurin
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Rainald Grebe parodiert Theodor Fontane Volltrash-TV mit Effi

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Der Kabarettist Rainald Grebe mag Theodor Fontane nicht besonders. Aber Spaß muss sein: In "fontane200" an der Schaubühne verwurstet er das Œuvre des Schriftstellers zu herrlichem Klamauk.

Einer der lustigsten Hochkultur-Beiträge zur Feminismusdebatte kommt dieser Tage von der Berliner Schaubühne. „Warum hat Theodor Fontane eigentlich so viele Frauenromane geschrieben?“, fragt sich die Schauspielerin Tilla Kratochwil und findet, es sei Zeit für den „Bechdel-Test“. Dieses feinsinnige Instrumentarium, das in den 80er Jahren von der US- Cartoonistin und Autorin Alison Bechdel in einem Comic ersonnen wurde, spürt mit drei untrüglichen Fragen den weiblichen Emanzipationsgrad in fiktionalen Werken auf. Erstens: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Zweitens: Sprechen sie miteinander? Und drittens: Reden sie über etwas anderes als einen Mann?

Durchgefallen, lautet die niederschmetternde Diagnose nach dem Crashtest. Bei aller löblichen Übererfüllung der Frauenquote wie auch der quantitativen weiblichen Redeanteile scheitere der Autor, so Kratochwil, mit Grandezza an Frage drei. Seine Effi Briests, Frau Jenny Treibels oder Stines plaudern zwar viel, aber eben ziemlich exklusiv über „seine Augen“, den „Neffen“ oder „Onkel Eberhard“. Sie fragen sich beklommen, „was du da mit dem Grafen vorhast“, barmen, wann „er wieder kommt“, und sinnieren blumig, was eigentlich „der Professor macht“.

So viel zum schönen Image Theodor Fontanes als „fortschrittlichen“ Schöpfers „emanzipierter Frauenfiguren“. Es ist nicht der einzige Nimbus, der lässig auf der Strecke bleibt im Laufe von Rainald Grebes amüsantem Schaubühnen-Abend „fontane200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstags Theodor Fontanes im Jahr 2019“. Schließlich hat Grebe – Kabarettist, Liedermacher, in grauen Vorzeiten auch mal Absolvent des Studiengangs Puppenspiel an der Theaterkaderschmiede „Ernst Busch“ und nun schon seit Längerem auf honorigen Schauspielbühnen unterwegs – bereits vorab unmissverständlich verlauten lassen: „Der Genuss, von dem man bei Fontane immer spricht, kam bei mir eher nicht.“ Trotz wirklich umfassender Lektüre. Was dafür bei Grebe kommt, ist Dichter-Slapstick, mal mehr, mal weniger hintersinnige Brandenburg-Folklore nebst Kulturmarketing-Parodie und dazu natürlich stets der passende Soundtrack. Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere Bedeutung sozusagen: ziemlich unterhaltsam, durchaus kurzweilig und ausdrücklich nicht für die Ewigkeit gedacht.

Grebe entdeckt die „Fontane-Therme“ und den „Fontane-Döner“

Schuld an diesem Abend, erzählt Grebe zu Beginn auf der Bühne gut gelaunt, sei im Prinzip die Potsdamer Programmkommission, die ihn fürs große Fontane-Jubiläum im kommenden Jahr angefragt habe. Sozusagen unter dem Kurzschluss „Fontane – Brandenburg – Grebe“. Als Schöpfer der ruhmreichsten Berliner Umland-Hymne aller Zeiten, die er ausnahmsweise auch mal wieder ansingt („Es gibt Länder, wo was los ist – und es gibt Brandenburg“), genießt Rainald Grebe schließlich ranghöchsten Regionalexperten-Status und blödelt sich zusammen mit fünf bestens aufgelegten Schauspielern (Florian Anderer, Damir Avdic, Iris Becher, Tilla Kratochwil und Axel Wandtke) sowie dem Musiker Jens-Karsten Stoll locker durch den zweistündigen Abend.

Via Videoeinspielung klopft man Fontanes Geburtsstadt Neuruppin auf ihre Dichter-Spuren ab und stößt auf Wellnessperlen wie die „Fontane-Therme“ oder Kulinarik-Highlights wie den „Fontane-Döner“. Wer es noch nicht geahnt hat, wird an diesem Abend außerdem restlos davon überzeugt, dass sich Fontanes Romane mitnichten vor der tagesaktuellen TV-Soap verstecken müssen: In einer amüsanten Volltrash-Nummer mit Lindenstraßen-affinem Jingle wird quasi das gesamte literarische Fontane-Œuvre im Serienformat verwurstet. Bis auf „Effi Briest“, die aber als schwarz-weiße Stummfilmparodie ebenfalls eine sehr telegene Figur macht.

Eine opulente und ideenreiche Bühnenmaterialschlacht

Florian Anderer spielt sich im Alleingang mit Kleinstplastikarmee grandios wie sinnfrei lustig durch Fontanes üppigen „Deutsch-Dänischen Krieg“. Zwischendurch gibt’s regelmäßig Seitenhiebe auf Programmabteilungen, Kulturmarketing- und natürlich auch die Theaterbetriebe des Landes, die sich bekanntermaßen übereifrig als kulturelle Trendstreber betätigen: „Wir stehen immersiv im Roman“, ruft Iris Becher in stellvertretender Programmleiterinnenverzückung. Viel und vergleichsweise ernsthaftes Augenmerk legt Grebe auf den Briefwechsel zwischen dem Autor und seiner Frau, in dem es – mal wirklich recht heutig – oft ums Ökonomische geht. Hier entdeckt er den Dichter sozusagen als Vorreiter gegenwärtigen Kulturprekariats.

Davon abgesehen ist „fontane.200“ eine ziemlich opulente und ideenreiche Bühnenmaterialschlacht: Ständig werden historisierende Tischgesellschaften gen Schnürboden gezogen, Marionettentheater aufgefahren, Videoeinspieler aufgeboten, Salonmöbel verschoben. Für seriöse Fontane-Exegeten ist der Abend eher nichts. Aber für nebenberufliche Literatur-Flaneure mit ausgeprägtem Ironie-Gen, Freude an mehr oder weniger sinnfrei ausgelassenem Schauspiel und ohne U-Kultur-Berührungsängste allemal.

Schaubühne, bis 18.1. und im Februar

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