All the news that’s fit to print. Delegierte des VI. Parteitags der SED in der 1992 abgerissenen Werner-Seelenbinder-Halle in Prenzlauer Berg bei der Lektüre des „Neuen Deutschland“ (Januar 1963). Foto: picture-alliance/ ZB
© picture-alliance/ ZB

Presse- und Meinungsfreiheit Alles wie im Osten?

In einem Erfahrungsbericht sagt Birk Meinhardt der „Süddeutschen Zeitung“ auf Nimmerwiedersehen. Ihr Umgang mit Texten erinnert ihn an die DDR.

Es gibt einen Meinungskorridor im Land, heißt es, auf dem soll man hübsch bleiben, sonst wird es ungemütlich. Abweichendes wird ausgesondert, kleingeredet, beiseitegeschoben. Die Medien sind auf Linie, es ist eigentlich wie damals in der Zone …

Man kennt die Haltung, man kennt die eigenen Reflexe: Jetzt hör mal, da gibt es schon noch ein paar Unterschiede. Wo wird denn eine Meinung unterdrückt? Kann nicht jeder sagen, was er meint, von ein paar Nazi-Ekeleien abgesehen? Selbst innerhalb einer Zeitung, eines Senders gibt es die unterschiedlichsten Stimmen. Und so weiter und so fort.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Jetzt hat sich einer hingesetzt, ein kluger und hervorragender Autor, der bei der „Süddeutschen Zeitung“ war, bei der vielleicht besten Zeitung des Landes, und er hat aufgeschrieben, warum er dort nicht mehr sein will. Es läuft auf das heraus, was oben steht, ganz oben, im ersten Absatz.

In München wurde er zum Starreporter

Birk Meinhardt kommt aus dem Osten, er war der Erste von da, den sie in ihre Münchner Redaktion geholt haben, natürlich auch, um sich den Osten erklären zu lassen, diese Gegend mit den merkwürdigen Leuten mit ihren erstaunlichen Empfindlichkeiten. Seinen ersten Kisch-Preis, das war der Super-Oscar des deutschen Journalismus, hat er bekommen für eine Geschichte über ostdeutsche Eishockeyfans: „Alle sind wir da, bis auf Erich Honecka“. Birk Meinhardt war ein Star, er durfte schreiben, was er wollte.

Es war so anders als damals in der DDR, wo er zehn Jahre Journalismus erlebt hatte mit all den Gängeleien und Verbiegungen. Wenn Birk Meinhardt von seinen ersten zehn Jahren im Westen bei der „Süddeutschen“ schreibt, klingt es wie der Bericht aus einer zauberhaften Zwischenzeit, so, als hätte sich dann – unmerklich, aber verhängnisvoll – etwas geändert im Land und im Journalismus, eine Rolle rück- und seitwärts in die Welt der altbekannten Sprechverbote.

Anhand der Erlebnisse mit drei Texten, die nicht in der Zeitung erschienen, aber im Buch abgedruckt sind, beschreibt Birk Meinhardt detailliert, wie sich seine Wahrnehmung der journalistischen Freiheit gewandelt hat. Der erste aus dem Jahr 2004 behandelte die Deutsche Bank, den teuren und hochriskanten Ausbau des Investmentsektors und den Abbau des Kreditgeschäfts, durch den kleine Firmen in den Ruin getrieben werden. Seit der Krise 2008 weiß man, dass die Vorgänge in der Bank noch weit skandalöser waren und wurden.

2004 aber geschah es, dass sich der Chef des Wirtschaftsteils gegen den Text aussprach, welcher so, in seiner ersten Form, nicht erscheinen durfte. Im zweiten Text, 2010, ging es um Fehlurteile in der juristischen Aufarbeitung fremdenfeindlicher Übergriffe, darum, wie eine wohlmeinende politische Haltung dazu führen kann, voreilige und falsche Schlüsse zu ziehen.

Argumente für die Gegenseite?

Ein gründlich recherchiertes Stück, welches so nicht erscheinen durfte, unter anderem weil es der Gegenseite, den rechten Gewalttätern und Provokateuren, Argumente liefern würde: Die eigentlichen Opfer seien sie.

In beiden Fällen dürfte es der Zeitungsredaktion nicht allzu schwerfallen, sich zu verteidigen: Es waren einzelne Kollegen, die sich gegen die Texte ausgesprochen hatten, andere fanden die Texte offenbar gut. Es ging nicht um Verbote, sondern um Überarbeitungen – ein gängiges Verfahren in Redaktionen.

Hätte Meinhardt mehr Geduld und Durchsetzungswillen gehabt, hätten sie nach gewissen Änderungen sehr wahrscheinlich gedruckt werden können. Man kann dazu die Kollegen von damals befragen, doch es lässt sich auch aus Meinhardts eigenen, ausgesprochen ehrlich wirkenden Beschreibungen schließen.

In denen erfährt man auch, dass der Journalist damals bei der „Süddeutschen“ kündigte, weil er lieber Prosa schreiben wollte, Bücher, bei denen ihm niemand reinredet. Inzwischen sind zwei Bände seines Wenderomans „Brüder und Schwestern“ erschienen.

Ein schwieriger, betreuungsintensiver Autor

Was hat er also, dieser merkwürdige Ostler mit seiner erstaunlichen Empfindlichkeit? Er beschreibt es in dem kleinen Buch – und das ist der erste Grund, weshalb es empfohlen werden muss (der noch wichtigere kommt später). Birk Meinhardt war einer von den hochtalentierten und schwierigen Autoren, mit denen die Arbeit an Texten immer aufwendiger wurde, so kann man erfahren

Das dürfte auch daran liegen, dass er einer war, der mehr als andere seine Worte auf die Goldwaage legte. So etwas hält auf im Alltagsgeschäft – und es lohnt sich; man lese nur die Meinhardt-Reportagen.

Wichtiger noch: Birk Meinhardts DDR-Erfahrung. Er hatte in einem System gesteckt, in dem sich alle irgendwie schuldig machten, in dem sie gehorchten, sich weggeduckten, Sprachregelungen einhielten und weiterreichten. Das „Nie wieder“, das er daraus mitnahm, kannten die Kollegen aus dem Westen nicht. Was hat er nur?, mögen sie gedacht haben, wenn er mal wieder störrisch war. Und wenn jemand ihm sagte, ein Text liefere dem politischen Gegner Munition, dann ahnte er gar nicht, welche Saite er bei Meinhardt zum Schwingen brachte.

Es war exakt dieses Argument, mit dem im Osten so viele Kritiker mundtot gemacht worden waren. Mit wie viel Verständnis kann man rechnen, wenn man einem altgedienten Redakteur in München darlegt, er argumentiere wie ein Ostbonze?

Widerwillen gegen uniforme Meinungen

Das Bild, das Meinhardt von seiner alten Zeitung entwirft, erscheint einseitig und ungerecht. Jenseits der Erfahrung mit seinen eigenen Texten beschreibt er die Berichterstattung etwa über Russland, die transatlantischen Beziehungen, die Flüchtlingskrise als uniform und ganz und gar glattgebügelt.

Seine Kollegen von damals verweisen nun auf Texte, die „der Blattlinie“ entgegenstehen. Natürlich gibt es sie – aber wer wollte sie gewichten? Dass es leichter fällt, so zu meinen und zu formulieren, wie es in der Redaktion üblich ist, liegt ja auf der Hand. Dass, wer dagegen anschreibt, es sich schwer macht, versteht sich auch von selbst.

In der „Süddeutschen Zeitung“ finden sich wie in jeder anderen Zeitung deutlich mehr bequeme, mit dem Strom schwimmende Texte als gut durchdachte, die gegen den Mainstream argumentieren. Das ist weit weniger skandalös, als es zunächst klingen mag. Es ist – auf kritikwürdige Weise – normal. Und eben hier liegt die wichtigste Botschaft von Meinhardts Buch, das an diversen Stellen aufbrausend und unfair sein mag.

Wir, die Wohlmeinenden, Liberalen, machen es uns zu oft zu leicht. Wir agieren ängstlich, schwimmen in unserem Strom, wollen unter unsereins nicht anecken. Wir sind die gleichen Menschen wie jene damals in der DDR, kein bisschen besser. Nur die Umstände, unter denen wir agieren, die sind noch immer sehr viel besser. Auch wenn Birk Meinhardt viele Ähnlichkeiten aufzeigt. Für beides darf man dankbar sein.

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch. Das Neue Berlin, Berlin 2020. 144 Seiten, 15 €.

Zur Startseite