Das große Format „Fourth Seal“ (170 x 208 cm) stammt aus Mehretus vierteiligem Zyklus „Slouching towards Bethlehem“. Foto: Borch Gallery
© Borch Gallery

Peitschende Pinselschwünge Julie Mehretu zeigt einen großartigen Bilderzyklus in Berlin

Dorothea Zwirner

Ihr Werk thematisiert Erfahrungen wie Krieg und Migration. Nun ist die international erfolgreiche Künstlerin Julie Mehretu in der Borch Gallery zu sehen.

Vier großformatige Drucke in leuchtenden Farbkombinationen bilden den neuen Zyklus „Slouching towards Bethlehem“ von Julie Mehretu, den die afroamerikanische Künstlerin mit Borch Editions 2020 produziert hat und in Berlin erstmals präsentiert. Zuckend, peitschend und sprühend tobt sich ein Liniengewirr aus Pinselschwüngen und -hieben auf wolkigem Hintergrund mit dramatischen Licht- und Schatteneffekten aus.

Auch ohne Kenntnis der komplexen Drucktechnik und gedanklichen Hintergründe vermittelt sich eine Stimmung von Aufruhr und Chaos in solcher Vielschichtigkeit und Intensität, dass man die technischen und inhaltlichen Schichten sofort nachvollziehen möchte.

Was wie eine Mischung aus Graffiti und Höhlenmalerei wirkt, erweist sich als Verbindung aus Fotogravüre mit klassischen Tiefdrucktechniken. Den Hintergrund bilden bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasene Nachrichtenbilder von Anti-Immigrations-Protesten, aus deren unterschwelligen Formen und Farben die Künstlerin ihre gestischen Kompositionen in verschiedenen Drucktechniken entwickelt.

Dabei ist die malerische Qualität der Grafik in der unterschiedlichen Beschaffenheit der Linie bis hin zum direkten Handabdruck typisch für das Werk der in Addis Abeba geborenen, in New York lebenden Künstlerin.

Die eigene Migrationsgeschichte vom Bürgerkriegsland Äthiopien in die amerikanische Einwandererstadt ist dem Werk von Mehretu eingeschrieben, das derzeit im Rahmen einer Retrospektive im Whitney Museum in New York Station macht. Kolonialismus, weiße Vorherrschaft, Bürgerkrieg und Migration sind die untergründigen Themen ihrer weitgehend abstrakten Formensprache, die die eigene Erfahrung von Instabilität und radikalen Wechsel verarbeitet.

Die Pandemie erschwerte die Produktion

Bereits aus ihrer ersten Zusammenarbeit mit dem passionierten und erfahrenen Drucker Niels Borch Jensen ist das monumentale Werk „Epigraphe, Damascus“ (2016) entstanden: eine schwarzweiße Fotogravüre in sechs Bahnen, die wie ein feierliches Epitaph auf die vom jahrelangen Bürgerkrieg zerstörte syrische Hauptstadt erscheint.

Vier Jahre später stand die neuerliche Kooperation durch die Pandemie unter der besonderen Herausforderung, dass Druckplatten und Andrucke mangels Reisemöglichkeiten zwischen Amerika und Europa hin- und hergeschickt werden mussten. Kaum vorstellbar, welcher Präzisionsarbeit und welches Vorstellungsvermögens es bedurften, um den vierteiligen Zyklus herzustellen.

Vier Jahre später ist noch immer kein Frieden im Nahen Osten in Sicht. Zudem bedrohen die globale Pandemie, erstarkende Nationalismen, soziale Unruhen und Umweltzerstörungen unsere Welt. Die innere Zerrissenheit der führenden Nation, die sich in der US-Präsidentschaftswahl zugespitzt hat, sorgt für eine tiefe Verunsicherung, wie sie in dem Titel „Slouching towards Bethlehem“ zum Ausdruck kommt.

Der Titel stammt aus dem apokalyptischen Gedicht „The Second Coming“ von W. B. Yeats, das der irische Dichter 1919 unter den verheerenden Eindrücken des Ersten Weltkrieges und der Spanischen Grippe geschrieben hat, an der seine Frau fast gestorben wäre. Unter der vielzitierten Schlusszeile „Slouching towards Bethlehem“ erschien ein halbes Jahrhundert später die Essaysammlung von Joan Didion, in der die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin ihre Erfahrung der Unruhen in den 60er Jahren in Kalifornien beschrieben hat.

Es geht um eine universelle Gesamtheit

Zuspitzung, Zerfall und Zukunftsangst sind die wiederkehrenden Momente, die Mehretu rund fünfzig Jahre später wieder anklingen lässt. Dabei greift sie die christliche Konnotation von Yeats auf, indem sie die vier Einzelwerke des Zyklus' nach dem Buch der sieben Siegel aus der Offenbarung des Johannes benennt.

Wie die vier apokalyptischen Reiter als Boten des nahen Weltuntergangs erscheint „First Seal“ in einer leuchtenden Gelb-Orange-Rot-Palette, „Second Seal“ im komplementären Blau-Lila-Kontrast auf lichtgelbem Grund, „Third Seal“ in einem monochromen Grau-Braun- Beige- Klang und „Fourth Seal“ in glühenden Orange-Rot-Lila-Tönen. Ohne den Symbolwert der Farben wie den der Zahl Vier zu bemühen, wird klar, dass es um eine universelle Gesamtheit geht.

[Borch Gallery & Editions, Goethestr. 79; bis 24. Juli, Mi–Sa 11–18 Uhr. Das Interview mit J. Graser wird demnächst auf die Homepage von Borch Editions gestellt.]

Wie bei Gerhard Richters vierteiligem „Birkenau“ Zyklus, der derzeit in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist, stellt sich die Frage, welche Rolle der gedanklich-inhaltliche Ausgangspunkt für die Wirkung der übermalten oder überdruckten Oberfläche spielt und in welchem Verhältnis sich der konkrete Hintergrund zum abstrakten Vordergrund verhält.

Die Spannung zwischen Verbergen und Offenbaren

Während in Richters Übermalung der vier Fotografien aus dem Vernichtungslager Birkenau eher ein Gestus des Sublimierens, des Verdeckens, des Bergens und Aufhebens liegt, der die Darstellung des Nicht-Darstellbaren thematisiert, findet bei Mehretu eine Übersetzung, Übertragung oder Entsprechung zum Aufbegehren in eine abstrakte Zeichensprache statt.

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In beiden Fällen dient allein der Titel als Hinweis darauf, was im Verbergen offenbar werden kann. In beiden Fällen liegt in der immanenten Spannung zwischen Verbergen und Offenbaren das Geheimnis, das zum Wesen großer Kunst gehört.

Mit „Slouching towards Bethlehem“ hat Julie Mehretu ein solches Hauptwerk geschaffen, dem man einen dauerhaften Platz in Berlin wünschen würde, wo die Künstlerin 2007 als Fellow der American Academy mit dem „Berlin Prize“ ausgezeichnet wurde und bis heute zu den Trustees zählt. Im aufgezeichneten Interview mit Jenny Graser, der Kuratorin für zeitgenössische Kunst am hiesigen Kupferstichkabinett, wird klar, wo der gegebene Platz wäre.

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