Eingerüstet: Das Gewölbe der Kathedrale ist noch immer gefährdet. Foto: AFP
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Notre-Dame „Das Gleichgewicht der Kathedrale ist gestört“

Der Architekt Marc Perelman über die städtebauliche Bedeutung und den aktuellen Zustand von Notre-Dame.

Marc Perelman, 65, ist Professor für Ästhetik an der Universität Paris Ouest-Nanterre La Défense. Der Architekt veröffentlichte zahlreiche Bücher, unter anderem über Stadien und Le Corbusier. Vor kurzem erschien von ihm ein Aufruf in der Tageszeitung „Figaro“ unter der Überschrift: „Retten wir Notre-Dame vor den Olympischen Spielen!“

Monsieur Perelman, was halten Sie von den bisherigen Wiederaufbau-Plänen für Notre-Dame?

Zuerst einmal gibt es ein Problem mit den Begrifflichkeiten. Notre-Dame muss nicht wiederaufgebaut werden, weil die Kirche nicht zerstört ist. Es wird keine neue Kathedrale anstelle der alten geben. Stattdessen handelt es sich eher um eine Renovierung, in erster Linie des Gewölbes und des Dachs. Die teilweise Zerstörung des Gewölbes hatte eine destabilisierende Wirkung, die die Strebebögen nicht auffangen können. Das Dach mit all seinem Blei wog mehr als 200 Tonnen, und der Wegfall dieses Gewichts wirkt sich bis zu den Bögen aus – das ganze Gleichgewicht der Kathedrale ist gestört. Die Frage, welches Material man einsetzen sollte, ist deshalb komplex. Es darf nicht leicht – aber darf es schwer sein? Wie sehr man sich ans Original halten kann, hängt davon ab, was strukturell möglich ist. Die Vorschläge einiger Pseudo-Architekten, die sogenannte moderne Materialien vorsehen, wie Glas, Beton oder Titan, hätten in der Realität keine Sekunde Bestand.

Sie haben die Eile, die Kathedrale zu Olympia 2024 wiederzueröffnen, kritisiert.

Warum verbindet man zwei unterschiedliche Zeitebenen miteinander: die der Renovierung der Kathedrale und die eines sportlichen Wettbewerbs? Dafür gibt es verschiedene Gründe, die meiner Meinung nach viel mit den Olympischen Spielen selbst zu tun haben. Man versucht, die Heldentat, die ein schneller Aufbau von Notre-Dame bedeuten würde, mit dem sportlichen Wettbewerb zusammenzubringen, dessen Geist eben in Heldentaten besteht.

Gibt es eine historische Rekonstruktion, an der sich Paris orientieren könnte?

Paris ist eine einzigartige Stadt, gleichermaßen in Bezug auf seine Architektur wie auf seine urbane Struktur. Sie ist ihr eigenes Modell, das keine Entsprechung hat. Sein historisches Zentrum – der Marais – ist zum großen Teil durchs Mittelalter geprägt, während die meisten anderen Viertel tiefgreifend durch die Umbauten des Baron Haussmann im 19. Jahrhundert verändert wurden. Die Silhouette der Stadt wird durch strikte Vorgaben begrenzt. Hier und da durchbrechen einige Gebäude diese Höhe, unter anderem Notre-Dame, das geopolitische Zentrum von Paris. Der Vierungsturm ist das ultimative Zeichen der Kathedrale, das in den Himmel deutet. Er hat überdies eine sehr starke symbolische Bedeutung. Hätte er die immer noch? Wir brauchen eine Debatte, über unseren Bezug zur Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft. Ich für meinen Teil bin für die Rekonstruktion: ein neuer Vierungsturm, ein hoher, zentraler, symbolischer Punkt im Pariser Himmel.

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