Arbeit und Liebe. Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Foto: R/D
© R/D

Philosophiegeschichte In der ehelichen Gedankenwerkstatt

In wiederentdeckten Essays zeigt sich Heinrich Blücher als Stichwortgeber von Hannah Arendts Totalitarismustheorie.

Meist stehen Frauen im Schatten ihrer Männer. Bei Hannah Arendt aber war es umgekehrt. Heinrich Blücher, 1899 geboren, seit 1940 in dritter Ehe mit der Philosophin verheiratet und bis zu seinem Tod 1970 in New York eng mit ihr verbunden, war ein legendäres Rednertalent, wie die Audiotapes seiner Vorlesungen an der New School of Social Research, wo er 1951 bis 1959 wirkte, bezeugen.

Karl Jaspers, der viele Jahrzehnte mit dem Ehepaar befreundet war, empfand trotz unterschiedlicher Lebenswege „eine merkwürdige Verwandtschaft“ mit ihm „im Reich der unabhängigen, bei aller Radikalität doch im Großen konservativen Geister“. Schon als kommunistischer Agitator in Berlin scharte Blücher junge Leute um sich und warb für seine Überzeugungen, die häufig nicht mit der offiziellen Linie der KPD übereinstimmten. 1928, als die Parteiführung die Arbeiterbewegung mit der Sozialfaschismusthese spaltete, schloss er sich den „Versöhnlern“ an.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Unterschiedlicher hätte das Paar also nicht sein können: Arendt aus bildungsbürgerlich-jüdischem Elternhaus, bei Martin Heidegger und Karl Jaspers ausgebildet, Blücher in ärmlichen Kreuzberger Verhältnissen aufgewachsen, Arbeiter und Autodidakt, aber Spezialist in Sachen „Erfahrung“. Das sollte für Arendts Theorie wichtig werden.

Ideologiekritische Betrachtungen

Nun hat der Wallstein Verlag zwei im Arendt-Nachlass in der Library of Congress seit Jahrzehnten vergessene Texte aus der Hand von Heinrich Blücher unter dem Titel „Versuche über den Nationalsozialismus“ zugänglich gemacht. Nicht weil Blücher einen neuen Zugang zum Thema gehabt oder er besonders gut hätte schreiben können. Vielmehr, so der Herausgeber Ringo Rösener und Eyck-Markus Wendt in ihrem die Ursprungstexte umfangmäßig überflügelnden Nachwort, soll die Veröffentlichung „einen Einblick in die häusliche Werkstatt der Ehepartner“ geben.

[Heinrich Blücher: Versuche über den Nationalsozialismus. Herausgegeben von Ringo Rösener, mit einem Nachwort von Ringo Rösener und Eyck-Marcus Wendt. Wallstein, Göttingen 2020.173 S., 24 €.]

Der erste wohl 1943 entstandene Teil, „Perpetuum Mobile“, ist unveröffentlicht, der zweite „Nationalsozialismus und Neonationalismus“ erschien im Rahmen der Reedukationsbemühungen in Deutschland 1949 in der „Amerikanischen Rundschau“. Begleitet werden sie von den ebenfalls im Archiv aufgefundenen englischen Übersetzungen, die sicher nicht von Blücher, möglicherweise aber von Arendt stammen.

Mit dem Faschismus, hebt Blücher seine ideologiekritische Betrachtung an, sei die im 19. Jahrhundert begonnene Entwicklung des Modernismus mit all seinen Ismen – „Formen des modernen Aberglaubens“ – an sein Ende gekommen. Er habe alle übrigen Ideologien ihres Zaubers beraubt und überboten, die Lüge sei sein einziges Kennzeichen.

In der Gestalt des Henkers und des Polizisten habe er Figuren hervorgebracht, die die Leere der Staatsform repräsentieren und mit dem „Blut“ ein Symbol gefunden, in dem „die Fatalität der Rasse“ konkret fassbar wurde und an „uralten Aberglauben“ anschließen konnte.

Bewegungsgesetze der Moderne

In einer Art Vorwegnahme der Foucault’schen Machtanalyse versucht Blücher die von Darwin und Marx abgeleiteten „Bewegungsgesetze“ der Moderne zu analysieren, bis sie im Faschismus in einen sich selbst erzeugenden „Automatismus“ münden, jenem „Perpetuum Mobile“ eben, das die „Raub- und Zwangs- und Rassegesellschaft“ unablässig in rauschhafter Schwingung hält. Erstaunlich für einen politisch denkenden Menschen wie Blücher sind die der religiösen Sphäre entlehnten Begriffe wie „Aberglaube“, „das satanisch Böse“ oder „Höllenmaschine“.

In diesem ersten Stück – und das macht den Vergleich mit Arendt so interessant – taucht der Begriff Totalitarismus noch nicht auf, wie Blücher überhaupt den Kommunismus noch auf die Seite des „Guten“ schlägt. Erst in seiner späteren Betrachtung der „totalitären Machtmechanik“ werden die „imperialistischen“, sich am Nationalen vergreifenden Ideologien des Nationalsozialismus und des Bolschewismus in eins gesetzt.

Wie schon in „Perpetuum Mobile“ bezieht Blücher sich motivisch wieder auf die „Protokolle der Weisen von Zion“, jene von den Nazis ausgebeutete Verschwörungserzählung von der jüdischen Geheimgesellschaft, die sich im Osten als „bolschewistischer Geheimorden“ etabliert habe.

Folgen der politischen Romantik

Wie die Diskussionen in der gemeinsamen New Yorker „Werkstatt“ liefen, ist kaum zu rekonstruieren. Offensichtlich ist jedoch, dass sich das Ehepaar darum bemühte, die Phänomene des Faschismus, wie ihn Blücher zunächst noch nannte, und später des Stalinismus zu durchdringen. Vermutlich ist es zuerst Arendt, die den Begriff Totalitarismus benutzt, der dann von Blücher 1949 aufgenommen wird.

Die Herausgeber geben Anhaltspunkte für einen dialogischen Denkprozess, aus dem sich wesentliche Figuren in Arendts Werk herauskristallisierten: die entpolitisierenden Folgen der (politischen) Romantik in Deutschland, die Ideologiekritik im Hinblick auf Rasse und Klasse, die Skepsis gegenüber einem wissenschaftlichen Positivismus als Werkzeug des Totalitarismus und die Sorge um ein atomisiertes, politisch nicht mehr handlungsfähiges Individuum.

Ob Blücher mit seiner zweiten Schrift die „Schuldfrage“ der Deutschen relativieren wollte, wie Rösener und Wendt vermuten, steht dahin: In einem Brief an Hannah Arendt erwähnt Jaspers einmal, dass Blücher Deutschland nicht mehr interessiere. Überzeugt war das Paar davon, dass weder das Ende des Totalitarismus noch der Tod von Diktatoren den zerstörerischen Glauben an die ständige leere Bewegung, wie sie im Bild des Perpetuum Mobile zum Ausdruck kommt, erledigen würden.

Zur Startseite