Robert (C hristian Tschirner) kanzelt seine Schwester Christina (Caroline Peters) in "Ödipus" ab. Foto: Gianmarco Bresadola
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„Ödipus“ und „Die Mutter“ in Berlin Auf die Barrikaden

Thomas Ostermeier inszeniert „Ödipus“ an der Schaubühne und Christina Tscharyiski bringt „Die Mutter“ am Berliner Ensemble auf die Bühne.

Was für eine Urlaubsidylle: Die Chemiekonzernchefin Christina steht verträumt am Smoothie-Maker und trägt stolz an ihrem Schwangerschaftsbauch, Freund Michael joggt – wir sehen es im Video neben der Küchenzeile – beglückt durchs griechische Feriendorf.

Es dauert freilich nicht lange, bis die Bewegtbildstrecke sich dramatisch ändert: Eine Livekamera zoomt nahe ans Küchengerät heran, und schon vermanschen sich auf der Leinwand rote Obststücke zu einem zähflüssigen, (kunst-)blutaffinen Brei.

Maja Zade überschreibt das antike Stück

Ein Wink mit dem Zaunspfahl, den sicher die wenigsten gebraucht hätten: Mit trauter Familienharmonie hatte in der Schaubühne ohnehin niemand gerechnet; schließlich steht eine zeitgenössische Überschreibung der antiken „Ödipus“-Tragödie auf dem Programm.

Erdacht hat sie die Dramaturgin und Dramatikerin Maja Zade, inszeniert der Intendant Thomas Ostermeier – in einem von Bühnenbildner Jan Pappelbaum entworfenen Ferienvillenambiente mit Neonröhren-Rahmung, Topverdienerinnen-Mobiliar und Sandstrand-Vorhof nebst Außenessplatz. Nach der Uraufführung Anfang September beim Theaterfestival im griechischen Epidauros ist die Produktion nun am Lehniner Platz angekommen.

Wie schon in ihrem Stück „Abgrund“ vor zwei Jahren – ebenfalls in der Regie des Schaubühnen-Intendanten – schwebt Zade offenbar eine Art Milieustudie vor, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Blase, bei der man, womöglich nicht zu Unrecht, einen hohen Überschneidungsgrad mit dem Publikum vermutet. Und wieder steht die Frage im Raum, wie sich die Mitglieder dieser Bubble verhalten, wenn ein Schicksalsschlag oder Wahrheitsmoment sie erschüttert.

Die ödipale Familie wird bei Maja Zade zum mikroskopischen Modellfall, wo – intendiertermaßen auf Well-Made-Dramatik heruntergebrochen – sämtliche Diskurssujets auf den Designer-Tisch kommen, die in der Gesellschaft der Firmeneigner und ihrer woken Kinder zurzeit virulent sind: Alter patriarchaler Führungsstil bekämpft neue Enthierarchisierungsideen, Old-School-Vertuschungsrhetorik ächzt mit letzter Kraft gegen jugendliches Transparenz-Ethos an, und dumpfer Machismo versteht die Welt des feministischen Empowerments nicht mehr.

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So weit, so gesellschaftstheoretisch stimmig. Schade allerdings, dass das Stückpersonal bei Zade zu derart plakativem Thesenträgertum verdammt ist! Das beginnt schon bei Christinas Bruder Robert, dem Kreon-Wiedergänger aus der antiken Version, den Christian Tschirner als ein derartiges Klischeekonglomerat aus Sexismus, raubtierkapitalistischer Skrupellosigkeit und generell situationsübergreifender Kotzbrockigkeit spielen muss, dass man ihn in seiner ostentativen Vorgestrigkeit fast schon gerührt ins Museum stellen möchte.

Die unglaublich schlechte Energie, mit der er seine Schwester beim Smoothie-Ritual überfällt, um sie als unrechtmäßig in die Chefinnen-Position gestolperte „Hausfrau“ abzukanzeln und ihr in mindestens 20 Varianten hormonbedingte Unzurechnungsfähigkeit an den klugen Kopf zu werfen, sucht im Stereotypentheater ihresgleichen. Logisch, dass auch der von Renato Schuch gespielte Ödipus – bei Zade eben Christinas deutlich jüngerer Freund, Kindsvater und gleichzeitig auch der jugendlich frische Firmenmitarbeiter mit den innovativen Ideen, Michael – zum beruflich kompetenzfreien „Toyboy“ abklassifiziert wird.

Constanze Becker (Mitte) singt mit der Bühnenband "Die Mutter"- Foto: JR/Berliner Ensemble Vergrößern
Constanze Becker (Mitte) singt mit der Bühnenband "Die Mutter"- © JR/Berliner Ensemble

Die Untersuchung, die die ganze ödipale Tragödie ans Licht bringt, entzündet sich in Zades Überschreibung am Autounfall eines firmeneigenen Chemietransporters, bei dem nicht nur der frühere Firmenchef, Christinas (ungeliebter) Gatte Wolfgang, ums Leben kam, sondern auch eine Substanz auslief, die zu einer Gefahr für die Anwohner werden könnte.

Da das Spannungsmoment natürlich nicht darin liegt, ob, sondern vielmehr wie sich die antiken Motive um Ödipus’ (unwissentlichen) Vatermord und seine ahnungslose Beziehungsanbahnung mit der eigenen Mutter im Einzelnen entblättern, sei lediglich verraten, dass der Plot nicht an räuberpistolenhaften Volten spart. Was gut verkraftbar wäre, wenn sich denn die angepeilte Gesellschaftsanalyse einstellte.

Doch der Abend hakt leider an einer späten Emanzipationsgeschichte, die zu einem handlungstragenden Motiv wird: Wie soll man dieser großartigen, gewitzten Schauspielerin Caroline Peters, die sich als Christina aus der Holzschnitthaftigkeit der Vorlage maximal befreit und die in ihrer Souveränität augenscheinlich nicht anders kann als meilenweit über diesem piefigen Geschlechterrollenelend zu stehen, in das sie da hineingezogen wird, bloß glauben, dass sie sich, wie ihre Figur nach und nach offenbart, von ihrem tyrannischen Ex jahrelang zum Mäuschen machen ließ?

Selbst „Lob des Kommunismus“ wird gesungen

Ebenfalls eine Emanzipationsgeschichte – wiewohl etwas anderer Couleur, nämlich von der schreib- und leseunkundigen Dulderin zur glühenden Revolutionärin und Barrikadenkämpferin – erzählt auch die österreichisch-bulgarische Regisseurin Christina Tscharyiski im Neuen Haus, der Zweitbühne des Berliner Ensembles, mit ihrer Brecht-Lehrstück-Inszenierung „Die Mutter“. Und auch hier ist es die schauspielerische Protagonistin – Constanze Becker – der Grund, aus dem man dem Befreiungsgeschehen zumindest zeitweise gern folgt, allerdings unter Verdrängung wesentlicher inhaltlicher Fragen. Denn dass Tscharyiski den Brechtschen Marxismus quasi als direkt heutig anschlussfähig erklärt, überrascht dann doch ein wenig.

Schmissig intoniert eine Band namens „Die Mutter“ die alten Brecht-Eisler-Songs und schreckt auch vor dem berüchtigten „Lob des Kommunismus“ nicht zurück, mit dem viele ostsozialisierte Schülergenerationen nicht die besten Erinnerungen verbinden. In gewisser Weise also auch ein Fall fürs Museum. Wiewohl es bei der Premiere für die revolutionären Botschaften tatsächlich Zwischenapplaus gab.

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