Olaf Maninger kam 1964 in Recklinghausen zur Welt, seit 1995 spielt er bei den Berliner Philharmonikern. Foto: Sebastian Hänel
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Olaf Maninger von den Berliner Philharmonikern im Gespräch „Für den vollen Energieaustausch braucht es einen vollen Saal“

Wie fühlt es sich an, derzeit bei den Philharmonikern zu spielen? Cellist Olaf Maninger über die fehlende Gemeinschaft und die Chance der neuen Flexibilität.

Herr Maninger, Sie sind seit 26 Jahren Orchestermusiker. Wie hat sich der Lockdown im März für Sie angefühlt?

Das war wirklich eine furchtbare Situation. Für alle Mitglieder der Berliner Philharmoniker ist das gemeinsame Spielen in diesem Orchester die Erfüllung ihres Lebenstraums. Das geht weit über einen Beruf hinaus, das ist Teil unserer Persönlichkeit. Darum war es schmerzlich, nicht auftreten zu können. Und noch eines ist mir in dieser Situation klar geworden: wie wichtig die Kommunikation mit dem Publikum für das Musizieren ist, der Energieaustausch mit den Besuchern abends in der Philharmonie.

Im Alltag denkt man als Musiker „Was ist das heute wieder für ein Gehuste!“ – aber ohne die Zuhörerinnen und Zuhörer fehlt dann auch die Resonanz.
Man geht ja als Künstler nicht raus in den Saal und macht seine Interpretation, die mehr oder weniger gut gelingt, sondern da ist mehr: eben das Publikum, das sich auf ein Ereignis freut, das seine Erwartungen mitbringt. Diese 2400 Leute, die normalerweise bei unseren Auftritten in der Philharmonie sitzen, strahlen eine unglaubliche Energie aus.

Im Idealfall vibriert der ganze Saal schon, bevor der erste Ton erklingt. Das spüren wir, wenn wir aus dem Backstage-Bereich auf die Bühne kommen. Dann ist die Chance riesengroß, dass etwas Besonderes passiert im Austausch zwischen Orchester und Zuhörern, dann kann sogar eine Pause innerhalb einer Komposition unglaublich spannungsreich sein. Das ist eine Quelle, an der wir uns gelabt haben. Und die dann plötzlich versiegte.

Worauf sich keiner vorbereiten konnte.
Wir waren mitten in einer Arbeitsphase mit Simon Rattle, als es hieß: Das Konzert morgen muss leider ohne Publikum stattfinden. Tags darauf war dann alles dicht.

Ende August haben Sie den Konzertbetrieb unter Corona-Bedingungen wieder aufgenommen. Wie funktioniert das aus Sicht des Orchesters?
Wir befinden uns in einem schwierigen Prozess, denn wir können erst langsam wieder gegenseitig Vertrauen gewinnen. Es ist ja nicht so, dass wir den Neustart gemacht haben und sich sofort eine Schlange vor der Vorverkaufskasse bildete, die sich die ganze Potsdamer Straße entlang zog. Nein, viele Leute hatten und haben Angst.

Hinzu kommt: Was vor Covid-19 in der Philharmonie stattgefunden hat, ist etwas anders als das, was wir jetzt erleben. Nur in einem vollen Saal kann sich der volle Energieaustausch zwischen Publikum und Künstlern entfalten. Der Wegfall des sozialen Drumherums hat Einfluss auf uns alle.

Das Leben als Berliner Philharmoniker ist sehr intensiv, Sie geben mehr Konzerte als andere Orchester, die meisten Mitglieder verfolgen zudem parallel solistische Karrieren, spielen in diversen Kammermusikformationen oder unterrichten. Gab es da nicht auch den Gedanken: Prima, jetzt kann ich mich mal richtig ausruhen?
Bei mir nicht. Wenn Sie täglich sechs Stunden Tennis trainieren, dann können Sie das beschwerlich finden und werden eine Pause genießen. Aber hier war die Situation ja eher so, dass man uns mitten in einem Spiel den Schläger aus der Hand gerissen hat und wir gesagt bekamen: Geht sofort nach Hause!

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Was später bei mir einsetzte, war eine Phase des Reflektierens über die Wahrhaftigkeit und die Richtigkeit unseres bisherigen Tuns. Ich habe mich gefragt: Brauchen wir wirklich diese starren Strukturen, bei denen alles Jahre im Voraus komplett durchgetaktet ist? Bei denen ich jetzt schon weiß, wie die Probe am 27. Mai 2023 verlaufen wird, dass wir nämlich vormittags an diesem Solistenkonzert arbeiten und nachmittags an jener Sinfonie?

Und wie lautet Ihre Erkenntnis?
Ich finde, dass wir uns mehr Flexibilität erlauben müssen. Als durch Corona alle Planungen über den Haufen geworfen wurden, haben wir spontan neue und durchaus überzeugende Programme konzipiert. Bisher war es ein Riesenproblem, wenn es um die Änderung eines einzigen Stücks an einem einzigen Abend ging! Da hieß es: Das wurde schon angekündigt, daran ist nicht zu rütteln. Doch, das ist möglich – wir haben es jetzt gesehen! Wir müssen auf das reagieren können, was im Moment relevant ist. Meine Hoffnung ist, dass wir nach dieser Krise nicht schauen, wie die Steine A, B und C vorher lagen und sie dann wieder genauso zusammensetzen. Sondern, dass wir alles wirklich neu konzipieren.

Die von Hans Scharoun entworfene Berliner Philharmonie. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Die von Hans Scharoun entworfene Berliner Philharmonie. © Kitty Kleist-Heinrich

Das geht aber nur, wenn auch alle Künstlerinnen und Künstler mitmachen. Denn sobald auch die international gefragten Stars wieder anfangen, sich auf vier Jahre im Voraus verpflichten zu lassen, sind Sie mit Ihrer neuen Flexibilität außen vor.
Deswegen brauchen wir eine globale Verabredung. Wir müssen von den Inhalten her denken. Daran wird die Form angepasst. Wie in der Architektur: Sie können ein Haus komplett durchplanen oder Sie wählen einen offenen Grundriss, der ihnen erlaubt, die Zwischenwände jeweils so zu setzen, wie sie es gerade brauchen.

Sie haben bei den Philharmonikern fantastische Solisten, dazu viele Musiker, die auch dirigieren. In Berlin tun sie das aber zumeist bei der privatwirtschaftlich organisierten Konzertdirektion Hohenfels. Wie wäre es, wenn diese Kolleginnen und Kollegen künftig vor ihr eigenes Orchester träten? Das würde Sie deutlich unabhängig vom globalen Klassik-Jetset machen.
Wir brauchen aber auch Inspiration von außen, von den großartigen Interpreten, die wir einladen. Diese Persönlichkeiten sind eine Bereicherung für uns. Übrigens suchen auch jene Kolleginnen und Kollegen, die viel solistisch auftreten, bei uns etwas, das sie als Einzelkünstler eben nicht bekommen: den Ensemblegeist nämlich, das Gefühl, Teil eines Organismus zu sein.

Weltweit gefragte Orchester wie die Berliner Philharmoniker hinterlassen riesige CO2-Fußabdrücke, weil sie viel auf Tournee gehen. Jetzt fallen diese Reisen aus, gerade mussten Sie ein großes USA-Gastspiel absagen. Könnte Corona zum Katalysator werden, wenn es darum geht, über Klassik und Umweltschutz nachzudenken?
Vom Städtehopping insbesondere auf Interkontinental-Tourneen haben wir uns schon vor Jahren verabschiedet. Was früher normal war, an jedem Ort nur ein Konzert zu geben und dann ins nächste Land weiter zu fliegen, manchmal mehrere Kontinente auf einer Tournee abzuklappern, das machen wir nicht mehr. Aber wir wollen weiter live erlebbar sein für unsere Fans überall auf der Welt. Unser Ziel muss aber sein, dabei auch einen künstlerischen Fußabdruck zu hinterlassen.

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Indem wir in wichtigen Städten mehrere Tage verweilen, mindestens zwei Konzerte spielen, Education-Projekte realisieren, Kammermusik machen, unsere Proben für die Studierenden vor Ort öffnen, an den lokalen Hochschulen unterrichten. So kann eine Reise nachhaltig wirken, so kann ein wirklicher kultureller Austausch entstehen. Wir werden uns künftig mehr mit der Szene vor Ort vernetzen – und wir wollen uns nicht mehr verbiegen, was die Werkauswahl betrifft. Das sollen nicht mehr nur die Hits des Repertoires sein, wie die Veranstalter es sich wünschen, sondern ausschließlich Kompositionen, die uns als Orchester wichtig sind. Jedes Tour-Programm muss ein Statement sein.

Sie haben vor zwölf Jahren die Digital Concert Hall erfunden, ein Pilotprojekt auf dem Gebiet des Streamings, das jetzt in aller Munde ist. Dort sind mittlerweile Hunderte von Konzerten in technischer Spitzenqualität abrufbar. Reicht das nicht aus, um als Berliner Philharmoniker global präsent zu sein?
Nein, denn es handelt sich ja dabei um ein Zusatzangebot zu unseren Live-Auftritten. Als wir den analogen Konzertsaal zumachen mussten, haben wir den digitalen für alle aufgeschlossen. In den ersten drei Wochen mit kostenlosem Zugang hatten wir über 700.000 neue Registrierungen, normalerweise sind es pro Monat 10.000. Das hat uns natürlich sehr gefreut. Und dennoch ist ein Konzertmitschnitt immer nur ein Hilfsmittel für die Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Letztlich geht nichts über das Erlebnis im Saal, das sage selbst ich als Geschäftsführer der Digital Concert Hall.

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