Das Festival findet im Parc del Fòrum in Barcelona sattt. Foto: Dani Canto
© Dani Canto

Primavera Sound 2019 "Es gibt kein Zurück mehr zu männerdominierten Line-Ups"

Erstmals hat das Programm des Pop-Festivals Primavera Sound in Barcelona ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen und Männer. "Neue Normalität" sagt Sprecherin Pallerès.

Im Primavera-Programm waren Frauen in den letzten Jahren bereits stark vertreten. Musikerinnen wie Björk, Solange, Grace Jones und viele weitere sind in Barcelona aufgetreten. Doch in diesem Jahr gibt es erstmals ein ausgeglichenes Genderverhältnis im Line-Up. Wie kam es dazu?

Das kommt in der Tat nicht aus dem Nichts. Letztes Jahr waren etwa unsere beiden Hauptbühnen am Samstag zu hundert Prozent weiblich. Trotzdem fanden wir, dass wir in der Vergangenheit nicht genug getan haben. Deshalb ist das diesjährige Line-up auch eine Art „Me culpa“ von uns.

Sie haben das aktuelle Primavera-Programm als „new normal“ bezeichnet. Wollen Sie damit auch eine Botschaft an Festivals wie Lollapalooza Berlin oder das deutsche Hurricane Festival senden, die immer noch auf männerdominierte Programme setzen?

Nein, wir wollen nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Aber für uns wird es von jetzt an die neue Normalität sein. Meiner Meinung nach hat auch die Ausrede ausgedient, man können nicht genug aufregende Musikerinnen finden. Die Listen der Best-of-Alben aus dem letzten Jahr waren doch voller Frauennamen: Christine And The Queens, Cardi B, Robyn, Janelle Monáe oder Rosalía haben alle starke Alben herausgebracht.

Sie sagen, ab jetzt ist das der neue Primavera-Standard. Im nächsten Jahr wird es also wieder ein paritätisches Line-Up geben?

Ja, das ist das Ziel. Dieses Jahr haben wir 53 Prozent weibliche Acts. Es kann auch mal sein, dass es 54 Prozent Männer sind, aber es wird sich um diese Marke herum bewegen – ein möglichst ausgeglichenes Programm. Es gibt kein Zurück mehr.

Täuscht der Eindruck oder hat sich der Fokus des Festivals über die Jahre vom Rock hin zu mehr R’n’B, HipHop und Elektronik verlagert?

Das wirkt vielleicht so, weil wir dieses Jahr keinen großen klassischen Rock-Act wie etwa Radiohead oder Arctic Monkeys im Programm haben. Sie sind derzeit einfach nicht auf Tour. Sicher hätten wir eine solche Band gebucht, wenn wir die Chance dazu gehabt hätten.  Trotzdem gibt es bei den 2037 Konzerten, die dieses Jahr stattfinden, auch jede Menge Gitarren: Interpol, Tame Impala Stereolab, Guided By Voices und viele weitere Indie-Bands sind dabei.

Der stärkere Anteil von HipHop und R’n’B spiegelt ja auch, was derzeit die einflussreichsten Genres sind. Ein weiterer wichtiger Trend ist der zu spanischsprachiger Musik, der sich unter anderem im Reggaeton manifestiert. Wie geht Primavera darauf ein?

Es wird eine Trap-orientierte Bühne geben, auf der auch viele neue spanischsprachige Talente auftreten werden, etwa der kolumbianische Reggeaton-Sänger J Balvin. Und natürlich mussten wir den spanischen Flamenco-Star Rosalía buchen. Sie ist inzwischen ein globales Phänomen – und kommt aus einem Dorf rund zwanzig Minuten von Barcelona entfernt.

Wie läuft der Ticketverkauf bisher?

Ganz gut, wobei wir direkt nach der Veröffentlichung des Line-Ups erstmal ein Zögern bemerkt haben. Die Leute wunderten sich offenbar, warum wir so viele Frauen und so viele Trap-Acts im Programm haben. Aber das hat sich dann gelegt. Außerdem waren wir zunächst etwas besorgt, wie sich der Brexit auf die Ticketverkäufe in Großbritannien auswirkt. Aber derzeit sieht es so aus, als würden wir dort sogar mehr verkaufen als zuvor. Britische Fans sind nach den spanischen auf dem Primavera Festival immer die zweitgrößte Gruppe. An dritter Stellen kommen die Deutschen. Wir werden wahrscheinlich wieder ausverkauft sein.

Wieviele Besucherinnen und Besucher sind das dann?

65.000 während der drei Haupttage, Donnerstag, Freitag, Samstag. Da ist unsere maximale Kapazität. Wir haben sie im vergangenen Jahr erreicht und wollen sie nicht erhöhen. Rechnet man Mittwoch und Sonntag dazu, kamen wir letztes Jahr auf  220.000 Besucherinnen und Besucher.

Setzen Sie auch die Tradition der Gratiskonzete in der Stadt fort?

Ja, wir sind eng mit Barcelona verbunden und stolz darauf. Wir wollen der Stadt etwas zurückgeben. Das beginnt schon im Monat davor mit Konzerten in Clubs und Bars. Zudem werden auch in diesem Jahr am Mittwoch und Sonntag wieder Gratiskonzerte in der Stadt stattfinden. Diesmal sind unter anderem Deerhunter, Big Red Machine und Linn Da Quebrada dabei.

Barcelona ist die Hauptstadt Kataloniens. Derzeit stehen in Madrid die mutmaßlichen Organisatoren des Unabhängigkeitsreferendums vor Gericht. An der Unabhängigkeitsfrage ist letztlich die Minderheitsregierung von Pedro Sánchez gescheitert, bald gibt es Neuwahlen. Wirken sich diese Dinge in irgendeiner Weise auf das Festival aus?

Derzeit überhaupt nicht. Aber am 1. Oktober 2017, als versucht wurde, das Referendum abzuhalten und es zu massiven Polizeieinsätzen kam, haben wir eine Stellungnahme publiziert. Wir haben gesagt, dass wir uns nicht politisch positionieren wollen, aber für die Meinungsfreiheit eintreten. Viele kulturelle Einrichtungen in der Stadt haben es ähnlich gemacht. Und nein: Wir wurden von der Politik niemals aufgefordert, uns für oder gegen die Unabhängigkeit auszusprechen.

Primavera Sound: 30. Mai bis 1. Juni im  Parc del Fòrum, Barcelona

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