Einzigartiger Stil. In Nell Zinks Prosa wechseln sich ultrakurze Sätze mit verwegenen Nebensatz-Elegien ab. Foto: Rowohlt
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„Nikotin“ von Nell Zink Schön durchgeraucht

Carsten Otte
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Form, Funktion und Freiheit: Nell Zinks großartig wilder und aberwitziger Roman „Nikotin“ erzählt vom Neubeginn einer jungen Frau nach dem Tod ihres Vaters.

Penny ist eine rotzfreche Göre. Sie klaut der Mutter Zigaretten, stört den Halbbruder beim Sex und erzählt Lügengeschichten, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Kleine aber wird groß, und der heiß geliebte Vater, eine Art schamanistischer Guru, liegt im Sterben. Niemand außer Penny kümmert sich um den todkranken Norm, und so langsam bekommen wir eine Ahnung von den komplizierten Familienverhältnissen, die in Nell Zinks Roman „Nikotin“ erzählt werden. Amalia ist zwar Pennys Mutter, gibt für Freunde und Nachbarschaft auch die Rolle der Ehefrau, tatsächlich ist sie aber Norms adoptierte Tochter. Die Mutter von Pennys beiden Halbbrüdern Matt und Patrick wiederum ist spurlos verschwunden. Amalia hat die Jungs, die älter sind als sie, nicht erziehen können, was nicht weiter verwundert, denn Pennys Mama ist in Matt verliebt.

Das familiäre Chaos, das die Protagonisten nicht so recht durchblicken, stellt auch den erzählerischen Motor auf der oberen Ebene des Romans dar. Penny jedenfalls versteht erst spät, woher Matts sexuelle Aggressionen kommen und warum Patrick in die Ferne geflüchtet ist. Tatsächlich geht es in diesem wendungsreichen Roman weniger um die familiären Bürden, die zentnerschwer auf der Figur lasten, sondern vielmehr um die Chance auf Freiheit in einem sozialen System mit starken inneren und äußeren Zwängen. Dazu gehört für Penny auch, den sterbenden und leidenden Vater im Hospiz zu begleiten. Die auktoriale Erzählstimme vermerkt schließlich trocken und dennoch doppelsinnig: „Eine Woche später hört Norm ohne einen weiteren Klagelaut auf zu sterben.“ Der Tod, den Nell Zink ohne Pathos nicht nur als ein Ende des Sterbens, sondern auch als Eintritt in ein anderes Leben erzählt, wird zur Neugeburt der jungen College-Absolventin Penny.

Rausch und Betäubung als Grundmodus des Zusammenlebens

Sie möchte ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen, auch wenn sie nicht genau weiß, wie ihr Leben eigentlich aussehen soll. Nach der Beerdigung nimmt sie sich zunächst einmal vor, Norms angeblich verfallenes Elternhaus zu renovieren, aber dort wohnt schon eine Gruppe von Anarchisten, die das Haus besetzt und nach ihren Vorstellungen instand gesetzt hat, eine bunte Gemeinschaft um die beiden Gründungsmitglieder Jazz und Rob. So eigensinnig die Hausbesetzer sind, unter ihnen herrscht ein strenges Toleranzgebot, sodass selbst Penny als potenzielle Mitbesitzerin des Hauses nicht vom Hof gejagt, sondern Teil der lebenslustigen und politisch umtriebigen WG wird. Nur haben Mutter Amalia und Halbbruder Matt andere Pläne mit dem Haus. Sie möchte mit einem Verkauf des Grundstücks schnelles Geld machen, er, Matt, denkt an eine langfristige Investition. Warum das Gebäude nicht renovieren und mit Buchladen und Yoga-Studio ausstatten, warum die Besetzer nicht einbinden in den Transformationsprozess, um dann richtig Kasse zu machen?

„Nicotine“ nennt sich die Wohngemeinschaft, und geraucht wird in dem Haus ständig, Rausch und Betäubung gehören hier zum Grundmodus des Zusammenlebens. Nell Zink schafft es, mit ironischer Finesse aus dieser seltsamen Raucherzone zu berichten, ohne die Charaktere zu verraten. Sie bleibt ihren Helden, die nichts mit dem Amerika der ständigen Aufsteiger zu tun haben wollen, aber oft an den eigenen Ansprüchen scheitern, auf wohlwollende und dabei schonungslose Art verbunden – als habe sie solche oder ähnliche Zeitgenossen irgendwo in ihrem früheren Leben mal getroffen.

Pageturner mit herrlich absurdem Finale

Die Schriftstellerin Nell Zink hat, wie man auch in ihrem 2016 veröffentlichten Debüt „Mauerläufer“ feststellen konnte, eine Vorliebe für aberwitzige Konfrontationen und wilde Sexszenen. So treibt sie die liebesbedürftige Penny in die Arme von Rob, der sich auch rührend um sie kümmert, aber nicht mit ihr schlafen möchte. Die extrovertierte, aber hochsensible Jazz fühlt sich ausgerechnet zum Großkapitalisten Matt hingezogen, für den Sex wenig mit Zuneigung, sondern vielmehr mit mangelnder Aggressionskontrolle zu tun hat.

Der Roman steuert auf ein herrlich absurdes Finale zu und entwickelt sich zu einem Pageturner, was beim Stil der Autorin durchaus erstaunlich ist. Zink arbeitet mit abrupten Zeitsprüngen und literarischen Tempowechseln. Mal beweist sie Gespür für atemlose Dialoge, dann wieder lässt sie sich Zeit für gewitzte Reflexionen. Ultrakurze Sätze wechseln sich mit verwegenen Nebensatz-Elegien ab.

„Präsens ist ein taktischer Fehler“, heißt es an einer Stelle. Aber das Wutpräsens, das Nell Zink in diesem von Michael Kellner sehr präzise ins Deutsche übertragenen Roman gnadenlos einsetzt, erweist sich als notwendige literarische Strategie für den Stoff. Zinks Erzählen ist nämlich kein nostalgisches Erinnern an lustige Hausbesetzerzeiten, ihr Roman ist keine Satire oder Parodie auf Lebensentwürfe, die in der Rückschau spätpubertär oder sonst irgendwie verquer anmuten. Die Frage, wie wir leben und lieben wollen, wird im Hier und Jetzt gestellt, und Nell Zink erinnert mittels der intellektuellen und emotionalen Wildheit ihrer Figuren daran, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als man zuweilen glauben mag.

„Freiheit“ hieß einer der großen Romane von Zinks literarischem Ziehfreund Jonathan Franzen, der sie nach einer spontanen, sich um Zugvögel drehenden Korrespondenz dazu ermutigt hatte, selbst literarisch tätig zu werden. Franzen hat in „Freiheit“ von der Unfreiheit der Menschen in modernen Industriegesellschaften erzählt. Nell Zink hingegen betitelt ihr Freiheitsepos knapp mit „Nikotin“, jenem Stoff also, der einst ein Symbol der lebensweltlichen Freiheit war, aber süchtig und unfrei macht. Denn erst als Rob seine Nikotinsucht bekämpft, verschwindet seine vorgebliche Asexualität, schnuppert er wieder am Reich der sexuellen Freiheit.

Mit ihrem inzwischen dritten Roman (ihr zweiter, „Mislaid“, ist noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen) zeigt die 1964 geborene amerikanische Schriftstellerin, dass ihr Schreiben sich zu einer ambitionierten Profession entwickelt hat. Was ihren Formwillen und ihr Erzählkönnen angeht, ist die im brandenburgischen Bad Belzig lebende Nell Zink ein Phänomen – denn ihr Stil ist im besten Sinne singulär. „Nikotin“ ist ein heftiges und trotzdem enorm gut durchgearbeitetes Stück Literatur.

Nell Zink: Nikotin. Roman. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 398 Seiten, 22,95 €.

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