Kluge Beobachterin. Fang Fangs Roman verschwand aus den Buchladen in China, ohne das er auf den Index gesetzt worden wäre. Foto: © Wu Baojian
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Preisgekrönter Roman von Fang Fang In „Weiches Begräbnis“ blickt eine Regierungskritikerin auf Chinas Wandel

Das „Wuhan Tagebuch“ machte sie weltberühmt. Ihn „Weiches Begräbnis“ setzt sich Fang Fang mit den Gründungmythen ihrer Heimat auseinander. Der Roman erscheint erstmals auf Deutsch.

Die chinesische Metropole Wuhan wird wohl noch lange als eine Chiffre im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Dort nahm die Corona-Pandemie ihren Ausgang, und die Stadt ist verbunden mit den Schreckensbildern, die kurz darauf auch aus europäischen Städten in die Medienkreisläufe eingespeist wurden.

Von den staatlich verordneten Nachrichten abgesehen erreichte uns aus Wuhan auch der Blog der renommierten, hierzulande jedoch noch weitgehend unbekannten chinesischen Autorin Fang Fang, das als „Wuhan Tagebuch“ in viele Sprachen übersetzt wurde und große Aufmerksamkeit auf sich zog. Im chinesischen Umfeld allerdings setzte sich Fang Fang damit massiven Anfeindungen aus, die dazu führten, dass auch ein früherer, ursprünglich preisgekrönter Roman aus den Läden verschwand, ohne dass das Buch offiziell auf den Index gesetzt worden wäre.

Nun ist „Weiches Begräbnis“ dank des Sinologen und Gründungsdirektors des Goethe-Instituts Peking, Michael Kahn-Ackermann, auf Deutsch erschienen und steht auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises. Es gibt, vielleicht mehr noch als das „Wuhan-Tagebuch“, Einblick in die rasant sich verändernde chinesische Gesellschaft der vergangenen Jahrzehnte und ihren Gründungsmythos.

Der Titel verweist vordergründig auf eine Form der Bestattung, bei der die Leichen einfach in der Erde verscharrt werden und ihnen, dem chinesischen Volksglauben zufolge, die Wiedergeburt verwehrt wird. Eine solche überhastete, rituallose Beerdigung wurde häufig jener besitzenden Landbevölkerung zuteil, die infolge der kommunistischen Bodenreform zwischen 1949 und 1952 von Haus und Hof verjagt, an den Pranger der Selbstkritik gestellt und manchmal umgebracht wurde.

Diese Ära, die dem Banditenwesen ein Ende setzte und die nach Krieg, japanischer Besatzung und Bürgerkrieg verhungernde Landbevölkerung zunächst zu Eigentümern machte, gehört zu den unantastbaren und streng kontrollierten Versatzstücken der chinesischen Erinnerungskultur. Anders als die spätere und inzwischen „umgeschriebene“ Kulturrevolution firmiert die Landreform als „ausgleichender Akt sozialer Gerechtigkeit“, der, so Kahn-Ackermann in seinem instruktiven und sehr persönlichen Nachwort, im Gedächtnis des Landes von den landlosen Massen selbst in Bewegung gesetzt wurde.

Die Geschichte führt immer weiter in die Vergangenheit

Ding Zitao, Spross eines solchen Landjunkerfamilie, ist eine der Protagonist:innen in Fang Fangs Roman, der zwar in der Gegenwart Wuhans spielt, die damaligen Ereignisse aber als Hintergrund aufruft. Ihr Überleben verdankt Ding Zitao einem Doktor Wu, der sie, halbtot und erinnerungslos, aus einem Fluss zieht und erkennt, dass sie traumatisiert ist. Später wird sie den Arzt heiraten, einen Sohn, Qinglin, bekommen und früh ihren Mann beerdigen, mit allen Ritualen.

Wu Qinglin ist ein aufstrebender gegenwartsverpflichteter Architekt, der als Projektleiter seinen Beitrag leistet für die blühenden Landschaften Wuhans und sich glücklich schätzt, seiner in ärmlichen Verhältnissen lebenden Mutter endlich ein eigenes Haus in wohlhabender Umgebung als Alterssitz schenken zu können. Das Haus ruft bei Ding Zitao jedoch Erinnerungen an die Ereignisse auf dem Landsitz ihres Schwiegervaters wach, ihr Körpergedächtnis meldet sich, und sie fällt in eine Agonie, die sie – in einem zweiten Strang des Romans – immer weiter in die Vergangenheit führt und für Qinglin unerreichbar macht.

[Fang Fang: Weiches Begräbnis. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann. 441 S., Hoffmann und Campe, Hamburg 2021]

Der pragmatisch veranlagte Qinglin wiederum, der sich sonst wenig um die Geschichte seines Landes kümmert, stößt auf Aufzeichnungen seines Vaters, die ihn mobilisieren. Er beginnt zu recherchieren, mit Hilfe eines Freundes, einem Architekturhistoriker, reist er nach Ost-Sichuan, eben in die Gegend, in der die Bodenreform besonders wütete.

Sie stoßen auf die steinernen Überreste dieser Zeit, doch das, was Ding Zitao – und andere Figuren im Roman wie den alt gewordenen, ehemaligen Politkommissar Liu Jinyuan – umtreibt, bleibt dunkel und erhellt sich erst sehr allmählich und im erzählerischen Wechsel mit der inneren Zeitreise Ding Zitaos. Irritierend an ihrem Part ist dabei die umgekehrte, sehr kunstvoll inszenierte Chronologie, die lesend erst einmal aufgeschlüsselt werden muss und ein immer weiter wuchernderes Figurenarsenal bereithält.

Fang Fang versteht sich nicht als Dissidentin

„Es gibt zu viel, worüber man nicht reden kann“, erklärt der Lui programmatisch in einem Gespräch mit einem Zufallsbekannten, und dieser: „Reden wir nicht davon, an diese Dinge sollte man nicht rühren.“ In dieser Szene in einem Lokal, das die für die beiden alten Herren so wichtigen Nudelspeisen aus ihrer Heimat bereithält, ist das ganze Drama chinesischer (Nicht-)Erinnerung aufgehoben, als „weiches Begräbnis“, dessen Partikel sich aufgelöst haben und nicht mehr greifbar sind.

Es verwehrt die „Wiedergeburt“, die Zukunft, die aus der Vergangenheit kommt. Das ist das Anliegen Fang Fangs, die sich keineswegs als Dissidentin versteht, sondern als Teil der reformorientierten chinesischen Gesellschaft, vielleicht vergleichbar mit den Bürgerrechtler:innen am Ende der DDR, nur dass diese keine ökonomische Chance hatte.

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Fang Fang spannt dabei eine optimistische Streitkultur über die Vergangenheit auf, die in Figurenrede immer wieder Positionen gegeneinandersetzt, ohne sie zu denunzieren, in einer Sprache, die dank der – oft mit erklärenden Fußnoten versehenen – Übersetzung sehr unmittelbar wirkt.

Die Argumente der Bauern, die an der Landreform teilhatten, sind ebenso nachvollziehbar wie die Qualen derer, die unter ihr litten. Darüber hinaus öffnet die Autorin den Horizont in die aktuelle chinesische Gesellschaft, die der verlautbarten Gleichheit Hohn spricht, mit einer reichen städtischen Oberschicht und einem vernachlässigten verarmten Hinterland, das einst für die Zukunft des „neuen Chinas“ stand.

Während Quinglin wohl immer auf halsstarrige Weise in der Mittelschicht verharren wird, hat sein Chef, ein durchaus menschlich gezeichneter Sohn Lius und aufgewachsen im Umfeld des Wuhaner Militärs, ein Selbstvertrauen ausgebildet, das ihn auch mittels seines ökonomischen Kapitals, zu Höherem prädestiniert. Zwischen der nachgewachsenden Enkelgeneration und Ding Zitao oder Liu klaffen Gräben, die die sich extrem schnell verändernden Verhältnisse ins Bild setzen und nicht aufschüttbar sind.

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