Kostüm-Trash für den Bühnen-Crash. Szene mit Vidina Popov und Riah Knight. Foto: Ute Langkafel
© Ute Langkafel

Premiere am Berliner Maxim Gorki Theater Rutschparty

Sämtliche Gegenwartsdebatten, fantastisch verpackt in einem Musical: Yael Ronens „Slippery Slope“ am Berliner Maxim Gorki Theater.

Vier Jahre hat Gustav, ein schwedischer Musiker mit Hang zur Ethno-Schnulze und zum Cowboystiefel, auf sein Comeback warten müssen. Jetzt steht er in der grandiosen Gestalt von Lindy Larsson mit frisch ondulierter Langhaarperücke auf der Bühne und erzählt dem Publikum von „dieser Sache“, die seine Karriere damals jäh ausgebremst hat. Besagtes thingy, wie Gustav selbst den Vorfall in verdruckstem Euphemismus nennt, ist ein veritabler Cancel-Culture-Skandal: „Kulturelle Aneignung, rassistische Auslegung, Missbrauch und Degradierung, finanzielle Ausbeutung, deklariert als Kooperation“ wird dem Showbiz-Barden zur Last gelegt.

Und diese Anklage erfolgt – darin besteht die erste der vielen Großartigkeiten an Yael Ronens neuer Inszenierung „Slippery Slope“ im Maxim Gorki Theater – in Form eines Songs mit Chartbreaker-Potenzial, gegen den der musikalisch abgehalfterte Gustav einpacken kann. Vorgebracht wird sie von drei Frauen, die dazu sehr cool – die Gesichter hinter Fantasy-Masken verborgen – jenen abschüssigen Steg heruntertänzeln, den Alissa Kolbusch auf die Bühne gebaut hat und der den Titel des Abends unmittelbar versinnbildlicht: „Slippery Slope“ bedeutet soviel wie „schiefe Ebene“, „Rutschbahn“ oder auch „heikle Angelegenheit“ (weitere Aufführungen am 9. und 10. November sowie am 12., 19. und 30. Dezember).

Alles dabei: Identitätspolitik, MeToo, Cancel Culture

Jawohl: Ronen schafft das Kunststück, zentrale Gegenwartsdebatten von Identitätspolitik über #MeToo bis Cancel Culture zu einem Musical-Abend zu verdichten! Komplexe Diskurse werden in Songs gegossen, die das Genre derart lässig ins TikTok-Zeitalter beamen, dass der Broadway sich wirklich warm anziehen kann. Und deren Trick darin besteht, an der Handlungsoberfläche wie eine Seifenoper daherzukommen, auf der man dann allerdings – von wegen slippery slope – bei jedem selbstgewissen (Deutungs-) Schritt hoffnungslos ausrutscht.

Erst einmal scheinen die Dinge so klar zu liegen, wie spektakuläre Enthüllungsstorys das gemeinhin suggerieren: Mag ja sein, dass Gustav es in seinem heteronormativen männlichen Verblendungszusammenhang für „Liebe“ hielt, als er die junge Roma-Sängerin Sky „entdeckte“, die dann eine fulminante Solokarriere als TikTok-Star mit 90 Millionen Followern gestartet hat, während er selbst bei schlappen 5000 Facebook-Friends herumkrebst!

Die Newcomerin will sich erst nicht als "Opfer" sehen

Aber die feministische Nachwuchsjournalistin Stanka (Vidina Popov), die sich mit einem „Fuck-Patriarchy“-Song einführt, weiß ja glücklicherweise, wie es wirklich war: Gustav hat Sky, die die britische Singerin/Songwriterin und Schauspielerin Riah May Knight fulminant in einem Designkunst-Outfit aus Kuscheltieren (Kostüme Amit Epstein) verkörpert, manipuliert, hat ihr Talent ausgebeutet, seine Macht missbraucht. So erklärt Stanka es auch Sky selbst, der an Gustav zwar durchaus die eine oder andere Arschloch-Qualität aufgefallen war, die allerdings nichtsdestotrotz der Meinung ist, ihm einiges zu verdanken und sich selbst zudem nicht als "Opfer" sehen mag – weshalb seitens Stanka auch ein gewisser Aufwand nötig ist, um sie von dem hanebüchenen Irrglauben zu befreien, gar nicht nur schlechte Zeiten mit Gustav verbracht zu haben.

Auf dieser Folie, die sich auch als Kommentar auf die Machtmissbrauchsvorwürfe gegen die Chefin des Gorki Theaters Shermin Langhoff lesen lassen, drängt sich rampensäuisch Perspektive um Perspektive nach vorn: jede Erzählung mit dem Ziel, die jeweilige Vorgängerin mit der cooleren, erleuchteteren oder narzisstischeren Agenda auszukontern. Logisch – und in Ronens (selbst-)ironischem Blick absolut menschlich – dass hier jede und jeder auch nach dem Framing sucht, das der eigenen Karriere nützt.

Sieht aus wie ein Musical, ist hohe Diskurskunst

Wirklich grandios, welche Komplexität der von Ronen gemeinsam mit dem Komponisten und Musiker Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itay Reicher entwickelte Abend schafft; wie viele Diskurse und Konfliktlinien er in den Blick bekommt mit seiner Methode, Narrative in ein bewusst mit Klischees spielendes Musical-Personal zu verpacken und via Bühnen-Crash luzide in ihre Einzelteile zu zerlegen. Da hat jede Teilfrage das Potenzial für einen abendfüllenden After- Show-Diskurs. Zum Beispiel die nach dem „richtigen“ Feminismus, wenn neben der Enthüllungsjournalistin auch ihre Chefredakteurin auftritt – die von Anastasia Gubareva mit grandioser Naturgewalt auf die Bretter geknallte Gustav-Gattin Klara, die ihrem Mann über den Kopf streicht, während sie ihm in einem kultverdächtigen Song darlegt, wie Sky ihn für ihr eigenes Fortkommen benutzt hat.

Gestellt wird übrigens auch die komplizierte Frage nach dem Preis, den es kostet, Menschen aus Verblendungszusammenhängen zu befreien, die nicht aus ihnen befreit werden wollen, weil sie sie nicht als solche empfinden. Dass die Dinge schwieriger sind, als sie zunächst scheinen, dieses Fazit stand schon unter manchem guten Theaterabend. Dass die Erkenntnis aber derart rockt wie in „Slippery Slope“, hat absoluten Seltenheitswert!

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