Seit 25 Jahren der Moderne auf der Spur: das Quatuor Diotima. Foto: François-Rousseau
© François-Rousseau

Pilotprojekt-Konzert Meister in seinem Saal

Mit Schubert unterwegs in die Gegenwart: das Quatuor Diotima spiel im Boulez Saal vor Publikum.

Noch findet, wer online nach dem Boulez Saal sucht, den Hinweis: vorübergehend geschlossen. Die beiden Konzerte, die dort als Bruchteil der weitgehend abgesagten Quartettwoche stattfinden, sind eine Ausnahme im Rahmen des Pilotprojekts für eine Rückkehr zum Kulturbetrieb. Es ist eine Übung für alle Beteiligten, wie man am zweiten Abend mit dem Quatuor Diotima spürt. Ohne Geduld, Rücksicht und Verantwortung kann es keine geschützten Räume geben, und das gilt auch, wenn das Virus einmal zurückgedrängt sein sollte. Der Ruf eines Zuhörers zwischen Werken von Boulez und Berg macht es deutlich: „Behalten Sie doch Ihre Maske auf, so wie alle anderen hier auch.“ Übereinkommen als Kulturleistung.

Die Dramaturgie des Abends stellt abermals ein Quartett-Großwerk von Schubert ins Zentrum des Boulez Saals, doch anders als beim gefeierten Auftritt des Danish String Quartet am vergangenen Mittwoch, folgt auf das Monument keine freischwingende Folge von Tänzen. Das französische Quatour Diotima spielt das, wofür es seit nunmehr 25 Jahren bekannt ist: zweite Wiener Schule und Musik der Gegenwart. Das bringt naturgemäß eine andere Zuhörhaltung mit sich, denn nur wenigen zuckt bei Boulez‘ Livre pour Quatuor der Fuß. Die aktuelle Programmumstellung, mit der Schubert aus dem Mittelteil an dem Kopf wandert, verschärft diesen Kontrast zusätzlich.

Komprimierte Augenblicke und eine kühle Affäre

Schuberts „Rosamunde“-Quartett beginnt wie seine „Unvollendete“ mit geradezu filmischer Dichte wie aus dem Nichts, es ist unmöglich, sich seiner Wirkung zu entziehen. Doch mit dem Voranschreiten, in den weiten Sangesbögen und jähen Abbrüchen, wird zunehmend offenbar, über welche klanglichen Mittel die Interpreten eigentlich verfügen. Und hier wirkt das Quatour Diotima oft blass und auch kurzatmig, so dass sich kaum Spannung aufbauen kann. Blitzlichtartig flackert das tiefe Verständnis für harmonische Grenzgänge auf, die romantische Gesamtkonstruktion bleibt dennoch unterbelichtet.

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Die zerlesenen, von intensiver Beschäftigung gezeichneten Noten von Boulez‘ Livre pour Quatuor, noch zusammen mit dem Komponisten erarbeitet, klingen unter den Händen des Quatour Diotima mit Abstand am lebendigsten. Der „komprimierte Augenblick“, der Boulez vorschwebte – im nach ihm benannten Saal wurde er für Augenblicke Klang. In Bergs Lyrischer Suite hingegen, als Psychogramm einer Affäre auf atemlose Steigerung angelegt, rieselt herbstliche Kühle ein. Wieder draußen auf der Straße kreisen Gespräche um gastronomische Terrassen mit Heizstrahlern.

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