Begeiterte Zuhpörer beim Mitsingkonzert auf dem Gendarmenmarkt am 4.8.2019 Foto: AKUD/Lars Reimann
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Openair Event bei Young Euro Classic Beethoven für alle, alle für Beethoven

Tausende Berliner lauschen auf dem Gendarmenmarkt der „Neunten“ – und singen am Ende zusammen die Europa-Hymne.

Young Euro Classic hat auf den Gendarmenmarkt geladen - und Tausende sind gekommen. Am Sonntagabend ist der Gendarmenmarkt voll, riesige Ballons wiegen sich über den Köpfen im sanften Abendwind. "Schöne Freude" und "Funken Götter" steht darauf zu lesen. Denn hier geht es um Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie - die mit dem Schlusschor auf Friedrich Schillers "Ode an die Freude".

Der deutsche Dichter steht in Stein gemeißelt mitten auf dem Gendarmenmarkt, und rund um ihn herum haben sich die Klassikfans versammelt. Die Pfiffigsten sind früh mit Klappstühlen und Hockern angerückt und haben sich die besten Plätze gesichert, vor den beiden Großbildleinwänden, die rechts und links der Freitreppe zum Konzerthaus aufgebaut sind. Aber auch die Stufen sind voll besetzt, ebenso die Bänke auf dem Platz und jede andere Sitzgelegenheit rund um den Gendarmenmarkt.

Die "Neunte" ist nämlich ein langes Werk, 80 Minuten hochkomplexe Musik vergehen, bis der finale Schlussjubel Wiedererkennungsfreude weckt. Doch viele, viele sind auch bereit, diese grandiose Partitur komplett durchzustehen. Gar nicht wenige haben zudem Europa-Fahnen dabei, so wie zu den Zeiten, als hier jeden Sonntag die "Pulse of Europe"-Demonstrationen stattfanden. Und um eine Feier des europäischen Gedankens geht es ja auch in diesem Abend.

Vor Konzertbeginn wird draußen die Europa-Hymne geübt

"Young Euro Classic", das sommerliche Jugendorchestertreffen, empfängt zwar längst Gastorchester aus allen Kontinenten - doch ihnen ist gemein, dass sie europäische Musik lieben und spielen. Das Konzert, das am Sonntag live aus dem ausverkauften Saal auf den Gendarmenmarkt übertragen wird, gestaltet das European Union Youth Orchestra unter der Leitung des jungen Dirigenten Vasily Petrenko. Und am Ende sollen dann alle Zuschauer, die drinnen wie auch die draußen, gemeinsam die Europa-Hymne singen.

Auf angenehm lockere Art übt Carsten Gerlitz zuvor mit dem Freiluft-Zufallschor die wohlbekannten Zeilen. "Sie müssen singen: Alle Menschen werden Brühüder", erklärt der Chorleiter im blauen Sternenkranz-Tshirt. Und dann beginnt er sogar noch die vierstimmige Version zu proben - bis er von der Regie das Zeichen bekommt, dass es im Saal gleich losgeht. "Für die Bässe ist leider keine Zeit mehr", ruft Gerlitz, "aber ihr singt das dann vom Blatt, okay?"

Für das Openair-Event wird ein neues Soundsystem verwendet, das verspricht, den Klang so zu transportieren, dass man sich fühlt, als säße man im Parkett.. Und tatsächlich: Es entsteht eine echte Raumwirkung hier draußen, die Streicher sind brillant, die Kontrabässe extrem präsent, die Holzbläser sitzen hörbar weiter hinten auf dem Podium.

Je lauter das Orchester spielt, desto beeindruckender wird der Sound: machtvoll nämlich und nicht knallig. Keinen Moment lang hat man Angst, die Boxen könnten anfangen zu klirren. Werden die Musikerinnen und Musiker leiser, verfliegt der Klang nie in der Weite des Platzes, sondern wird nur intimer.

Vasily Petrenko dirigiert eine freilufttaugliche "Neunte"

Das volle, prächtige Klangerlebnis allerdings haben nur diejenigen, die frontal zur Abstrahlrichtung der Boxen sitzen. Seitlich der jeweils sieben Lautsprecher-Säulen muss man schon Abstriche in Kauf nehmen, in der Mitte des Platzes klingt es fast schon so belchdosig, wie man das aus der Waldbühne gewohnt ist. Jenseits der Markgrafenstraße aber, also auf der Platzseite, die dem Konzerthaus gegenüber liegt, mischen sich die verstärkten Stimmen wieder besser, fast bis zum Hausvogteiplatz ist das European Union Youth Orchestra in der Taubenstraße noch gut zu hören.

Vasily Petrenko dirigiert eine freilufttaugliche "Neunte", vital und geradeaus, mit straffen Tempi, ohne philosophische Grübeleien. Gerade die schnellen Passagen gelingen mitreißend, und am Ende applaudieren auch die Tausenden auf dem Platz ausdauernd - obwohl die Musikerinnen und Musiker sie ja gar nicht hören können. Danach sind die Zuhörer selber dran, von der obersten Stufe der Freitreppe gibt Chorleiter Casten Gerlitz den Einsatz zu "Freude, schöner Götterfunken". Sicherheitshalber läuft der Text auf den Großbildleinwänden mit, die Europa-Fahnen werden erneut geschwenkt - und dann brandet Jubel auf, als Dank für einen besonderen, völkerverbindenden Abend.

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