Pianist Igor Levit, Seite an Seite mit seinem größten Fan, Kulturstaatsministerin Claudia Roth, bei der Berlinale. Foto: AFP/Stefanie Loos
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Pianist Igor Levit Fels und Brandung

Igor Levit beginnt seinen Berliner Klavierabend mit der ukrainischen Nationalhymne. Dann spielt er Ronald Stevensons monumentale "Passacaglia on DSCH".

Jetzt, nachdem das Unvorstellbare geschehen ist, häufen sich auch in der Kulturwelt die wichtigen, aber letztlich völlig hilflosen Gesten: Distanzierung, Appelle, Vertragskündigungen. Völlig klar, dass sich auch ein politisch hellwacher Künstler wie Igor Levit, Deutsch-Russe aus Nischni Nowgorod, bei seinem Auftritt im Kammermusiksaal zum Krieg äußern würde. Er tut es knapp, widmet sein Konzert den Opfern in der Ukraine – und spielt die Nationalhymne.

Der Saal erhebt sich, ein eindringlicher Moment. Der aber auch unser schlechtes Gewissen übertüncht. Lange haben wir die Sehnsucht der Ukraine nach Europa nicht ernst genommen, stattdessen Putins Herrschaft unterstützt, indem wir sein Öl und Gas kauften.

Das Stück ist eine Hommage an Schostakowitsch

Levit spielt nur ein einziges Stück, doch das dauert eineinhalb Stunden und ist durchzogen von einer viertönigen Hommage an Dmitri Schostakowitsch. Der litt bekanntlich unter dem damaligen Machthaber im Kreml, ebenfalls kein Menschenfreund. Die „Passacaglia on DSCH“ ist das einzige Werk des schottischen Vielschreibers Ronald Stevenson, das einen größeren Bekanntheitsgrad erreicht hat. Aufbauend auf den Töne d, es, c und h, die zusammen Schostakowitsch’ Initialen ergeben und die auch dieser selbst immer wieder in seine Musik eingebaut hat, errichtet Stevenson eine Kathedrale aus Variationen, eine Welt- oder zumindest Europareise aus Tänzen, Arabesken, Fanfaren. Sie gipfelt in einer monumentalen dreistimmigen Fuge, in die Stevenson auch noch die Tonfolge b, a, c und h verwoben hat, also die Intialen jenes anderen großen Komponisten, der gerne mit dem eigenen Namen spielte.

Igor Levit ist fasziniert von Variationszyklen

Zyklen strahlen eine starke Faszination auf Levit aus, so hat er die Goldberg- und Diabellivariationen oder Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated“ auf CD eingespielt. Jetzt tackert er mit gewaltigem Furor die vier Eingangstöne in den Flügel, obwohl das Thema eigentlich eher wehmütig-schmerzdurchzogen ist. Und mit diesem Hochdruck geht es auch weiter. Naheliegend, aber wohl zu kurz gedacht ist die Vermutung, dass die politische Situation Levits heiligen Zorn mitbeeinflusst.

Gelegentlich unterbrechen inselartige, sphärisch-zurückgenommene Passagen das Tongewitter, Levit steht dann auf, um die Saiten direkt im Korpus zu streichen. Schließlich die in unglaublich langem Bogen langsam gesteigerte Dynamik der finalen Variation: eine enorme physische Leistung, und doch verlässt man den Saal etwas ratlos. Das Werk gleicht einem monolitischen Felsblock. Man müsste es wohl noch viel öfter hören, um es wirklich schätzen zu können.

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