Ist das die Zukunft? Ein Mann schaut sich die digitalen Arbeiten von Beeple auf Bildschirmen an. Foto: Nicolas Asfouri/AFP
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Picasso, Beuys, Beeple? Wie NFTs gerade den Kunstmarkt revolutionieren

Krypto-Kunst erzielte Rekordpreis bei Christie's. Nun steigen auch Galeristen wie Johann König oder Christian Nagel in das Geschäft mit NFTs ein.

Beeple, ein amerikanischer Designer und Informatiker, der eigentlich Mike Winkelmann heißt, wurde kürzlich auf einen Schlag zum teuersten lebenden Künstler nach Jeff Koons und David Hockney. Sein digitales Bild „Everydays – The First 5000 Days“ erzielte im Auktionshaus Christie’s in der Kryptowährung Ether umgrechnet 69 Millionen Dollar. Das Bild, eine Collage aus 5000 Einzelbildern, die Beeple zuvor schon auf Instagram gepostet hatte, wurde als NFT verkauft, als sogenannter Non-Fungible Token.

Ein digitales Zertifikat auf einer Blockchain, das eindeutig Beeples Kunstwerk zugeordnet ist und den Käufer als Besitzer der „Original-Datei“ festschreibt, auch wenn diese weiterhin vervielfältigt werden darf. Seitdem sprechen alle, ob in der Kunstwelt, bei Bloomberg oder im Social-Network Clubhouse über NFTs. Digitale Kunst sei nun handelbar, fälschungssicher, mit Echtheitszertifikat.

Die Technologie der nicht-austauschbaren Tokens gibt es bisher nur in der Etherium-Blockchain, bezahlt wird mit der Kryptowährung Ether. Darüber wussten bisher höchstens Experten Bescheid. Die Kunst sorgt nun dafür, dass sich auch der klassische Kunsthandel für die Technologie interessiert. Etwa der Galerist Christian Nagel mit Dependancen in Köln, Berlin und München. „Ich beschäftige mich seit Kurzem intensiv mit dem Thema“, sagt er am Telefon.

„Dabei fällt mir auf, dass ständig behauptet wird, NFTs seien ein Meilenstein in der Kunstgeschichte. Die neuen Bilder! Der neue Impressionismus!“ Begründet wird die Euphorie mit der Mischung aus technologischer Innovation und neuen Käufern, die vorher keine Verbindung zu Museen, Kunst oder Galerien hatten.

Die Collage des Künstlers Mike Winkelmann, Künstlername Beeple, mit dem Titel "Everydays: The First 5000 Days" erreichte nach zweiwöchiger Versteigerung einen Preis von 69 346 250 Dollar (rund 57,8 Millionen Euro). Foto: dpa Vergrößern
Die Collage des Künstlers Mike Winkelmann, Künstlername Beeple, mit dem Titel "Everydays: The First 5000 Days" erreichte nach zweiwöchiger Versteigerung einen Preis von 69 346 250 Dollar (rund 57,8 Millionen Euro). © dpa

Alles schön und gut, meint Nagel. Aber wenn man die Geschichte der zeitgenössischen Kunst als Entwicklung von Marcel Duchamp und Picasso, über Joseph Beuys und Andy Warhol bis Kippenberger denke, dann sei Beeple nicht der nächste in der Reihe. Nagel sieht in den Comic-Zeichnungen des Amerikaners eine an Hollywood-Fantasie-Movies geschulte, durchaus verbreitete Bildwelt. Keine bahnbrechende Neuerung. Dass die einzelnen Bilder aus Beeples Collage nicht gut seien, ist ein häufig vorgebrachtes Argument der NFT-Skeptiker.

Mike Winkelmann, alias Beeple. Foto: Scott Winkelmann/AFP Vergrößern
Mike Winkelmann, alias Beeple. © Scott Winkelmann/AFP

Christian Nagel, seit 35 Jahren Galerist, plant im April eine NFT-Ausstellung in seiner Kölner Dependance. „Über Ausstellungen lernt man“, sagt er. Bei der Planung des Events profitierte Nagel vom unkomplizierten Vernetzen im digitalen Feld. Er schrieb dem neuen NFT-Guru, Autor und Künstler Kenny Schachter, auf Instagram, lobte dessen Artikel. Und auf die Nachfrage, wie denn eine interessante NFT-Ausstellung aussehen könnte, bot Schachter sich als Kurator an.

In Nagels Galerie sollen nun von Schachter ausgewählte digitale Werke auf elf Bildschirmen und in Form von 40 Ausdrucken auf Plastikplatten präsentiert werden. Die Platten werden am Boden, an der Decke und an den Wänden angebracht. Etliche Arbeiten sollen auch digital als NFTs verkauft werden. Es ist also auch ein Vertriebsexperiment für Nagel.

Vor allem aber wünscht sich der Galerist eine „kunstwissenschaftliche Bildanalyse“. Wie gut sind die Werke der 13 ausgewählten Pioniere, die ihre Arbeiten seit geraumer Zeit als NFTs anbieten? So wie der 51-jährige Konzeptkünstler Kevin Abosch, der schon 2018 das Prinzip Blockchain künstlerisch untersuchte und dabei seine Token-Werke für eine Million Dollar verkaufte.

Darren Bader präsentierte bei der jüngsten Venedig- Biennale eine Augmented-Reality-Arbeit per App. Der Japaner Koichi Sato wird mit farbenfrohen Gruppenporträts von meist Schwarzen Cheerleadern, Astronauten, Bodybuildern oder Bands bereits von mehreren Galerien vertreten. Schwieriger: Was sagen uns die blau-violetten Comic-Bilder, der in New York lebenden Krypto-Künstlerin Olive Allen? Ganz abseits des traditionellen Kunstbetriebes stehen sie alle nicht.

Plötzlich kommen auch die vor, die der traditionelle Kunstmarkt bisher gar nicht anerkannt hat

Dabei gilt als der große Vorteil der NFT-Plattformen: Hier kommen auch die vor, die der traditionelle Kunstmarkt bisher gar nicht anerkannt hat. Wer dort digitale Kunst anbieten darf, entscheiden die Betreiber der Plattformen. Die Zahl der Instagram-Follower ist dafür wesentlich wichtiger als Galerievertretungen oder Messebeteiligungen. In der digitalen Welt mischen sich die Kreateure und die Künstler, das verwirrt viele.

Surft man auf NFT-Plattformen wie Nifty Gateway, SuperRare, Foundation oder MakersPlace, sieht man zuerst viele Bildchen von Figuren mit großen Mündern, aufgerissenen Augen und Sabberfäden oder wolkige Fantasie-Landschaften. Den Stil verortet man in Zocker-Zimmern mit beleuchteten Tastaturen und ergonomischen Schreibtischstühlen mit Rollen. Die digitalen Marktplätze wirken auf den ersten Blick wie Online- Postershops mit Wucherpreisen.

„Da wird natürlich viel Schrott angeboten“, sagt der Berliner Galerist Johann König, der gerade gemeinsam mit Co-Kuratorin Anika Meier „The Artist is online“ zeigt, eine Ausstellung mit analogen und digitalen Werken. Die Kryptokunst stecke noch in den Kinderschuhen, sagt König. Es brauche Zeit, bis sich Positionen und Gegenpositionen entwickeln können.

Der Galerist Johann König. Foto: Moritz Frankenberg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit Foto: Moritz Frankenberg/picture alliance/dpa Vergrößern
Der Galerist Johann König. Foto: Moritz Frankenberg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit © Moritz Frankenberg/picture alliance/dpa

„The Artist is online“ mit 50 Künstlern wie dem etablierten Virtual-Reality-Künstlerduo Banz und Bowinkel oder dem Videospiele-Entwickler Thomas Webb läuft nicht nur in Königs Galerie in der umgebauten Kreuzberger Kirche St. Agnes, sondern auch im Decentraland, einer virtuellen Spielelandschaft, in der man sich mit Kryptowährung Immobilien und Güter kaufen kann. König hat sich hier eine virtuelle Dependance eingerichtet, als erster Galerist. Und er plant künftig sogar einen eigenen NFT-Marktplatz.

Bei der Vernissage taperten die Gäste als Avatare staunend und oft noch hilflos durch diese bisher nur Krypto-Nerds bekannte Welt, während die Kenner sich wunderten, dass plötzlich so viele Leute dort waren. Normalerweise ist das auf der Blockchain basierende Decentraland ziemlich leer, auch weil die Teilnehmenden sich über verschiedene Server einloggen und sich teils gar nicht sehen.

Künstler sind auf einmal „Content Creator“

Wenn Krypto-Begeisterte und Blockchain-Kenner sich unterhalten, geht es selten um Künstlerisches. „Content Creater“ seien die nächsten großen Unternehmer, heißt es in der Szene. Kreateure von Katzenbildern können ebenso erfolgreich sein wie anerkannte Digitalkünstler. Beide werden auf der Blockchain zum Unternehmer, zu Gründern ihres eigenen kleinen Imperiums. Erfolg hat nicht derjenige mit einer Galerie im Rücken, sondern wer seine Zielgruppe erreicht. Ein Künstler sollte Marketingprofi, Reichweiten-Experte und Datenanalyst sein – oder das Team dazu haben.

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Das Ganze diene allein Gaunern, schreibt der amerikanische Autor und Krypto-Gegner David Gerard. Er nennt es NFT-Betrug. Übers Ohr gehauen würden dieses Mal die Künstler. „Künstler werden benutzt, um die Kryptowährung anzukurbeln – und natürlich, damit sie selbst Kryptowährung kaufen und Gebühren bezahlen, um ihre NFTs anzubieten.“2,5 Prozent vom Verkaufserlös nimmt etwa die Plattform OpenSea. Zu welchem Startpreis die NFTs angeboten werden, wird zwischen den Plattformbetreibern und Künstlern verhandelt.

Auch die Käuferschicht ändert sich. Bisher investieren nicht die etablierten Sammler, sondern vor allem Krypto-Innovatoren in NFTs. Einer von ihnen ist der Berliner Unternehmer Jascha Samadi. Er investiert mit seiner Firma Greenfield One in Blockchain-Start-ups und bewegt Summen in dreistelliger Millionenhöhe. Vor Kurzem hat er mit Freunden mehrere digitale Bilder von Mad Dog Jones gekauft.

Der kanadische Künstler zeichnet urbane Landschaften in überhitzten Neon- und Rottönen, „Cyber Punk“ nennen manche seinen Stil. Die Preise für die NFTs klettern bis auf 66 000 Dollar. Nun bemühen sich Samadi und seine Freunde um ein Bild von Beeple. Sie stehen auch mit König in Kontakt. Der Galerist will Ende April eine eigene NTF-Plattform launchen.

Die Käufer kennen sich gut mit Krypto aus

Samadi sagt, er habe keinen klassischen Kunstbackground. „Bei digitaler Kunst gucke ich, was mir gefällt. Ich schaue mir den Künstler an, seine Reichweite auf Twitter oder Instagram, was er vorher gemacht hat und was er außerhalb von Krypto treibt.“ Er macht keinen Hehl daraus, dass es um Wertsteigerung geht. Kaufen und verkaufen. Aber anders als bei klassischen Auktionen im Sekundärmarkt verdienen Künstler in der Blockchain bei jedem Wiederverkauf mit.

Krypto-Kunst hat Samadi bisher nicht an der Wand, die Bilder liegen als Dateien auf seinem Computer. Aber wieso soll ihm nicht etwas im Internet gehören, wenn er da ohnehin einen Großteil seiner Zeit verbringt? Um sich die Werke ansehen zu können, hat er trotzdem einen digitalen Bilderrahmen bestellt.

In Johann Königs Galerie hängt ein Stoffbild des australischen Digitalkünstlers Ry David Bradley, der in früheren Projekten die Schnittstelle zwischen Bild, Video und Virtual Reality untersuchte. Darauf ist ein verzerrtes Gesicht zu erkennen. Das sei zunächst digital entstanden und zuerst als NFT verkauft worden. Der Künstler habe es anschließend weben lassen. Das NFT sei teurer als das analoge Werk, sagt König.

Für Galeristen wie Christian Nagel und Johann König könnte sich die NFT-Welt als neuer Vertriebsweg entpuppen. Skulpturen und Leinwände analog anbieten und eine digitale Version des Werks als NFT verkaufen. Das wäre dann doppelter oder gar multipler Cashflow. Die NFTs können beim momentanen Boom sogar mehr einbringen als die analogen Werke, siehe Bradley. Ein Risiko aber bleibt: Der Kurs der Kryptowährung, in der NFTs gehandelt werden, ist alles andere als stabil. König Galerie, bis 18.4., die NFT-Auktion läuft bis 31. März. koeniggalerie.com / Galerie Nagel Draxler, 23.4. – 6.5., nagel-draxler.de

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