Vielseitig. Die Klarinette gehört zu den ausdruckstärksten Instrumenten und wird in verschiedenen Kulturen genutzt. Foto: picture alliance
© picture alliance

Premiere beim Kammermusikfestival „intonations“ Die vielen Stimmen der Klarinette

Kaddisch, Klezmer und Jazzklänge: Die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff präsentiert bei „intonations“ im April ihr neues Klarinettenquartett.

Die Bilder aus der Ukraine erfüllen sie mit großer Sorge. Und rufen schmerzhafte Erinnerungen wach. „Meine Eltern sind Shoah-Überlebende aus Ostpolen in der Nähe des heutigen Ternopils. Ich war dort“, erzählt Ella Milch-Sheriff am Telefon. Die traumatische Familiengeschichte ihres Vaters, der den grauenvollen Tod seines dreijährigen Sohnes und seiner ersten Frau miterleben musste und später nie darüber sprach, hat die in Haifa geborene israelische Komponistin in der Kammeroper „Baruchs Schweigen“ vertont, die 2010 Premiere in Braunschweig feierte. Es war ein Versuch, das unsagbare Leid aus dem Fluss der Zeit herauszuheben und in ihre Sprache zu übersetzen: die Musik.

Heute gehört Ella Milch-Sheriff zu den meistgespielten Gegenwartskomponist:innen und lockt das Publikum auf der ganzen Welt. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn zeitgenössische Werke werden oft als zu verkopft, zu sperrig empfunden. Ihre Musik dagegen ist mehr intuitiv als intellektuell. Sie hat Harmonie, Melodie und Rhythmen. Und sie zeigt die ganze Bandbreite der menschlichen Gefühle.

Eine Szene aus der Hauptprobe zur Uraufführung von "Baruchs Schweigen" 2010 im Braunschweiger Staatstheater. Foto: pa/ Jochen Quast Vergrößern
Eine Szene aus der Hauptprobe zur Uraufführung von "Baruchs Schweigen" 2010 im Braunschweiger Staatstheater. © pa/ Jochen Quast

Verlust und tiefe Trauer durchweben als Motive auch ihr neues Klarinettenquartett, das am 6. April, dem vorletzten Tag von „intonations“, uraufgeführt wird. Eigentlich sollte das von Elena Bashkirova und dem Jerusalem International Chamber Music Festival in Auftrag gegebene Stück bereits 2020 im Glashof des Jüdischen Museums dargeboten werden. Doch dann kam Corona – und die Welt stand still. Seitdem ist die Premiere viermal verschoben worden, auch in Jerusalem wurde das Festival 2021 abgesagt.

[Lesen Sie zu diesem Thema auch unseren aktuellen T-Plus-Artikel: Intonations-Festival im Jüdischen Museum: Bevor der letzte Vorhang fällt.]

Gefragt. Die Musik von Ella Milch-Sheriff wird weltweit aufgeführt. Foto: privat Vergrößern
Gefragt. Die Musik von Ella Milch-Sheriff wird weltweit aufgeführt. © privat

Jiddische Folklore trifft Jazz

Nun freut sich Ella Milch-Sheriff darauf, ihr Werk in Berlin endlich live zu hören. Komponiert hat sie es für drei Streicher und eine Klarinette, die für sie „etwas sehr Besonderes hat“. „Sie ist ein bekanntes Jazzinstrument und wird in der traditionellen jüdischen Klezmermusik verwendet.“ Weil sie über drei verschiedene Register verfügt, vereint sie quasi drei Instrumente in einem. Sie kann mal düster und geheimnisvoll, mal klar und laut werden. Damit gehört sie zu den emotional ausdruckstärksten Instrumenten und öffnet Tonsetzer:innen viele kreative Spielräume. „Deshalb liebe ich sie“, schwärmt die Komponistin.

Rabbiner Yitzhak Ehrenberg (links) liest 2002 bei einer Zeremonie im polnischen Slubice in dem "Kaddisch", dem Totengebet. Foto: picture alliance Vergrößern
Rabbiner Yitzhak Ehrenberg (links) liest 2002 bei einer Zeremonie im polnischen Slubice in dem "Kaddisch", dem Totengebet. © picture alliance

Diese Vielseitigkeit kommt bereits in dem Prolog des Klarinettenquartetts zum Tragen. Jiddische Folklore trifft auf abendländische und nahöstliche Klänge. Ella Milch-Sheriff, die eine westliche musikalische Erziehung genoss, schöpft dabei ungehemmt aus dem Vollen. Israel ist schließlich ein Schmelztigel der Kulturen und Einflüsse.

Spannende Wechselspiele durchziehen auch die drei darauffolgenden Sätze. Es fängt mit einer Jagd an. Aber wonach? Wozu? Das bleibt unklar. Und doch bekommt diese Atemlosigkeit nach zwei Jahren Pandemie eine beinah allegorische Bedeutung. Besonders ergreifend ist der zweite Satz, der ihrem verstorbenen Ehemann und Komponisten Noam Sheriff gewidmet und von einer seltenen Kaddisch-Melodie inspiriert ist, einem jüdischen Trauergebet.

Zum Schluss wird es schwungvoll und jazzig. Das Leben ist fragil, mitunter auch schmerzhaft, aber es geht weiter, lautet die Botschaft. Auch Ella Milch-Sheriff bleibt nicht stehen. Sie arbeitet schon an einer neuen Oper, beauftragt von Omer Meir Wellber. Der israelische Dirigent wird ab September Musikdirektor der Wiener Volksoper. Noch darf sie keine Details verraten, sagt die Komponistin. Nur soviel: Das Libretto ist phänomenal.

Zur Startseite