Weltoffen. Bashar Murad, 26, hat in den USA studiert und kehrte danach in seine Heimat zurück. Foto: David Corio
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Queerer Pop aus Jerusalem Träume kennen keine Grenzen

Bashar Murad lebt in Ost-Jerusalem. Mit seinen Popsongs kämpft der schwule Palästinenser für eine buntere Gesellschaft. Ein Porträt.

Welche Macht Musik hat, versteht Bashar Murad schon mit fünf Jahren. Damals begleitet er häufig seinen Vater in das Studio, in dem dessen Band Sabrin probt.

Sabrin ist eine der ersten alternativen Bands aus Palästina. Gegründet 1980, mischt sie traditionelle Musik mit Jazz und Pop. In den Texten kommt unter anderem ihre Frustration über die israelische Okkupation zum Ausdruck.

Der Junge hört aufmerksam zu. „Ich habe damals realisiert, wie wichtig die Musik ist. Man kann mit ihr viele Botschaften transportieren und die Realität des Lebens beschreiben“, sagt er beim Gespräch am Telefon.

Genau das macht der 26-jährige Palästinenser nun auch in seiner eigenen Musik: Er singt über seine Lebensrealität und äußert seine Kritik an der Gesellschaft. Bashar Murad ist schwul. Er singt für die Rechte von Homosexuellen, spricht Genderthemen an und trägt dabei auch schon mal Frauenkleider.

Das ist mutig, dient aber nicht der Provokation. „Mein Ziel ist nicht, die Gesellschaft zu ärgern“, betont Murad. Vielmehr gehe es ihm darum, dass Menschen, die hier leben, in ihrer Vielfalt akzeptiert und respektiert werden.

Absage an Traditionalisten

Ein gutes Beispiel dafür ist sein Song „El Kul 3Am Bitjawaz“ (Alle heiraten“). „Ich habe dieses Lied als Reaktion auf eine Tradition veröffentlicht, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist“, erklärt er. Bis zum Alter von 30 solle man heiraten, wer das nicht tue, gelte als unnormal. Bashar Murad sieht das anders. Den Traditionalisten will er mit dem Song sagen: „Lasst uns in Ruhe.“

Murad ist geboren und aufgewachsen in Ost-Jerusalem. Wenn er an seine Kindheit zurückdenkt, kommen ihm viele schlechte Erinnerungen ins Gedächtnis.

„Es war nicht leicht für mich in der Schule. Ich mochte nicht Fußball spielen wie die anderen Jungs, ihre Themen interessierten mich nicht. Ich habe die meiste Zeit mit Mädchen verbracht und mit ihnen gesungen.“

Die Jungen hätten ihn deshalb immer beleidigt und Sachen gesagt wie: Sei ein Mann! Warum redest du wie eine Frau? Er habe trotzdem getan, was er wollte, sagt Murad. „Mir war klar, dass ich stark sein muss und nicht aufgeben darf“.

Nach der Schule – er machte seinen Abschluss an der Jerusalem American School – wollte er all dem entfliehen und ging in die USA, wo er ein College in Virginia besuchte. Seine ersten Songs sind deshalb auf Englisch. Allerdings vermisste Murad seine Heimat sehr und so kehrte er nach vier Jahren zurück nach Jerusalem. Dort begann er dann auch auf Arabisch zu singen.

Aus Virginia zurück nach Jerusalem

Obwohl Popmusik im Nahen Osten nicht der beliebteste Musikstil ist, hat Murad sich für dieses Genre entschieden. Er glaubt, dass Pop mehr als nur Musik sein kann. „Die Leute denken, es ist bloß eine Show, die keine Botschaft und kein Ziel hat“, sagt er.

„Aber für mich ist Popmusik ein Weg, viele Lieder in einem Lied zu spielen.“ Man könne Rock, Jazz und Hip-Hop miteinander kombinieren. „Pop bedeutet für mich Freiheit“, sagt Murad, der derzeit an seinem Debütalbum arbeitet. Es soll nächstes Jahr erscheinen.

Seit vier Jahren ist der Musiker in den sozialen Medien und insbesondere auf Youtube aktiv. Er hat schon eine Reihe von Fans, ist aber noch nicht zufrieden.

„Ich will immer groß träumen und keine Grenzen für meine Träume haben. Ich möchte mehr Menschen im Nahen Osten und weltweit erreichen.“

Er ist auf einem guten Weg. So war Murad im Mai zu Gast bei der Canadian Music Week in Toronto, wo er Aufsehen erregte mit einem Auftritt, bei dem er einen Hochzeitsschleier trug und eine „Imagine“-Coverversion mit umgedichtetem Text vortrug.

Kämpft mit Finanzierung seiner Arbeit

Sein bisher meistgesehenes Video drehte Bashar Murad zusammen mit der isländischen Band Hatari. Zu den aggressiven Elektrobeats des Songs „Klefi/Samed“ läuft er durch eine karge palästinensische Berglandschaft und singt: „Nach all dieser Folter bleibe ich standhaft/Ich werde mich nicht beugen.“ Hatari waren dieses Jahr beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv dabei und hatten bei ihrem Final-Auftritt kurz die Palästina-Flagge gezeigt. In dem Video, das über eine Million Mal aufgerufen wurde, schwenkt Bashar Murad sie.

Derzeit kämpft der Musiker mit zahlreichen Schwierigkeiten, vor allem der Finanzierung seiner Arbeit.

„Ich bewerbe mich bei Stiftungen und Organisationen und das funktioniert manchmal, aber eine dauerhafte und stabile Quelle habe ich noch nicht“, sagt er.

Behindert wird er außerdem von den vielen Checkpoints in seinem Land. „Ich muss wegen meiner Arbeit oft von Jerusalem nach Ramallah reisen und es gibt etliche Sicherheitskontrollen auf dem Weg. Das kostet viel Zeit.“ Er ist dennoch froh, überhaupt zwischen den Städten pendeln zu können. Gaza City sei hingegen für die meisten Menschen ein großes Gefängnis.

Er könnte eine queere Ikone werden

Natürlich macht ihm auch die Homophobie in seiner Gesellschaft zu schaffen. Doch er lässt sich nicht beirren.

„Ich kann nicht garantieren, dass ich die Mentalität der Menschen durch meine Clips und Songs ändern kann, aber ich versuche es zumindest“, sagt er.

Es gäbe viele, die ihn unterstützen und für seine Musik dankbar seien. Sein Mut erinnert an den offen schwulen Sänger der libanesischen Band Mashrou’ Leila, der in der Region zu einer Art queeren Ikone geworden ist. Bashar Murad kann eine ähnliche Rolle spielen.

An deutlichen Worten mangelt es ihm jedenfalls nicht. Zusammen mit seinen Fans wolle er daran arbeiten, „den Menschen im Nahen Osten und auf der ganzen Welt zu zeigen, dass auch wir normale Menschen sind“, sagt er – und klingt dabei nicht wie ein Träumer, sondern wie ein Kämpfer, der genau weiß, was er will.

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