Zusammenwachsen. „Die Liebenden“ malte der Surrealist René Magritte im Jahr 1928. Foto: Sammlung Haas / VG Bildkunst, Bonn 2019
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Privatsammlung Michael Haas in Polen Die menschliche Figur im Fokus

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Kühne Träume: Der Berliner Galerist Michael Haas zeigt seine Privatsammlung auf Einladung der polnischen Stadt Torun.

Die Kunst schaut zurück. Mit dunklem, intensiven Blick, wie ihn Franz Gertsch „Simone“ verliehen hat – einem hyperrealistischen Aquarell seiner Serie von Gesichtern aus den achtziger Jahren. Die Kunst verdreht aber auch die Augen auf einer Zeichnung, die schon am Titel „Head E 0128089229“ erkennen lässt, dass der Maler und Bildhauer Thomas Schütte hier kein Individuum erfasst, sondern einen Typus. Oder sie starrt aus einem historischen Porträt, dessen Gesicht die Chapman-Brüder in eine hautfarbene Maske verwandelt haben. Ohne Respekt vor den Mühen ihres Vorgängers.

Das ist der erste Eindruck, der sich im polnischen Centre of Contemporary Art „Znaki Czasu“ einstellt: Die Kunst, die man temporär von Berlin nach Torun geholt hat, kommuniziert mit Händen, Füßen, Mimik. Und manchmal mit dem Po.

„Reason & Fury“ (2006) heißt ein monumentales Gemälde von David Nicholson, der nackte Hexen und Dämonen über ein verwüstetes Land schickt. Fliegend, schreiend, schießend, doch da ist nichts mehr, was sich noch zerstören ließe. Ein Kriegsporno aus Ölfarbe im dritten Stockwerk des Hauses. Auf dem Weg dorthin hat man allerdings schon einiges gesehen, der Schock lässt nach angesichts roher Schlangentöter, wie sie Jonas Burgert malt, oder der „Schwangeren“, der die Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz das Elend ausgezehrter Zivilisten nach 1918 ins Antlitz und den Körper zeichnet.

Haas kaufte früh, was kaum jemanden interessierte

Es gibt unterwegs jedoch ebenso viele Momente tiefster Schönheit und Kontemplation. Die Sujets von Paula Modersohn-Becker belegen dies, eine frühe Pflanzenstudie des sonst streng konstruktiven Piet Mondrian, Bilder von Maurice Denis, dem Bauhaus-Maler Oskar Schlemmer oder der Wienerin Martha Jungwirth. Und jene „Liebenden“, die der Surrealist René Magritte 1928 als Doppel auf einem Hals wachsen lässt.

Beides – die Exempel aus dem musealen Kanon wie das Ultrafigürliche, das sonst in Institutionen meist der Konzeptkunst Platz machen muss – kommt aus einer privaten Berliner Sammlung. Das Centre of Contemporary Art „Znaki Czasu“ hat Galerist Michael Haas um eine Auswahl von Kunstwerken gebeten, die ihm selbst gehören und somit unverkäuflich sind. Über 200 Werke verteilen sich nun im Haus, um die Geschichte der Malerei seit 1900 zu erzählen. Davon, dass sie trotz aller offensichtlichen Bruchlinien namens Konstruktivismus, Minimal Art oder Monochromie noch immer gern die menschliche Figur verhandelt „Painting still Alive... – On the way to modernity“ lautet fast emblematisch der Titel der Ausstellung auf allen Etagen des lichten, modernen Gebäudes.

Wobei auch Haas abstrakter Kunst nicht abneigt. Ein spektakuläres Materialbild von Carol Rama, das Querformat „Spazio anche piu che tempo“ von 1971, hängt hier. Man sieht radikale Pigmentmalerei von Günter Umberg, trifft auf Sigmar Polke und oben in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nicholsons Fratzen auf eine nahezu immaterielle Neonskulptur von Astrid Klein. Doch Haas – der 1978 seine Galerie in Charlottenburg eröffnet und charakteristisch stur sämtlichen Umzugstrends in Berlin widerstand, bis die Kollegen zurück in die Nachbarschaft kamen – denkt nicht daran, seinen Geschmack zu schleifen. „Die Bilder ändern sich nicht. Es ändert sich der Geschmack der Leute“, konstatiert er im Katalog auf die Frage, weshalb sein Fokus als Sammler und Händler gern auf das Übersehene oder Vergessene geht.

Die Zeit kommt. Genau so hat sich der Galerist die finanziellen Mittel für seine Sammlung erworben. Haas kaufte früh, was kaum jemanden interessierte. Und er kaufte so gut, dass er später das Vielfache verlangen konnte – als anderen aufging, wie gut etwa die Bilder von Jean-Michel Basquiat waren, von denen Haas Ende der achtziger Jahre acht Stück besaß.

Die Schau soll Kulturaffine in Polen zur Nachahmung bewegen

„Eigentlich handle ich, um mir Bilder leisten zu können“, sagt er leicht kokett, denn natürlich überschneiden sich sein Programm und seine Sammlung in diversen Fällen. Was durchweg auffällt, ist Haas’ Bekenntnis zum Figürlichen – unabhängig von jedem Konsens. Ein Kraftakt ist es in der Schau, die schwitzenden, kämpfenden Boxer von Robert Longo mit Uwe Hennekens dürren Tagträumern zusammenzubringen. Oder das kühne Kugelschreiber-Flimmern von Caroline Kryzecki mit dem puppenstubenhaften Nachbau eines Ateliers von Charles Matton. Man muss nicht alles in diesem Parcours mögen, doch es wehen ein frischer Wind und die Einladung zum Diskurs durch das Centre of Contemporary Art „Znaki Czasu“. Seit 2008 steht es am Rand der malerischen Altstadt von Torun, erbaut als erstes Zentrum für zeitgenössische Kunst in Polen nach 1945 überhaupt.

Für Kurator Marek Zydowicz erfüllt die Schau mit ihrem gewichtigen Katalog noch ganz konkrete Zwecke. Zum einen soll sie Kulturaffine im eigenen Land zur Nachahmung bewegen, wie vorher andere private Sammlungen, die in Torun zu sehen waren. Zum anderen möchte Zydowicz jene empfänglich machen, denen nach dem Zweiten Weltkrieg über vierzig Jahre lang die Möglichkeit genommen war, sich mit Tendenzen zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen. Die Werke aus der Sammlung Haas dienen als Brücke, um sich mit „Phänomenen, Stilen und Trends“ vertraut zu machen. Sie sind erzählerisch wie der rosa leuchtende Akt von Miriam Cahn, der offen- lässt, ob seine Nacktheit auf Vertrauen oder Zwang basiert. Und verlockend wie die faszinierenden, kinetischen Lichtskulpturen von Jakob Mattner, der als Künstler der Galerie noch eine eigene, integrierte Ausstellung hat, die man kaum wieder verlassen möchte.

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Centre of Contemporary Art „Znaki Czasu“, Torun; bis 13.1., www.en.csw.torun.pl

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