Jared Gradinger in einer Szene aus "Yew". Foto: Dieter Hartwig / HAU
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Performance „Yew“ im HAU Tanzen mit Pflanzen

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Der Natur ganz nahe. In der posthumanistischen Performance „Yew“ im Berliner HAU verwandeln sich Tänzer in in Pflanzen.

Mal eben einen Baum umarmen – das kann ja jeder. Die beiden Berliner Tänzer Angela Schubot und Jared Gradinger sind da radikaler. In ihrem neuen Stück „Yew“ (deutsch: Eibe) propagieren sie eine tiefere Verbindung mit der Natur. Und da die beiden Pflanzen und Bäume als ihre Partner begreifen, beanspruchen sie auch nicht die alleinige Urheberschaft für ihr Tanzstück. Die gebührt genauso Beifuß, Brennnessel, Buche, Eibe, Eiche, Echivarea, Farn, Klee und Moos.

Posthumanistische Konzepte fallen derzeit auf fruchtbaren Boden in der Tanzszene. Die Denker des Posthumanismus begreifen den Menschen nicht mehr als überlegenes Wesen und lehnen daher jede Artenhierarchie ab. Für sie ist der Mensch nicht mehr Krone der Schöpfung, sondern nur eine unter vielen natürlichen Spezies. Nachdem schon seit geraumer Zeit Tiertänze schwer in Mode sind, haben Angela Schubot und Jared Gradinger nun die vegetabilische Variante erkundet.

Das kleine HAU3 wurde nun trotzdem nicht zum botanischen Garten umgestaltet. Nur ein kleiner Farn steht in der Ecke. Dafür sind mehrere Lautsprecher im Raum verteilt. Der Soundgärtner Stefan Rusconi hat die elektrischen Impulse verschiedener Pflanzen aufgezeichnet und in Klänge umgewandelt. Dieser wundersame akustische Garten versetzt die Zuschauer gleich in eine meditative Stimmung. Auch die beiden Tänzer scheinen in eine Trance zu fallen.

Haben Pflanzen Sex?

Angela Schubot und Jared Gradinger sitzen zuerst Rücken an Rücken, sie schmiegen sich aneinander, umranken und umschlingen sich. Die Verknotungen muten bisweilen wie botanisches Yoga an – Ungeübte sollten sie besser nicht zu Hause nachturnen.

Und dann steht die Frage im Raum. Haben Pflanzen Sex? Schubot und Gradinger atmen sich langsam in Ekstase, ihre Umklammerungen werden immer drängender. Es ist schwer, da nicht an geschlechtliche Lust zu denken. Und mit der menschlichen Anatomie lässt sich auch nicht ohne Weiteres die pflanzliche Formenvielfalt veranschaulichen. Aber Schubot und Gradinger geht es wohl eher darum, sich in einen anderen Biorhythmus einzutunen – und alles menschliche Streben einmal loszulassen.

Am Ende gibt es Brennnesseltee

Später werden die Zuschauer aufgefordert, Artemisia zu begegnen, besser bekannt als Beifuß. Die Tänzer lassen Kräuterjoints kreisen, man kann den Rauch aber auch einatmen. Gestresste Großstädter verwandeln sich allmählich in sanftmütige Blumenkinder. Bei heruntergedimmtem Licht liegen alle auf dem Boden und träumen davon, eine Eibe oder Eiche zu sein.

Am Ende wird allen Brennnesseltee angeboten, der ja bekanntlich eine entgiftende Wirkung haben soll. Ist das nun blühender Unsinn? Keineswegs. An diesem Abend wurden keine Pflanzen und Tiere gequält – und auch keine Tänzer. Und die Zuschauer ziehen frohgemut aus – zu neuen artenübergreifenden Begegnungen.

Noch einmal am Fr., 2. Februar, 19 Uhr, im HAU3

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