Eine verlorene Wette verändert die Leben der Jugendfreunde Matthias (Gabriel D'Almeida Freitas) und Maxime (Xavier Dolan, rechts). Foto: Cinemien
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Queerer Liebesfilm "Matthias & Maxime" Bekenntnisse einer Drama-Queen

Xavier Dolan galt als Wunderkind des Queer Cinema. In "Matthias & Maxime" erzählt er etwas erwachsener, aber immer noch ungestüm von Männerfreundschaften.

Der kanadische Regisseur Xavier Dolan kennt die Höhen und Tiefen des Wunderkind-Daeins. Sein Regiedebüt „I Killed My Mother“ wurde 2009 als Sensation gefeiert, da war er gerade mal 20. Mit der Transgender-Tragikomödie „Laurence Anyways“ und der Liebeserklärung an seine Mutter „Mommy“ avancierte er zum hottesten Newcomer im internationalen Arthousekino – sexy, out and pround und hoffnungslos selbstverliebt. Die Welt lag Xavier Dolan zu Füßen, und er wusste es.

Inzwischen ist er über 30 und die Boywonder-Nummer hat sich etwas abgenutzt. Seine letzten beiden Filme ließen selbst seine treuesten Fans kalt, obwohl er mit dem toxischen Familiendrama „Einfach das Ende der Welt“, seiner ersten Starproduktion mit Vincent Cassel, Marion Cotillard und Léa Seydoux, in Cannes den Großen Preis der Jury gewann. „The Death and Life of John F. Donovan“ über einen gefallenen Kinderstar, war nicht mehr als eine Nabelschau persönlicher Befindlichkeiten – und fühlte sich trotzdem unpersönlich an.

Mit „Matthias & Maxime“ nimmt Dolan eine Neukalibrierung vor. Der Film hatte bereits vor zwei Jahren in Cannes seine Premiere und wurde dort gnädig aufgenommen. Ein wenig zu Unrecht zwar, aber einem ehemaligen Wunderkind wird an der Croisette kein Bonus eingeräumt.

Dabei weist sein achter Film in elf Jahren wieder alle Stärken seiner Sturm-und-Drang-Phase auf. Dolan mag kein zweiter Fassbinder sein, aber nicht nur in Sachen Produktivität bestehen durchaus Parallelen zu den brutal-intimen, Dramaqueen-haften Gefühlsexzessen des german wunderkind.

Kein klassischer Coming-Out-Film

Coming-Out-Filme im klassischen Sinn hat Dolan nie gemacht, trotzdem ist „Matthias & Maxime“ im tiefsten Inneren eine schwule Liebesgeschichte. Wobei der Film ganz nebenbei auch die Wandlungsfähigkeit von Jungs- zu Männerfreundschaften mit viel Witz und – klar – Drama erzählt. Denn Matthias (Gabriel D'Almeida Freitas) und Maxime (Dolan, der es sichtlich liebt, sich durch die Kamera zu beobachten) sind Sandkastenfreunde.

Sie pennen auch schon mal an Wochenenden mit der Jungs-Clique im selben Bett und pinkeln voreinander, während der andere sich die Zähne putzt. Eine verlorene Partywette allerdings bringt den Gefühlshaushalt durcheinander: Für den Studentenfilm der nervigen Schwester von Kumpel Rivette (haha!) sollen sich die beiden küssen. Danach hat die Freundschaft ihre Unschuld verloren.

„Matthias & Maxime“ beschäftigt dabei eine Frage, die sich möglicherweise auch Dolan stellt, nachdem er aus der Gunst der Kritik gefallen ist. Was fängt man mit Anfang Dreißig Sinnvolles mit seinem Leben an? Die Freunde haben sehr unterschiedliche Vorstellungen: Der verheiratete Matthias steht kurz vor der Beförderung in seiner Kanzlei.

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Doch im Gespräch mit seinem Chef klingen Zweifel an, ob ihn diese Karriere wirklich reizt – oder es nicht eher etwas ist, zu dem man sich in seinem Alter vernünftigerweise entscheidet. Im Doppel-Denim-Outfit fühlt er sich offensichtlich wohler als in der Juristenuniform mit Anzug und Krawatte, auch wenn er gegenüber seiner Frau Sarah (Marilyn Castonguay) zugibt, dass ihn die Rituale seiner dauerpubertierenden Freunde zu langweilen beginnen.

Die volatile Impulsivität der Jugend

Maxime will dagegen einen Neuanfang starten. Er plant einen Umzug nach Australien, wobei ihm ein Empfehlungsschreiben von Matthias’ Vater helfen soll, das den ganzen Film zwischen den beiden zu stehen scheint. Außerdem versucht er dem Einflussbereich seiner alkoholkranken Mutter zu entkommen, die er pflegt und die ihm in einem Wutanfall schon mal einen Aschenbecher an den Kopf wirft.

Das klingt nach privilegierten Millennial-Problemen, aber Dolan schafft es endlich wieder, dem inneren Drama eine heiß-kalte äußere Form zu geben. Man kennt das Mutter-Motiv bereits; man hat auch die Close-ups auf Dolans Gesicht schon oft gesehen. Diesmal ziert ein riesiges Muttermal seine rechte Gesichtshälfte: eine hübsch-eitle Selbstverschandelung, die die jungen Männer auf der Straße und im Bus trotzdem nicht davon abhält, die Köpfe nach ihm zu verdrehen.

Aber die alte Dolan-Energie ist zurück, die volatile Impulsivität, die man früher mal mit seiner Jugend erklärte – die im nachdenklich-introspektiven „Matthias & Maxime“ aber auch als Raumforderung völlig gegensätzlicher Lebenskonzepte funktioniert. Dolan will sich in die Dilemmata seiner Figuren wirklich einfühlen, nicht nur ihre Widersprüche ausagieren.

Doch wenn es um Musik geht, ist auch „Matthias & Maxime“ wieder schamlos plakativ. Kein Regisseur seiner Generation versteht es so gut wie Dolan, das persönliche Drama im Popsong zu finden – ob es sich dabei um Arcade Fire oder Britney Spears handelt. Niemand verabreicht die Rückschläge im Leben mit so viel Liebe – und beweist doch seine Diskretion. Vom Kuss, der die Geschichte von „Matthias & Maxime“ ins Rollen bringt, schneidet Dolan verstohlen weg. Wie kann ein Film den einen Moment, der ein ganzes Leben verändert, schon angemessen beschreiben? Da will eine Drama-Queen endlich erwachsen werden. (In neun Berliner Kino, alle OmU)

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