Nick Cave Foto: Laurent Gillieron / dpa
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Nick Cave live in der Waldbühne Der dunkle Prophet begeistert das Berliner Publikum

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Zwischen Melancholie und heftiger Leidenschaft: Nick Cave und die Bad Seeds ziehen das Publikum in der Berliner Waldbühne in ihren Bann.

Nick Cave ist der Albtraum jeder Security-Firma. Bei Stars vergleichbarer Prominenz wird sonst peinlich genau darauf geachtet, dass sich bei Live-Auftritten bloß kein Zuschauer dem Künstler auf mehr als zwei Schritte nähert. Cave hingegen sucht das Bad in der Menge: Er reckt sich über Absperrungen, greift nach Händen, lässt sich herabziehen, entert Kamerabühnen, lässt sich T-Shirts als Handtuch für das verschwitzte Gesicht reichen, kann nur mit Mühe vom Stagediving abgehalten werden, holt am Ende über 40 Zuschauer mit sich auf die Bühne, singt mit ihnen, tanzt mit ihnen, lässt sich umarmen.

Er schafft dies, ohne anbiedernd zu wirken und auch ohne die Aura der unnahbaren Düsterikone gänzlich abzulegen, als die er einst im Berlin der Achtziger Jahre zum sinisteren Poeten an der Seite des Einstürzende Neubauten-Gitarristen Blixa Bargeld aufstieg. Cave weiß, dass seine Musik Dunkelheit benötigt, auch an diesem Samstag, als er am frühen Abend die Berliner Waldbühne betritt: „Tageslicht – schrecklich!“, so der erste Kommentar des 60-jährigen Australiers, wie immer gekleidet im schwarzen Anzug und weißen Hemd.

Doch selbst bei solchen Lichtverhältnissen fesselt Cave sein Publikum von der ersten Minute an. Mit schlaksigen Bewegungen tigert der Frontmann der legendären Bad Seeds über die Bühne, betört, beschwört und donnert seine Texte über Erlösung, Verlust, Gott, Liebe und Schmerz ins Mikro, wechselt mühelos zwischen zarter Melancholie und heftiger Leidenschaft, von Balladen wie „The Ship Song“ zu Brechern wie „Tupelo“.

Viele Songs aus dem Album „The Skeleton Tree“

Eigentlich wünscht man sich jemanden wie Cave ja in einem dunklen Club, welcher der Dichte und Intensität seiner Musik gerecht wird, doch die Präsenz, die Cave ausstrahlt, füllt selbst das gewaltige Rund der Waldbühne fast vollständig aus. Nicht nur in den lauten, krachenden Momenten wie „Loverman“ wird dies deutlich, mehr noch in den stillen, wie dem romantischen Bekenntnis von „Into My Arms“.

Wie ein dunkler Prophet kommt er von der Bühne herabgeschritten, kniet nieder, um seine Anhänger zu segnen, ergreift die nach ihm ausgestreckten Hände und hält sie lange fest. Wie er es schafft, bei einem über 20 000-köpfigen Publikum eine solche Intimität zu erzeugen, ist atemberaubend. Wellen der Dankbarkeit branden nach jedem Song aus den Reihen der Zuschauer zurück.

„Endlich ist es dunkel“, freut sich Nick Cave nach einer guten Stunde über das schwindende Tageslicht am Berliner Himmel. Endlich Zeit für „The Weeping Song“, einem der Klassiker aus den Berliner Jahren, den Cave mit unnachahmlicher Grabesstimme intoniert. Fast fühlt man sich ein wenig schuldbewusst, dass es so schön ist, jemandem beim Leiden zuzusehen, doch dafür besitzt Cave ein einzigartiges Talent. Nicht von ungefähr gibt es an diesem Abend viele Songs aus seinem letztem, 2017 erschienenen Album „The Skeleton Tree“ zu hören, in dem der Musiker den Tod seines 15-jährigen Sohnes verarbeitet.

Die Bad Seeds sind bestens aufgelegt

Doch Cave ist mehr als nur der Schmerzensmann mit der hohen Grüblerstirn, auf den er oft reduziert wird, er rockt, er tanzt, er jauchzt, er keift, er erzählt, er jubelt. Lustvoll und ehrlich durchschreitet er jede seiner Karrierephasen und beweist sogar Selbstironie, als er sich plötzlich ans Klavier setzt und grinsend ein paar schiefe Töne dazwischen klimpert, und das in einem so gigantischen Song wie „Do You Love Me?“

Auch die Bad Seeds sind bestens aufgelegt, wenngleich ihre Präsenz gegenüber der des Meisters natürlich verblasst – ausgenommen Warren Ellis, der als mephistophelischer Derwisch an Gitarre und elektrischer Geige immer wieder für Noise-Eruptionen sorgt. Nur an einer Stelle funktioniert dies nicht wirklich. Schon nach dem vierten Song kommt mit dem überlangen „From Her To Eternity“ die lauteste und heftigste Nummer des Abends, zu dem Cave und Ellis auf dem Boden liegend die Anlage der Waldbühne an ihre akustische Grenzen treiben. Zu früh (es ist auch noch hell) und etwas zu aufgesetzt wirkt dieser Exzess aus Caves Post-Punk-Debüt von 1984.

Kaum ein Künstler schafft es, derart intensiv und eng mit dem Publikum in Kontakt zu stehen und gleichzeitig auf ihm zu spielen, wie auf einem geliebten Instrument. Die einzigen, die diesen Abend in nicht so guter Erinnerung behalten könnten, sind die Security-Mitarbeiter der Waldbühne, die nach dem letzten Song vermutlich ein Beruhigungsmittel nehmen mussten.

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