Zusammenarbeit mit Historikern und Kuratoren aus Tansania

Provenienzforschung am Humboldt-Forum Der Krieg und der Zauberbeutel

Bei ethnologischen Objekten ist es komplizierter, allein durch die Sortierung nach Typologien, die Massen. Um es an einem Fall einmal genau darzustellen, hat die Kuratorin ein Pilotprojekt zu den Exponaten aus dem Maji-Maji-Krieg angeschoben. Mit 300 000 Toten gilt er als einer der größten Kolonialkriege auf dem afrikanischen Kontinent. Viele Opfer verhungerten, nachdem die deutschen Truppen das Land systematisch zerstört hatten. Ivanov beantragte die Gelder, eine Million Euro für ein Forschungsunternehmen, an dem neben ihr seit Juli 2016 die Historikerin Kristin Weber-Sinn und der Museologe Henryk Ortlieb beteiligt sind.

Die Besonderheit des Projekts „Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ besteht in der Kooperation mit Historikern der Universität von Dar es Salaam sowie Kuratoren des Nationalmuseums von Tansania. Während in Frankreich und England solche Tandems üblich sind, gibt es sie in Deutschland kaum, bedauert Ivanov, die nicht nur bei der Erforschung, sondern auch für die Präsentation im Humboldt-Forum eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem Ursprungsland fordert. Im zweiten Teil ihres Projekts hofft sie nun darauf.

Wem könnte der Zauberbeutel gehört haben?

Kristin Weber-Sinn steckt noch mitten in den Recherchen für Trommeln, eine Schale. Bei der Zurückverfolgung des Zauberbeutels aus dem Dahlemer Depot hatte die Provenienzforscherin Glück, denn es existiert ein Bericht des damaligen Direktors des Leipziger Völkerkundemuseums, der 1905 in Dar es Salaam für die Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes die „Kriegsbeute“ begutachtete. In seinem Report erwähnt er zwei Zauberbeutel, von denen sich der eine in Dahlem befindet, der andere in Leipzig.

Als Nächstes suchte Weber-Sinn das Bundesarchiv auf und fragte bei den German Records des Nationalarchivs in Dar es Salaam nach, wo sie mehr über die damaligen Akteure erfuhr, aber keine Hinweise auf ihr Objekt erhielt. Dafür stieß sie im Geheimen Staatsarchiv auf den Bericht eines Sekretärs im Bezirksamt Mohoro, der die Gefangennahme und Exekution Heilkundiger im Vorfeld des Maji-Maji-Krieges beschreibt. Deren „Requisiten“ waren zuvor beschlagnahmt worden. Könnte der Berliner Zauberbeutel also den im Bericht erwähnten Medizinern Nawangna, Ligitire oder Ngamea gehört haben? Dafür reichen die Quellen nicht aus. Doch ließ sich wenigstens Mohoro als Ort identifizieren, wo die Beutel vermutlich konfisziert wurden.

Den Deutschen waren die Zeremonien der Heiler suspekt

Bei den deutschen Militärs spielten die Heilkundigen des Landes und ihre Rituale für die spätere Revolte eine Schlüsselrolle. Angeblich verteilten die sogenannten „Zauberer“ aus ihren Beuteln wasserhaltige Medizin an die Bevölkerung, um sie unverwundbar zu machen. Mit deren Hilfe sollte sich die feindliche Munition angeblich in Tropfen verwandeln. Stattdessen war die Medizin dafür gedacht, für Regen und gute Ernte zu sorgen, zu heilen. Doch den Deutschen waren die Zeremonien suspekt. Sie sahen in den Versammlungen Vorboten eines Aufstandes und griffen gegen die Heiler hart durch. Ein schlimmes Kapitel.

Der Zauberbeutel dürfte in der künftigen Präsentation des Humboldt-Forums eine wichtige Rolle spielen, lässt sich doch daran ein Zusammenhang zwischen der Sammlung und den kolonialen Eroberungskriegen erzählen. Zugleich repräsentiert er die Mühsal der Provenienzforschung. Das Tansania-Projekt kann nur ein Anfang sein. Hier ist die Bundesregierung gefragt. Als Folge des Gurlitt-Skandals stockte sie vor drei Jahren die Mittel für die Museen auf. Für das Humboldt-Forum muss schnellstmöglich eine Provenienz-Institution geschaffen werden – mit zahlreichen Mitarbeitern.

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