Die Titelseite der Arbeiter Illustrierten Zeitung mit der Fotomontage "Mimikry" aus dem Jahr 1934 von John Heartfield. Foto: picture-alliance/ dpa/Oliver Berg
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Online-Katalog von John Heartfield Mit der Schere in den Kampf

Buchcover-Designer, Theatergestalter, Trickfilmer, Exilkünstler: Ein digitaler Katalog der Akademie der Künste zeigt das vielseitige Werk von John Heartfield.

Ein Stichwort, ein Klick, und schon ist die brutal aufs Bajonett gespießte Taube da. Die berühmte Antikriegsmontage von John Heartfield spuckt der neue Online-Werkkatalog der Akademie der Künste gleich in fünf Varianten aus: hochauflösend, perfekt zoom- und drehbar, mitsamt Lightboxfunktion und Diagrammen zur Werkstatistik. Das coole Tool ist dabei genauso seriös wie ein klassischer, kiloschwerer Werkkatalog, gespickt mit wissenschaftlicher Expertise.

Eine Fundgrube für Forscher und Connaisseure kündigte Archivdirektor Werner Heegewaldt am Donnerstagabend freudestrahlend an. 6200 grafische Werke, darunter sämtliche Montagen Heartfields, wurden digitalisiert. Dazu 158 Kästen Briefe, 3000 Fotos und 600 Objekte vom Wohnzimmersessel bis zur chinesischen Teeschale.

Auf der Startseite von „Heartfield Online“ zeigt seine Hyäne Zähne. Aber hat der Dada-Cheflayouter und Anti-Nazi-Kämpfer in seinem 50. Todesjahr noch Biss? Geben seine an die Schmerzgrenze gehenden Bildmontagen heute im Kampf gegen die neuen Rechten noch Input? Die Akademie lud zur Podiumsdiskussion. Nur kam keine richtige Debatte in Gang, Streit blieb aus. Man redete gepflegt aneinander vorbei und fast gar nicht über John Heartfield. Heute sei das Hauptproblem, überhaupt Öffentlichkeit zu erreichen, meinte Akademieehrenpräsident Klaus Staeck. Er wollte den Ehrentitel eines Heartfield-Nachfolgers nicht annehmen, den Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner ihm antrug.

Fotografien als Übermittler von Fake News

Staeck regt auf, dass die Linke in der Weimarer Zeit sich selbst zerfleischte, statt gemeinsam gegen die Nazis Front zu machen. Das ging auch Turner gegen den Strich. Ihn interessierten mehr die Parallelen und Unterschiede der Presselandschaft damals und heute. In der Fragmentierung in getrennte Teilöffentlichkeiten, etwa in den USA und im Internet, sah er Ähnlichkeiten zur Zersplitterung der Öffentlichkeit während der Weimarer Republik. Historikerin Annette Vowinckel verwies darauf, dass die Fotografie seit ihrer Erfindung als politische Waffe genutzt wird und Propaganda lange als etwas Positives, nämlich Aktivierendes galt. Als Hochschullehrerin sieht sie sich in der Pflicht, ihren Studenten das Lesen von Bildern und deren Lügenpotenzial zu vermitteln. Historiker seien oft visuelle Analphabeten.

Dass Fotos sich nur zu gut zum Übermitteln von Fake News eignen, wusste schon Heartfield. Gerade diese Erkenntnis spornte ihn an, mit seinen beherzten Schnitten die wahren Akteure, Mechanismen und Zusammenhänge im Politbetrieb bloßzustellen, „der Lüge in die Fresse zu schlagen“. Das schützte ihn nicht davor, als überzeugter KPD-Anhänger der offiziellen Propagandalinie der Sowjetunion auf den Leim zu gehen. Aber Heartfield war mehr. Den genialen Buchcover-Designer, Theatergestalter, Trickfilmer, Exilkünstler, DDR-Kulturschaffenden und Sammler von Ostasiatika neu zu entdecken, wird der digitale Werkkatalog helfen. Im Herbst geht er ins Netz.

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