Ute-Christine Krupp. Foto: privat
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„Punktlandung“ von Ute-Christine Krupp Verschenkte Unschuld

Ute-Christine Krupp schreibt in ihrem Roman „Punktlandung“ über Freiheit und Sicherheit in Zeiten des Terrorismus.

Ute-Christine Krupp hat sich mit ihrem zweiten Roman viel Zeit gelassen. Zwanzig Jahre nach ihrem Romandebüt „Alle reden davon“ kommt jetzt ihr in Berlin spielender Terrorismus-Roman "Punktlandung" heraus. Er knüpft an den realen Fall der sogenannten Düsseldorfer Zelle im Jahr 2011 an, als vier mutmaßliche al-Quaida-Mitglieder einen Anschlag geplant haben sollen, aber dank diverser Überwachungsmaßnahmen rechtzeitig daran gehindert wurden.

Krupp erzählt die Ereignisse aus der Sicht eines fiktiven Mitglieds der Sonderkommission „Komet“, Paul Jost. Der folgt, als er sich im Juni 2011 auf seinen Weg ins Kanzleramt macht, zwar der Devise „Ruhe bewahren“, doch ist das natürlich leichter gesagt als getan, zumal wenn man zu jenen Entscheidungsträgern gehört, die den Anschlag verhindern sollen.

Bis vor kurzem stand Krupps Protagonist im Innenministerium noch in der zweiten Reihe, wo er damit beschäftigt war, für seine Vorgesetzten Entscheidungen vorzubereiten, indem er zum Beispiel potenzielle „Gefährder“ durchleuchtete. Jetzt muss er selbst festlegen, wessen Telefon verwanzt und welche Wohnung gestürmt wird. Weil ihm aber die Grundrechte über alles gehen, gerät Jost prompt in Gewissensnöte.

Umso mehr, da er einen Chef hat, der lieber einen zu viel als einen zu wenig verhaften lassen will und der Sprüche von sich gibt wie „Vergessen Sie die Unschuldsvermutung!“ Und der Josts Zweifel am Wert von Informationen, die von den amerikanischen Verbündeten mit Foltermethoden erlangt wurden, mit „Das sind Fakten!“ vom Tisch wischt.

Die Frage, wo seine rote Linie verläuft, wird für Krupps Romanhelden immer drängender, zugleich verfolgen ihn Albträume, in denen er sich nach einem erfolgreichen Anschlag vor den Medien rechtfertigen muss.

Eindrucksvoll präzise Sprache

Mitgefühl mit der skrupulösen Hauptfigur ist allerdings nicht angebracht. Schließlich hat Paul Jost seine verantwortungsträchtigere Position seinen spät erwachten Karriereambitionen zu verdanken. Der Mittvierziger, der viel lieber Dirigent geworden wäre, wollte seinen Vater endlich stolz auf sich machen. Der Vorwurf seines alten Herrn, sich zeitlebens vor Verantwortung zu drücken, hatte ihn einfach zu lange verfolgt.

Privat trifft ihn die akute Terror-Krise allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt, hat ihn doch gerade seine Frau verlassen. So verbringt Paul Jost seine Freizeit in der trostlosen Welt der Dating-Apps und zweifelt nach Treffen mit einer Vera, Conny oder Katharina immer mehr, dass man online einen Menschen kennenlernen kann – was für einen Terror-Profiler natürlich nicht ohne Ironie ist.

[Ute-Christine Krupp: Punktlandung. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 159 Seiten, 20 €.]

Das Thema der 1962 geborenen Berliner Autorin, der Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit in Zeiten des Terrorismus, ist in der Corona-Krise natürlich nicht weniger aktuell geworden, im Gegenteil. Ausgehend von dem realen Fall der „Düsseldorfer Zelle“ erzählt Krupp die Ereignisse aus der Sicht ihres Helden in einer eindrucksvoll präzisen Sprache, immer wieder durchsetzt von Erinnerungen an die Zeit seiner gescheiterten Ehe.

Dennoch handelt es sich bei „Punktlandung“ um einen Roman der verschenkten Möglichkeiten. So mag es zwar begrüßenswert sein, sich dem Terrorismus-Thema einmal unspektakulär zu nähern. Etwas mehr Adrenalin hätte dem Roman jedoch gutgetan, so sehr lässt die Autorin ihre Geschichte dahinplätschern.

Berlin als Labyrinth

Vor allem aber führt Josts Hin und Her zwischen Online-Überwachung und -Dating genauso ins Nichts wie seine Gewissensbisse, die ihn einmal sogar zur Wohnung eines überwachten Islamisten radeln lassen – um dort was zu tun?

Josts Exfrau Gesine wuchs in der DDR auf, und die Mentalitätsunterschiede zwischen ihr und dem aus Bonn stammenden Protagonisten haben das Ende ihrer Ehe beschleunigt. Doch auf die Möglichkeit, das Überwachungsmotiv auch historisch zu verankern, verzichtet Krupp überraschenderweise. Wie ja auch der von ihr erzählte „Fall“, dessen Abschluss Jost herbeisehnt, auf eine Weise endet, dass sich sein abgebrühter Chef noch bestätigt fühlen darf. Apropos: Dass sich der Vater-Sohn-Konflikt im Verhältnis zu seinem Vorgesetzten wiederholt – „Sie haben keinen Arsch in der Hose", bekommt Jost zu hören –, schmeckt deutlich nach literarischer Küchenpsychologie.

Ästhetisch interessanter ist da, wie die Autorin ihren Helden sich im Gegenwarts-Berlin in einem Labyrinth gesichtsloser, rein funktionaler Nicht-Orte verlieren lässt, wie dem Konferenz- oder dem Presseraum, der Kantine oder dem „Lagezentrum“ voller Bildschirme. Sogar Josts neue Single-Wohnung in einer anonymen Wohnanlage an der Spree, wo statt Namen nur Nummern an den Klingeln stehen, ist in ihrem halbeingerichteten Zustand ein solch reizloser Nicht-Ort. Andererseits stellt sich der Jurist Jost persönliche Freiheit „wie einen Raum“ vor: „Wem mache ich eine Tür auf? Wem nicht? Und mit welchen Argumenten kann ich andere aus meinem Raum verbannen?“

Doch selbst wenn sich Jost einmal an einem Ort künstlerischer Freiheit wie einem Konzertsaal oder im Schlafzimmer seines neuesten Dates befindet: Sein anweisungsgemäß rund um die Uhr empfangsbereites Diensthandy sorgt schon dafür, dass Paul Jost letztlich genauso frei ist wie Wespe, über die sich am Romanende am Cafétisch das symbolträchtige Glas stülpt.

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