Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven kam 1938 in Amsterdam zur Welt. Foto: A. Bracaglia/dpa
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Paul Verhoeven wird 80 Sex, Gewalt und unliebsame Wahrheiten

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Der niederländische Paul Verhoeven machte in Hollywood Karriere mit Filmen wie "Robocop" und "Basic Instinct". Mit "Elle" ist er zuletzt im europäischen Arthouse-Kino angekommen. Jetzt wird er 80 Jahre alt. Eine Gratulation.

Paul Verhoeven ist die Katze des europäischen Autorenkinos, ein Regisseur mit neun Leben – beziehungsweise mit drei Karrieren. Es erscheint nachträglich wie ein Ritterschlag, dass der niederländische Regisseur 2016 mit „Elle“ in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. Die Zusammenarbeit von Verhoeven und Isabelle Huppert ist ein Gipfeltreffen des europäischen Kinos. Sie spielt eine Produzentin von Gewaltvideogames, die in ihrer Wohnung vergewaltigt wird. Nachdem sie den Täter ermittelt hat, dreht sie die Machtverhältnisse um. „Ich bin vergewaltigt worden“, erzählt sie ihren Freunden beim Dinner achselzuckend.

Ein echter Verhoeven. Mit dieser Mischung aus Sex, Gewalt und trockenem Humor hat das Enfant Terrible schon in den Siebzigern in seiner Heimat für Kontroversen gesorgt. Seinen internationalen Durchbruch erlebt der 1938 in Amsterdam geborene Verhoeven 1973 mit dem exzessiven Borderliner-Liebesfilm „Türkische Früchte“ um ein Paar, das mit allen gesellschaftlichen Konventionen bricht. Der Film macht auch seinen Hauptdarsteller Rutger Hauer zum Weltstar.

Er entlarvte die Bigotterie seiner Landsleute

Doch mit seinen Landsleuten steht Verhoeven auf Kriegsfuß, seine transgressiven Filme wie das Jugenddrama „Spetters“ (1980) sind ein Schlag ins Gesicht der vermeintlich so toleranten Holländer, deren Bigotterie er entlarvt. Auf die zunehmend schlechten Kritiken reagiert er 1983 mit seinem – wie er in Interviews erzählt – absichtlich schlechtesten Film. Als die Kritik den slicken, hochgradig deliranten Erotik-Thriller „Der vierte Mann“ zum Film des Jahres kürt, reicht es Verhoeven: Er kehrt den Niederlanden den Rücken und geht nach Hollywood.

In Amerika feiert Verhoeven seine größten Erfolge – und erleidet seine schmachvollsten Niederlagen. Aber er hinterlässt auch das politischste Œuvre im US-Mainstreamkino der Achtziger und Neunziger: „Robocop“ (1987) ist eine böse Satire über ein Land, das die Politik sich selbst überlässt – im Gewand eines blutigen Comic-Actionfilms. „Basic Instinct“ erfüllt alle Versprechen an einen Erotikthriller, den „Der vierte Mann“ nicht einlösen konnte: mit einer männermordenden Sharon Stone, die ihrem Regisseur und dem prüden Hollywood den schönsten moneyshot der Filmgeschichte schenkt.

Gesellschaftskritische Genrefilme

Über den Camp-Klassiker „Showgirls“ (1995), der hinter den Kulissen eines Nachtclubs spielt, sind inzwischen ganze kulturkritische Abhandlungen veröffentlicht worden. Seinerzeit als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten abgekanzelt (Verhoeven nahm seine Auszeichnung persönlich entgegen), gilt „Showgirls“ heute als subversiver Kommentar auf den American way of life. Kein Regisseur versteht es wie Verhoeven, Genrekino mit Mitteln der Kolportage und politischem Subtext zu verbinden.

Sein Meisterstück lieferte er 1997 mit dem Sci-Fi-Film „Starship Troopers“ ab, in dem die Regierung eine Gruppe bildhübscher Kadetten auf einem fernen Planeten einer Horde aggressiver Riesenkäfer als Kanonenfutter zum Fraß vorwirft. Verhoeven muss sich ins Fäustchen gelacht haben, als er die Nazi-Uniformen, in die er seine „Helden“ steckte, an den Studiobossen vorbeischmuggeln konnte. Die Kritik und das Publikum hingegen verstanden die Analogie „USA = faschistisches Regime“. Verhoeven ist ohnehin der Meinung, dass das Publikum viel klüger ist, als man in Hollywood annimmt. Aber seine Frustration wächst. Dem Tagesspiegel erzählte er im vergangenen Jahr, dass seine Genrefilme lediglich ein Vorwand waren, um unter Hollywood-Bedingungen etwas über die Gesellschaft, die Medien und die Politik zu erzählen.

Er will die Lebensgeschichte von Jesus verfilmen

Paul Verhoeven ist ein Grenzgänger geblieben. Als er 2006 mit dem Kriegsdrama „Black Book“ in die Niederlande zurückkehrt, macht er sich erneut keine Freunde. Sein Film zeigt, dass einige Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierten. In Holland ein Tabu. Mit „Elle“ ist der ewig Ungeliebte am Ende doch noch vom seriösen europäischen Arthousekino umarmt worden. Zu seinem 80. Geburtstag kann man ihm eigentlich nur noch wünschen, dass er jetzt endlich sein großes Lebensprojekt realisieren darf: die Verfilmung der Lebensgeschichte von Jesus Christus, basierend auf der Bibel-Exegese des Atheisten Paul Verhoeven.

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