Wild. Szene aus Rossinis „Il viaggio a Reims“ in der Deutschen Oper. Foto: Thomas Aurin
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Oper für junge Menschen Verdi auf Instagram

Oper ist nur etwas für alte Leute? Unsinn. Hier berichten drei junge Menschen aus Berlin von ihrer Liebe zum Musiktheater – und welche Medien sie dabei nutzen.

Die U-Bahn ist überfüllt. Hunderte sind unterwegs zum Konzert der Rolling Stones im Olympiastadion. Viele von ihnen sind sichtbar mit der Band gealtert. Zwei ziemlich junge Leute dagegen steigen schon an der Station „Deutsche Oper“ aus. Raphael Lübbers ist 31, Ivo Zedlitz ist 20. Sie kennen sich nicht, haben aber ein gemeinsames Ziel: die Aufführung von Gioacchino Rossinis „Il viaggio a Reims“. Auch im Zuschauerraum der Deutschen Oper werden sie an diesem Abend zu den Jüngsten gehören.

Oper ist elitär, es gilt, die Etikette zu wahren, einen bestimmten Habitus zu beherrschen, sonst bleibt einem dieser mythische Ort verschlossen. So lauten die landläufigen Vorurteile. Doch ist da eigentlich was dran? Glaubt man Ivo, dann nicht. Für ihn begann alles mit der roten CD, einem Album mit Flötensonaten von Händel. „Die stand im Regal meines Vaters, ich habe sie mir einfach gegriffen und reingehört.“ Da war er noch ein kleiner Junge, im Kindergarten. Monatelang rotierte die CD in seinem Spieler, Klassische Musik gehörte nun zu ihm.

„Aber so mit zehn wurde es dann uncool, diese Musik zu hören“, erzählt der heutige 20-Jährige. Auf dem Gymnasium interessierte er sich mehr für Pop und HipHop. Doch dann fand er einen MP3-Player wieder, den sein Opa ihm mal bespielt hatte: Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven. Da kam dann die Begeisterung wieder.

Sechs russische Opern in sieben Tagen

Sein Großvater hat bei Siemens gearbeitet, viele Dienstreisen gemacht. Von einem Ort erzählte er immer wieder: der Wiener Staatsoper. Und wenn Opa über Oper sprach, dann ging es oft um die „Zauberflöte“. Also wünschte sich Ivo zu seinem 16. Geburtstag Tickets für die „Zauberflöte“ in Dresden, wo er damals wohnte. „Mit dem Gehabe der anderen Besucher konnte ich nichts anfangen, dieses Stolzieren in den Pausen, das demonstrative Schlürfen von teurem Wein.“ Aber die Musik, die hat ihn mitgenommen. Heute wohnt Ivo in Köpenick, studiert Physik an der Humboldt-Universität und geht so oft wie möglich in die Oper.

Doch einer geht noch öfter: Raphael. Zu Spitzenzeiten 80 Mal im Jahr, derzeit noch 40 Mal, er hat halt schon so viel gesehen. Erst im März sechs russische Opern in sieben Tagen, in St. Petersburg. Angefangen hat die Leidenschaft in Hannover. „Schon seit ich 16 war, hatte ich mich für Sprechtheater interessiert, dann für Symphonisches. An die Oper, die beste Kunstform, musste ich mich erst herantasten.“ Vor dem ersten Besuch hat er sich das Stück auf CD angehört, dabei das Libretto gelesen. Der damals 18-Jährige war dann sofort begeistert, seinen besten Freund hatte er nach „Macbeth“ an der Sächsischen Staatsoper und „Tannhäuser“ in Detmold schließlich auch überzeugt.

Kritische Blicke der anderen

Raphael hat durch die Oper schon ganz Deutschland und große Teile Europas gesehen, einen Freundeskreis aufgebaut, der sich ums Musiktheater dreht: „Auf Facebook habe ich eine Gruppe eröffnet, in der ich schreibe, was ich mir in den kommenden Wochen so ansehe. Oft schließen sich mir dann Leute an.“ Was Raphael an der Oper mag? „Sie ist abwechslungsreich. Es gibt sie seit 400 Jahren, seither hat sie sich ungemein diversifiziert. Drama, Opulenz, aber auch Absurdität gehören fest dazu. Selbst die tragischste Oper ist auch ein wenig absurd, denn wieso singen die überhaupt?“

Bei „Il viaggio a Reims“ spüren Raphael wie auch Ivo in der Pause die Blicke der anderen – so junges Volk! „Neulich hatte ich in der Staatsoper kurze Hosen und ein Shirt an, es war einfach heiß. Das hat eine Frau pikiert kommentiert: So was ziehe man doch nicht in der Oper an!"

Dieses Verhalten kennt auch Katarzyna Wlodarczyk. Die 28-jährige ist Opernsängerin, steht kurz vor ihrem Abschluss am Internationalen Opernstudio der Komischen Oper. Studiert hat sie in Posen, und zwar Rock- und Jazzgesang. Erst mit 19 Jahren ging sie zum ersten Mal in die Oper, im Zuge ihres Studiums. „Ich bin in einem Dorf in Polen aufgewachsen. Da gab es so was nicht.“ Verdis „Ernani“ war schrecklich inszeniert, erst Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ vermochte sie zu faszinieren. Auch weil die Hauptrolle in derselben Stimmlage sang wie sie als Mezzosopran. „Danach habe ich mich entschieden, auf klassischen Gesang umzusteigen.“ In den darauffolgenden Monaten verbrachte sie Stunden im Internet, um Opern-Videos auf YouTube anzusehen. Sie hatte viel aufzuholen.

Vor jeder Aufführung ein Foto

Ivo, Raphael, Katarzyna sind sich einig, dass die Oper auch jüngere Menschen ansprechen kann. Dass jedoch das Drumherum viele ihrer Altersgenossen abschreckt. Und die Unkenntnis darüber, wie viele Vergünstigungen es für Menschen unter 30 gibt. In Berlin kann man beispielsweise mit der Classic Card, die 15 Euro im Jahr kostet, die ganze Saison über Restkarten zum Preis von zehn Euro an der Abendkasse bekommen.

Ivo macht vor jeder Opernaufführung ein Foto und postet es auf Instagram. Dann ruht das Smartphone in der Tasche, er konzentriert sich voll aufs Geschehen. Nach der Vorstellung dann noch ein Foto.

Alle drei sprechen persönlich und leidenschaftlich über die Oper. Wenn sie von ihren Erfahrungen berichten, ist da nichts Trockenes, kein Elfenbeinturm. Und sie freuen sich auf die nächste Spielzeit, Ivo vor allem auf Händels „Poros“ an der Komischen Oper. Raphael auf „Die Verlobung im Kloster“ von Prokofjew an der Staatsoper. Katarzyna ist dann mitten drin im Opernbetrieb. Genau da, wo sie hinwollte, seit sie mit 19 Jahren diese Kunstform für sich entdeckt hat.

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